Affäre-DSK
Kurzauftritt von Strauss-Kahn wirft in Paris höchste Wellen

Der ehemalige Währungsfonds-Direktor Dominique Strauss-Kahn hat wie erwartet auf nicht schuldig plädiert. Die französischen Medien machten daraus aber ein stundenlanges Live-Spektakel.

Stefan Brändle, Paris
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Strauss-Kahn mit seinem Anwalt Brafman vor Gericht

Strauss-Kahn mit seinem Anwalt Brafman vor Gericht

Keystone

Sie standen seit dem Morgengrauen vor dem Strafgericht von New York, und weil es nichts zu berichten gab, berichteten sie über sich selbst. «Der Pulk der französischen Journalisten verdichtet sich vor dem Gebäude», meldete eine Presseagentur gegen acht Uhr nach Paris.

Zahlreiche Fernsehsender informierten in stundenlangen Live-Sendungen über einen Gerichtstermin ohne jede Spannung. Denn die Anwälte von Dominique Strauss-Kahn hatten zum Vornherein erklärt, dass sich ihr Klient für nicht schuldig halte. Mehr wollte das Gericht am Montag auch nicht wissen.

«Er hat seine Wohnung verlassen»

Selbst seriöse Radiosender wie der staatliche France-Info fragten sich jedoch, was geschehen würde, wenn die Anklägerin «zum Beispiel» gestehen würde, sie sei schon fünf Mal wegen Prostitution verhaftet worden. Pech: Die Hotelangestellte, die Strauss-Kahn der Vergewaltigung und Freiheitsberaubung bezichtigt, musste bei dem Gerichtstermin nicht einmal zugegen sein.

Dafür berichteten die französischen Newssender um 9.31 Uhr, als wäre die Atombombe gezündet worden: «Strauss-Kahn hat seine Hausarrest-Wohnung in der Franklin Street soeben verlassen!» Um 9.45 Uhr erfuhren die Franzosen, dass der Angeklagte vor dem Gericht eingetroffen sei, zusammen mit seiner bei ihm eingehakten Frau Anne Sinclair und zwei Leibwächtern. Und dass eine Hundertschaft von Zimmerfrauen im Hoteldress «schäm dich!» skandierten.

Im Gerichtssaal sassen andere französische Journalisten vor ihren Kleincomputern (Handys waren untersagt) und schickten über Twitter Nachrichten nach Frankreich: «Strauss-Kahn ist eingetreten.» Die Korrespondentin des «Figaro» übermittelte eine Kurznachricht an ihr Online-Blatt: «Strauss-Kahn beobachtet die Wandinschrift ‹In God we trust›.»

Eine Fernsehkamera begann mit der Übertragung. Zu spät: Jetzt war schon alles vorbei, denn der angeklagte Franzose hatte auf die entsprechende Frage des Gerichtspräsidenten bereits geantwortet: «Not guilty.» Die Fernsehkamera hatte den einzig wichtigen Moment verpasst. Der Gerichtspräsident setzte den Prozessbeginn noch auf den 18. Juli an, dann berichteten die «envoyés spéciaux» bereits: «Strauss-Kahn verlässt den Gerichtssaal.»

Affäre wirft in Paris höchste Wellen

Der ganze Auftritt hatte kaum zehn Minuten gedauert. In den französischen Tagesschauen nahm das Nichtereignis doppelt so viel Zeit ein. Denn in Paris wirft die «Affäre DSK» nach wie vor höchste Wellen. Das erklärt sich nicht nur mit der Debatte um die IWF-Nachfolge oder die französischen Präsidentschaftswahlen, bei denen die Sozialisten nun einen neuen Spitzenkandidaten suchen müssen.

Es geht um viel mehr: Um Sex und Schande, im Hintergrund vielleicht um das Verhalten der Pariser Elite, die jetzt plötzlich am Pranger steht. «In Frankreich wäre eine solche Affäre nie ans Tageslicht gekommen», brachte ein anonymer Pariser Gerichtspräsident die Dinge auf den Punkt. Seinen Namen wollte er indes nicht nennen. Zu heiss ist die DSK-Affäre.