Langohren im Obstgarten

Fledermaus Hochstammbäume sind wichtige Lebensräume des Braunen Langohrs, wie eine Studie in einem Obstgarten in Waldkirch zeigt. Der regionale Fledermausverein feiert am Samstag sein 10-Jahr-Jubiläum. Bruno Knellwolf

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Das Braune Langohr: Die Fledermaus kann im Flug stehen bleiben und hört dank der langen Ohren besonders gut. (Bild: René Güttinger)

Das Braune Langohr: Die Fledermaus kann im Flug stehen bleiben und hört dank der langen Ohren besonders gut. (Bild: René Güttinger)

Ein Hochstämmer reiht sich an den andern im Obstgarten von Peter Zahner, der zurzeit gerade sehr beschäftigt ist. Seine vielen Hochstammbäume in Waldkirch, die 80 verschiedene Sorten tragen, sind voll reifer Früchte und diese müssen jetzt geerntet werden. Doch die schönen Bäume, die sich beinahe waldähnlich die Anhöhe hinaufziehen, dienen nicht nur den Menschen.

Der Obstgarten von Peter Zahner ist der Wohnort von Fledermäusen und Teil eines schutzorientierten Forschungsprojekts. Dabei geht es um «die Charakter-Fledermaus der Ostschweiz», wie Projektleiter René Güttinger sagt: Das Braune Langohr. Dieses fliegende Säugetier ist in diesem Jahr der Pro Natura Schweiz zum Tier des Jahres ernannt worden.

Weniger Braune Langohren

Das Forschungsprojekt in Zahners Obstgarten läuft allerdings schon länger und hat interessante Resultate hervorgebracht. Anlass für das Projekt war eine Erkenntnis aus früheren Untersuchungen des Vereins Fledermausschutz St. Gallen-Appenzell-Liechtenstein, der gerade sein 10-Jahr-Jubiläum feiert (siehe Kasten). Das Braune Langohr gehört nämlich zu den häufigsten Fledermäusen in unseren Breiten. Vor allem dort, wo eine gesunde Landschaft mit normalen Anteilen an Feld- und Waldlandschaften und Wiesen mit Obstbäumen zu finden ist.

In besagtem Projekt zeigte sich aber, dass viele intakte Quartiere des Braunen Langohrs, wie zum Beispiel in Kirchendachstöcken, plötzlich verwaist waren. Im nördlichen Appenzell, im Fürstenland und im Unteren Toggenburg waren die Bestände des Langohrs nachweislich stark zurückgegangen.

Drei Hektar grosse Anlage

René Güttinger und der Fledermausschutz-Verein wollten der Sache auf den Grund gehen. «Wir wussten damals, was in den Fledermausquartieren abläuft, aber wir hatten keine Ahnung davon, wie die Braunen Langohren in der Landschaft draussen leben», sagt Güttinger. Um das Rätsel zu lösen und Grundlagen zu erarbeiten, wurde die drei Hektar grosse Obstanlage von Peter Zahner als Studienobjekt ausgewählt. In dessen Anlage, die von anderen Hochstammlandschaften umsäumt ist, wurden dreissig Fledermauskästen an Hochstämmern aufgehängt. Damit hatten die Forscher Erfolg, schon im zweiten Jahr gab es Nachwuchs in den Fledermauskästen.

«Die Hochstammanlagen entsprechen savannenartigen Wäldern», sagt der Biologe aus Nesslau. Und weil das Braune Langohr ursprünglich eine Waldfledermaus ist, liessen sich die Säuger wohl gerne auf ihr Sommerquartier in Zahners Obstgarten ein. Die Fledermausexperten wollten nun herausfinden, wie die Langohren in den hohen Obstbäumen jagen. Deshalb fingen sie die Fledermäuse ein und klebten ihnen Sender aufs Fell. Entsprechend der Laufzeit der Senderbatterie konnten Güttinger und seine Kollegen jeweils über eine Woche lang die Wege der Langohren aufzeichnen.

Immer den Bäumen nach

Die Auswertungen über vier Jahre ergaben: Im Juni jagen die Langohren vor allem im Wald nach Insekten. Auf dem Weg vom Obstgarten in den Wald fliegen die Säugetiere aber nicht übers freie Feld, sondern den Bäumen und Feldgehölzen nach. Zum zweiten zeigte sich, dass die Langohren im Juli in der Obstanlage jagen. Das machen sie am liebsten in den grossen alten Bäumen mit markanten hohlen Kronen. Das geht nur, weil die Langohren im Flug extrem wendig sind. «Sie können sehr langsam fliegen und im Rüttelflug am Ort stehenbleiben. So können sie die Insekten von Blättern und Ästen ablesen. Sie fangen ihre Beute also nicht im Flug wie andere Fledermäuse».

Genau diese vom Langohr so geschätzten grossen Obstbäume sind jene, die in grosser Zahl den amtlich angeordneten Rodungen wegen des Feuerbrands zum Opfer gefallen sind. Der Kahlschlag ist somit nicht nur für die Obstbauern ein Problem: «Wir haben eine Fledermaus, die ursprünglich im Wald gelebt hat und heute zusätzlich auch die halboffene und offene Landschaft besiedelt. Das Braune Langohr ist, wie andere Tiere auch, deshalb sehr mit dem Menschen verknüpft. Das führt aber zu einer Abhängigkeit.» Will man das Braune Langohr in unserer Landschaft behalten, muss man also in der Kulturlandschaft den Hebel ansetzen. Zum Beispiel mit Hochstämmern, die Mensch und Tier nützen. Eine Rodung muss deshalb gut überlegt sein.

Projekt im Thurgau

Zum Schutz der Langohren werden deren Lebensverhältnisse auch im Kanton Thurgau untersucht. Die Fragestellung ist ähnlich wie in Waldkirch. René Güttinger wird zusammen mit dem Thurgauer Fledermaus-Beauftragten Wolf-Dieter Burkhard versuchen, das Leben der Fledermäuse in der unterschiedlich gestalteten Landschaft auf dem Seerücken zu analysieren.

Die Hochstamm-Obstanlage von Peter Zahner in Waldkirch. (Bild: Bruno Knellwolf)

Die Hochstamm-Obstanlage von Peter Zahner in Waldkirch. (Bild: Bruno Knellwolf)