Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Interview

Syrien: Kurden sind zwischen den Fronten

Mit der Schlacht um Idlib naht das Ende des Bürgerkriegs. Damit verändert sich auch die Situation der Kurden im Nordosten des Landes. Expertin Gülistan Gürbey spricht über die aktuelle Lage und Perspektiven der Minderheit.
Stefan Welzel
Gebäude im Norden Idlibs wurden durch Luftangriffe zerstört.Bild: AP (Mahambal, 4. September 2018)

Gebäude im Norden Idlibs wurden durch Luftangriffe zerstört.
Bild: AP (Mahambal, 4. September 2018)

Bei den Syrien-Gesprächen zwischen Russland, der Türkei und dem Iran heute in Teheran werden Weichen für das Vorgehen in Idlib sowie die Nachkriegsordnung gestellt. Syriens Machthaber Baschar al-Assad würde nach einem Sieg gegen die Rebellenmilizen den Fokus wieder verstärkt auf den von Kurden verwalteten Nordosten des Landes richten. Was das für die ethnische Minderheit bedeutet und wie die anderen involvierten Mächte auf diese absehbare Entwicklung reagieren, erklärt die deutsch-kurdische Politologin Gülistan Gürbey.

Gülistan Gürbey, was könnte bei den Gesprächen beim Dreiergipfel in Teheran herauskommen? Ist eine Schlacht um Idlib doch noch abzuwenden?

Russland, die Türkei und der Iran sprechen ja schon seit Januar 2017 im Rahmen der Astana-Runde miteinander. Ergebnis waren die Deeskalationszonen, in denen die jeweiligen Schutzmächte ihren Einfluss geltend machen. In und um Idlib ist das die Türkei, welche aber die Abmachung, das Gebiet von den radikalislamistischen Milizen zu befreien, nicht eingehalten hat. Nach wie vor möchte die Türkei den Einmarsch des Assad-Regimes und seiner Verbündeten in Idlib verhindern, weil eine grosse Flüchtlingswelle droht. Ein wesentlicher Punkt der Gespräche wird daher wohl sein, inwieweit die Türkei es doch noch schaffen würde, die angeblich moderaten Rebellengruppen von den radikalislamistischen zu trennen, wie es Russland verlangt. Aber ich glaube nicht, dass eine Schlacht zu vermeiden ist. Die Interessenslagen sind zu unterschiedlich. Am Ende wird ein von radikalislamistischen Kräften befreites Idlib das Ergebnis sein. Daran haben alle Parteien ein Interesse, jedoch mit unterschiedlichen Zielsetzungen und Vorstellungen, wie das zu erreichen ist.

Ein wesentlicher politischer und militärischer Faktor in Syrien sind die Kurden im Nordosten des Landes. Was bedeutet der nahe Sieg des Regimes für sie?

Wenn Idlib fällt, gibt es in Syrien nur noch ein Gebiet, dass nicht unter Assads Kontrolle ist – und das ist das von den Kurden verwaltete Gebiet unter Führung der PYD (Syrische Schwesterpartei der in der Türkei verbotenen PKK; Anm. d. Red.). Das Regime hat ja bereits angekündigt, hier wieder die Oberhand erlangen zu wollen – entweder durch Verhandlungen oder im Notfall auch militärisch. Doch einen Krieg mit dem Regime wollen die Kurden nicht. Sie stehen zwischen mehreren Fronten. Dass sie zurzeit vermehrt das Gespräch mit dem Assad-Regime suchen, ist ein Ergebnis dieser schwierigen Lage. Ziel von PYD und deren militärischem Arm YPG ist nicht ein zersplittertes, sondern ein einheitliches, aber föderales Syrien mit einem autonomen kurdischen Teil. Die hart erkämpfte Eigenständigkeit wollen sie nicht wieder verlieren.

Wie realistisch ist das im Ringen mit einem erstarkten Assad-Regime?

Das ist bestimmt nicht einfach zu erreichen. Aber gerade der wichtige Assad-Verbündete Russland hat ein Interesse daran, dass das politische System Syriens dezentralisiert wird. Der erste von Russland vorgelegte Verfassungsentwurf für ein Nachkriegs-Syrien vor rund anderthalb Jahren sah eine Form von kultureller Autonomie für die Kurden vor. Dass diese auch nach dem Ende des Konflikts so viel Autonomie beibehalten können, wie sie sie aufgebaut haben, dürfte schwierig werden. Wahrscheinlicher ist eine Form von Selbstverwaltung auf einem niedrigeren Niveau.

