Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Landtagswahlen: Wer sind die AfD-Wähler? Und was wollen sie?

Die Antworten auf die wichtigsten Fragen nach dem politischen Beben in Sachsen und Brandenburg vom Sonntag.
Christoph Reichmuth aus Berlin
Illustration: Silvan Wegmann.

Illustration: Silvan Wegmann.

1) Wie gross ist der Erfolg für die AfD tatsächlich?

In Sachsen und in Brandenburg hat die Alternative für Deutschland (AfD) massiv an Stimmen zugelegt und ist zweitstärkste Kraft mit 27,5 Prozent (Sachsen, plus 17,8 Prozent gegenüber 2014) beziehungsweise 23,5 Prozent (Brandenburg, plus 12,2 Prozent). In Sachsen wird die AfD wegen Verstössen bei der Aufstellung ihrer Wahlliste statt der ihr eigentlich zustehenden 39 Sitze nur 38 erhalten. Zudem wird die AfD in keine Regierung eingebunden, doch die Oppositionsrolle dürfte manchen Parteistrategen ohnehin besser behagen. Die Partei wird versuchen, die Regierungen vor sich herzutreiben und in gewohnt provokanter Art die Agenda zu bestimmen.

2) Wer sind die AfD-Wähler?

Die Partei hat überproportional viele frühere Nichtwähler an die Urne gelockt. Zudem hat sie viele Wähler anderer Parteien ins eigene Lager gezogen – unter anderem über 100 000 ehemalige CDU-Wähler. Die AfD-Spitzenleute Andreas Kalbitz in Brandenburg und Jörg Urban in Sachsen stehen innerhalb der AfD weit rechts. Kalbitz musste gar einräumen, früher Kontakte ins rechtsextreme Milieu unterhalten zu haben. Die Wähler der AfD hat diese Verbindung nicht abgeschreckt: In Sachsen gaben 70 Prozent an, die Partei nicht aus Protest, sondern aus politischer Überzeugung gewählt zu haben, in Brandenburg waren es rund 50 Prozent. Die Partei hat viele junge Wähler angesprochen. In Sachsen rangiert die AfD bei der Gruppe der 18- bis 34-Jährigen an erster Stelle. Zudem punktet die Partei bei Ostdeutschen, die frustriert über die Entwicklung seit der Wende sind: 80 Prozent der AfD-Wähler meinen, Ostdeutsche seien Bürger zweiter Klasse. Das Gros der AfD-Wähler als rechtsextrem einzustufen, wäre falsch. Eine zuwanderungskritische Haltung und eine Ablehnung gegenüber gesellschaftlichen Liberalisierungen eint die Wählerschaft aber. Allerdings könnte die Partei durch eine weitere Rechtsverschiebung zum Auffangbecken für Rechtsextremisten werden. Der Erfolg in Sachsen und Brandenburg wird die Ost-AfD beflügeln. Der völkische Flügel um den Thüringer Landeschef Björn Höcke und den Brandenburger Andreas Kalbitz dürfte nach den Wahlen in Thüringen Ende Oktober versuchen, die Bundes-AfD noch stärker nach rechts zu ziehen.

3) Sind die Volksparteien CDU und SPD am Ende?

Die amtierenden Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) in Sachsen und Dietmar Woidke (SPD) in Brandenburg dürften im Amt bleiben. Allerdings brauchen die Regierungschefs künftig Dreierbündnisse für den Machterhalt. Die CDU in Sachsen (32,1 Prozent, minus 7,3 Prozent gegenüber 2014) als auch die SPD in Brandenburg (26,2 Prozent, minus 5,7 Prozent) haben an Wählergunst eingebüsst. Klassische Wählermilieus der Genossen und der CDU leiden unter Mitgliederschwund und Bedeutungsverlust, etwa die Gewerkschaften, die das Arbeitermilieu an sich gebunden hat.

Dieses dünnt sich seit Jahren aus, Braunkohle-Zechen machen dicht, die Automatisierung hat traditionelle «Molocher»-Jobs weggespült. Auch die kirchlichen Institutionen, klassisch mit der Union verknüpft, kämpfen um ihre Stellung in der Gesellschaft. In Zeiten der Globalisierung und der Individualisierung entscheiden sich die Wähler von Wahl zu Wahl für jene Partei, die ihrer Meinung nach gerade die beste Antwort auf die eigene Lebensphase gibt. Entscheidend sind vermehrt auch Köpfe, nicht mehr so sehr das Parteibuch.

4) Ist die grüne Euphorie schon wieder verpufft?

Nein. Ostdeutschland war seit der Wende schon immer ein schwieriges Pflaster für die Öko-Partei. Daher können die Zugewinne im konservativen Sachsen (plus 2,9 Prozent) und in Brandenburg (plus 4,6 Prozent) durchaus als Erfolg gesehen werden, wenn auch bei der Grünen-Spitze keine Euphorie über die Resultate herrschte. Die Grünen dürften in beiden Ländern einen Platz in der Regierung erhalten. Kommt hinzu, dass die Grünen wie keine andere Partei als Gegenmodell zur AfD gesehen werden kann. Während die Grünen offene Grenzen propagieren, Klimaschutzmassnahmen anpreisen und für die liberale Gesellschaft stehen, bekämpft die AfD all diese Punkte. Daher dürften am Ende viele eigentliche Grünen-Sympathisanten ihr Kreuz bei CDU (in Sachsen) oder SPD (in Brandenburg) gemacht haben, um einen Sieg der AfD zu verhindern.

5) Was heisst die Wahl für das Spitzenpersonal bei der CDU und der SPD?

Für einmal bleibt das politische Beben mit Sesselrücken und überstürzten Rücktritten bei der SPD aus. Simpler Grund: Die Genossen werden nach dem Rücktritt von Andrea Nahles – notabene nach den schlechten Ergebnissen bei den Europawahlen im Mai – von einem Trio kommissarisch geführt. Wer also sollte da konkret zur Verantwortung gezogen werden? Bis Ende Jahr will die Partei das neue Vorsitzenden-Duo bestimmen. Die Kandidaten-Kür an der Basis beginnt schon diese Woche. Ein überwiegender Teil der SPD-Vorsitzenden in spe steht für einen Ausstieg aus der Grossen Koalition in Berlin. Möglich, dass die Genossen nach Jahren des Niedergangs in der Grossen Koalition mit der Union die Nerven verlieren und die Regierung Ende Jahr zum Platzen bringen. Und bei der CDU? Dort wird es nun noch unruhiger. Die Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer wurde im Dezember hauchdünn vor dem Wunschkandidaten des Wirtschaftsflügels, Friedrich Merz, zur Nachfolgerin von Angela Merkel gewählt. Sie steht gewaltig unter Druck. Merz bleibt auf der Lauer. Bereits meldet er sich in Interviews zu Wort und mahnt seine Partei dazu, auf das Erstarken der AfD zu reagieren. Dass Kramp-Karrenbauer die Union in einer Bundestagswahl als Kanzlerkandidatin anführt – ob regulär 2021 oder bei vorgezogenen Neuwahlen schon früher –, scheint alles andere als klar. Die Konservativen stehen auf der Matte. Kurzum: SPD und Union stehen vor richtungsweisenden Zeiten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.