USA
Land unter in Houston – die viertgrösste Stadt der USA versinkt im Wasser

Nichts geht mehr in Houston – Hunderttausende sitzen fest.

Renzo Ruf, Washington
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Dauerregen in Houston: Der Tropensturm «Harvey» überschwemmt ganze Strassenzüge der texanischen Millionenmetropole. Richard Carson/Reuters

Dauerregen in Houston: Der Tropensturm «Harvey» überschwemmt ganze Strassenzüge der texanischen Millionenmetropole. Richard Carson/Reuters

REUTERS

Irgendwann stellte Darby Douglas am Montagmorgen auf dem Fernsehsender «KHOU» in Houston die Frage, die derzeit wohl alle Bewohnerinnen und Bewohner der Millionenmetropole im Süden von Texas beschäftigt. «Wann wird die Sturm-Periode endlich zu Ende sein?» Die Antwort, die der altgediente Staureporter sich gleich selbst gab, während sein Sender Bilder der überschwemmten Grossstadt zeigte: «Vielleicht am Mittwoch, vielleicht am Donnerstag, vielleicht am Freitag.»

Tatsächlich wird der Tropische Sturm «Harvey», der in der Nacht auf Samstag in Hurrikan-Stärke an Land trat, zwischen Corpus Christi (Texas) im Westen und New Orleans (Louisiana) im Osten noch lange für missliche Umstände und geschlossene Strassen, Supermärkte, Schulen, Flughäfen und Industriebetriebe sorgen.

Meteorologen sagten am Montag zwar, dass die kommenden Regenfälle vielleicht weniger stark ausfallen könnten als noch am Wochenende prognostiziert. Aber die Wetterfrösche des nationalen Hurrikan-Zentrums NHC (National Hurricane Center) sprachen weiterhin von «katastrophalen» Überschwemmungen entlang der Küsten von Texas und Louisiana.

Und obwohl es lebensgefährlich war, sich auf den bereits überschwemmten Strassen zu bewegen, waren Tausende Rettungskräfte unterwegs, um betroffenen Menschen beizustehen. Die Stadtpolizei von Houston verbreitete deshalb den unkonventionellen Aufruf: «Jeder, der ein Boot besitzt und uns helfen kann», solle sich doch bitte melden. Unterstützt wurden die lokalen Rettungskräfte von gegen 1800 Abgesandten der bundesstaatlichen Katastrophenbehörde FEMA (Federal Emergency Management Agency).

Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
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Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey»
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.
Besonders dramatisch war die Lage am Sonntag in der Millionenmetropole Houston. Dort fielen innert 24 Stunden 60 Zentimeter Regen.
Mitglieder der Nationalgarde helfen den Einwohnern.
Mitglieder der Nationalgarde helfen den Einwohnern.
Die US Küstenwache unterstützt die Retter mit Hubschraubern.
Mitglieder der Nationalgarde helfen den Einwohnern.
Mitglieder der Nationalgarde helfen den Einwohnern.
Die Rettungskräfte im Einsatz.
Die Rettungskräfte im Einsatz.
Die Rettungskräfte im Einsatz. epa06167840 A handout photo made available by the US Coast Guard show service members assigned to Coast Guard Air Station Houston responding to search and rescue requests after Hurricane Harvey made landfall in Houston, Texas, 27 August 2017 (issued 28 August 2017. The Coast Guard is working closely with all local and state emergency operation centers and has established incident command posts to manage Coast Guard storm operations. The areas in and around Houston and south Texas are experiencing record floods after more than 24 inches of rain after Harvey made landfall in the south coast of Texas as a category 4 hurricane, the most powerful to affect the US since 2004. Harvey has weakened and been downgraded to a tropical storm and is expected to cause heavy rain for several days. EPA/PETTY OFFICER 3RD CLASS JOHANNA STRICKLAND / HANDOUT HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES
Die Rettungskräfte im Einsatz.
Vorboten von Hurrikan "Harvey": Starke Winde blasen in der Hafenstadt Corpus Christi im US-Bundesstaat Texas einen Lastwagen um.
Der Sturm "Harvey" liess Strommasten reihenweise umkippen. Mindestens zwei Menschen starben bei dem heftigen Unwetter.
Schilder warnen in der Hafenstadt Corpus Christi vor Reisen an die texanische Küste. Hurrikan "Harvey" soll in der Nacht zum Samstag (Ortszeit) auf Land treffen.
In Galveston, dem Küstenvorort von Houston in Texas, sind Vorboten von Hurrikan "Harvey" schon angekommen.