Die Kurden der YPG waren die wichtigsten militärischen Verbündeten der USA beim Sieg gegen den IS, welcher auch von Russland bekämpft wurde. Können die Kurden wenigstens ein wenig auf die Unterstützung der Grossmächte spekulieren?

Grundsätzlich können sich die Kurden auf keine stabilen strategischen Partnerschaften verlassen. Das hat unter anderem der türkische Einmarsch in Afrin gezeigt. Russland gab dazu grünes Licht, und die USA haben sich zurückgehalten. Die Amerikaner konzentrieren sich auf das Gebiet östlich des Euphrats. Auch die Unterstützung des Assad-Regimes, auf die die Kurden ein Stück weit hofften, blieb aus. Sie standen alleine da. Jenseits der Tatsache, dass sie die schlagkräftigsten Bodentruppen bei der Befreiung Syriens vom IS stellten, gibt es keine Garantie, dass die USA ihnen in Zukunft den Rücken stärken werden. Dasselbe gilt für Russland.

Was für ein Vorgehen ist nach Kriegsende von der Türkei in nordsyrischen Kurdenfrage zu erwarten?

Ankara wird weiterhin mit allen Mitteln Druck ausüben, um eine kurdische Autonomie zu verhindern. Derzeit sucht sie nach Wegen, um die laufenden Gespräche der Kurden mit dem Assad-Regime zu torpedieren. Die Türkei sucht deshalb auch den Kontakt zu konservativen und islamischen Kräften innerhalb der Kurdengemeinschaft, die sie dann für ihre Interessen einzuspannen versucht. Zu diesen Ansprechpartnern gehören zum Beispiel Teile des Kurdischen Nationalrats in Syrien (KNR/diesem gehören Parteien vom bürgerlich konservativen bis moderat linken Spek­trum an; Anm. d. Redaktion). Gleichzeitig versucht die Türkei, auch mit dem verfeindeten Assad-Regime ins Gespräch zu kommen. Strategisch und taktisch hat Ankara bislang immer flexibel reagiert, um seine Interessen durchzusetzen.

Wie sieht die politische Situation innerhalb des kurdisch kontrollierten Gebietes in Syrien aus?

Die PYD und YPG bilden die stärkste Kraft. Andere kurdische Parteien und Organisationen sind in der Bevölkerung nicht so breit verankert und stehen der PYD und ihrem Machtanspruch kritisch gegenüber. Und genau dort, wo Brüche zwischen den Lagern existieren, versucht die Türkei einzugreifen und die Kurden gegeneinander auszuspielen.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Anhand von Afrin ist das gut zu sehen. Seit der Eroberung bindet Ankara dort Parteien aus dem KNR und islamistische Kreise in die Lokalverwaltung mit ein und ist somit bestrebt, die vormals dominierende PYD auszuschalten. Das Ziel Ankaras ist und bleibt es, die PKK-nahen Gruppen zu vertreiben. Die Türkei sieht lieber radikalislamistische Kräfte nahe ihrer Grenzen in Nordsyrien als säkular orientierte Kurden.

Im Nordosten leben, das wird oft etwas übersehen, nicht nur Kurden. Wie gross ist die Zustimmung anderer Bevölkerungsteile zur PYD-Politik?

Anspruch der PYD ist es, ein auf Basisdemokratie und Geschlechtergerechtigkeit basierendes Gesellschaftssystem aufzubauen. Sie hat dabei relativ stabile Strukturen etabliert und alle Bevölkerungsteile einbezogen. Damit zeichnet sie ein Gegenbild zu autoritären Systemen in der Region und geniesst Sympathie. Gleichwohl bleibt der Machtanspruch der PYD ein kritischer Punkt.

Gegebenenfalls Assad unterdrückt in Zukunft föderale Bestrebungen im kurdischen Gebiet rigoros. Ist dann mit einer Fluchtbewegung vieler Kurden in Richtung Nordirak zu rechnen?

Das hängt davon ab, ob Baschar al-Assad mit Gewalt vorgehen würde. Fakt ist, dass sich schon rund eine halbe Million syrisch-kurdischer Kriegsflüchtlinge in der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak befindet. Eine Aggression Assads würde weitere Flüchtlingsströme, auch in Richtung Nordirak, nach sich ziehen. Aber man darf nicht vergessen, dass die Amerikaner östlich des Euphrats in Nordsyrien Militärbasen unterhalten. Die Frage wäre dann, wie diese auf eine Militäraktion Assads reagieren würden.

Gülistan Gürbey ist Dozentin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. Ihre Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Friedens- und Konfliktstudien sowie internationaler Minderheitenschutz mit Fokus auf den Nahen Osten, die Türkei, die Kurden, Zypern sowie Deutschland und die EU.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.