Grossbritannien

Labour-Politikerin auf offener Strasse erschossen

Eine Woche vor dem Referendum über die Mitgliedschaft Grossbritanniens in der EU ist die britische Labour-Abgeordnete Jo Cox nach einem Angriff gestorben. Der Täter war vermutlich ein Brexit-Befürworter.

Sascha Zastiral, London
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Polizisten und Kriminalbeamte sichern den Tatort in Birstall, einer Ortschaft in der Nähe von Leeds.

Polizisten und Kriminalbeamte sichern den Tatort in Birstall, einer Ortschaft in der Nähe von Leeds.

Keystone

Eine Woche vor dem Referendum über den Verbleib Grossbritanniens in der EU hat der Mord an einer Politikerin alle politischen Kampagnen zum Stillstand gebracht. Ein Angreifer hat am frühen Donnerstagnachmittag die Labour-Abgeordnete Jo Cox in ihrem Wahlkreis in der Nähe von Leeds auf offener Strasse niedergeschossen und auf sie eingestochen. Cox erlag im Lauf des Nachmittags ihren schweren Verletzungen.
Augenzeugen berichteten, die 41-Jährige sei nach dem Angriff blutend auf dem Boden gelegen. Ein Augenzeuge sagte, er habe mehrere Schüsse gehört. Dann habe er einen etwa 50-jährigen Mann gesehen, der ein graues T-Shirt und eine weisse Baseballkappe getragen habe. In der Hand habe er eine Pistole gehalten.
Britische Medien berichteten, ein Mann sei bei dem Angriff leicht verletzt worden, als er versucht habe, den Angreifer zu stoppen. Cox wurde mit einem Rettungshelikopter in ein Spital geflogen. Medien berichteten ferner, die Politikerin habe mehrere Schusswunden erlitten, eine davon am Kopf. Der Angreifer hat ihr zudem mehrere Stichverletzungen mit einem Messer zugefügt.

«Britain First»

Kurz nach der Tat nahm die Polizei den mutmasslichen Attentäter fest, einen 52-jährigen Mann. Einige Medien berichteten, Augenzeugen hätten gehört, wie er vor der Tat «Britain First» geschrien habe, den Namen einer rechtsextremen politischen Partei. Die Polizei erklärte dazu, in dieser Richtung werde ermittelt.
Labour-Chef Jeremy Corbyn erklärte, er sei über die Tat schockiert. Cox habe sich ihr Leben lang für Menschenrechte eingesetzt. Vor ihrer Wahl zur Abgeordneten engagierte sie sich in mehreren Menschenrechtsorganisationen. Auch Premierminister David Cameron zeigte sich entsetzt. Auf Facebook bezeichnete er den Tod der Politikerin als «Tragödie». Er sprach Cox’ Ehemann und ihren zwei Kindern sein Mitgefühl aus. Befürworter und Gegner des EU-Referendums sagten nach Bekanntwerden der Tat alle weiteren Veranstaltungen ab.
Cox traf sich häufig mit ihren Wählerinnen und Wählern und tauschte sich mit ihnen aus. Die Attacke vom Donnerstag ereignete sich, als Cox während eines solchen Treffens eine Pause einlegte. Am frühen Abend gaben sichtlich betroffene Vertreter der Polizei von West Yorkshire bekannt, dass die Politikerin ihren schweren Verletzungen erlegen sei. Erste Erkenntnisse deuteten darauf hin, dass es sich um einen Einzeltäter gehandelt habe.
Ein Abgeordneter der konservativen Partei berichtete von einem Vorfall, bei dem ein Mann kürzlich auch ihn bei einem Treffen mit Wählern mit dem Tod bedroht habe und gewalttätig geworden sei. Als die Polizei eingetroffen sei und ihn festgenommen habe, sei bei dem Mann ein Messer entdeckt worden. Ein Abgeordneter der Labour-Partei wies in einem Interview mit der BBC darauf hin, dass noch nicht klar sei, ob es sich um einen politischen Mord handele. Der Tonfall in der Debatte über das EU-Referendum müsse aber überdacht werden. Dieser sei in den vergangen Wochen immer aggressiver geworden.