Hurrikan «Harvey» richtete grosse Schäden an.

Brett Coomer

Trump will sich ein Bild machen

Präsident Donald Trump und Vizepräsident Mike Pence versicherten in Washington, dass die Bundesregierung alles in ihren Kräften Stehende tun werde, um die dramatische Lage unter Kontrolle zu bringen. Der Präsident will heute Dienstag, zusammen mit First Lady Melania Trump, nach Corpus Christi reisen, um sich ein Bild der Rettungsarbeiten zu verschaffen – allerdings hiess es vorerst aus dem Weissen Haus, dass die Trumps aufgrund der katastrophalen Lage einen weiten Bogen um Houston machten, damit die Rettungsarbeiten nicht behindert würden.

Derweil versuchte Houstons Stadtpräsident Sylvester Turner, die Bevölkerung auf die kommenden Aufräumarbeiten einzustimmen, die sich wochenlang hinziehen könnten. «Wir fühlen mit Ihnen», sagte er, «und werden alles tun, um zu helfen.» Aber natürlich werde es sehr lange dauern, bis sich das Leben in Amerikas viertgrösster Stadt wieder normalisiere, so der Demokrat an einer Pressekonferenz.

Turner – der sich seit Anfang Januar 2016 im Amt befindet – steht in der Kritik, weil er vorige Woche darauf verzichtet hatte, eine Evakuierungsorder für die Stadt Houston auszugeben. Explizit schlug er damit die Ratschläge des texanischen Gouverneurs Greg Abbott in den Wind, der noch am Freitag gesagt hatte: «Wenn man abwartet, um herauszufinden, wie schlimm die Lage ist, dann wird man wahrscheinlich herausfinden, dass es zu spät ist, um zu evakuieren.»

Abbott ist ein Republikaner, so wie die gesamte Regierungsspitze des Bundesstaates Texas; seit 1984, nach einem tragischen Unfall, ist er querschnittgelähmt und zeigt immer wieder eine besondere Empfindlichkeit für behinderte und ältere Menschen. Am Montag betonte der Gouverneur zwar, dass es wenig sinnvoll sei, die Debatte über obligatorische Evakuationen fortzusetzen. Stadtpräsident Turner sah sich aber gezwungen, seine Entscheidung am Montag zu verteidigen: Es sei «schwierig», einen Ballungsraum mit 6,5 Millionen Menschen zu räumen. Deshalb habe er sich gegen die Ausgabe eines solchen Befehls entschieden.

Lehren der Vergangenheit

Auch wies Sylvester Turner darauf hin, dass die letzte Massenräumung von Houston nicht wirklich als Erfolgsgeschichte bezeichnet werden könne. In der Tat entschieden die Stadtbehörden im Jahr 2005, nach dem Hurrikan «Katrina», aber vor dem Hurrikan «Rita», eine obligatorische Evakuierungsorder auszugeben.

2,5 Millionen Menschen flüchteten in der Folge, mussten aber alsbald einsehen, dass die Autobahnen und Überlandstrassen komplett verstopft waren. Mehr als 100 Menschen starben in den gigantischen Verkehrsstaus. Solch «chaotische» Zustände habe man der betroffenen Bevölkerung nicht noch einmal zumuten wollen, sagte Stadtpräsident Turner.