Las Vegas: Falscher Fokus auf den Täter

USA-Korrespondent Renzo Ruf kritisiert in seinem Kommentar Medien, die den Fokus auf den Täter legen. «Besser wäre es, die amerikanischen Medien würden den Fokus auf den täglichen Irrsinn legen, der sich in ihrem Land abspielt.»

Renzo Ruf, Washington
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Renzo Ruf

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Die Berichterstattung im Nachgang zu einem schier unglaublichen Massaker in den USA gleicht sich. Zuerst kommen die Augenzeugen zu Wort, die Überlebenden und die Hinterbliebenen, die herzzerreissende Geschichten erzählen (müssen) – über Leben und Tod, Glück im Unglück und Trauer. Dann beginnen die Spekulationen über das Motiv des Attentäters. Ist er – es sind fast immer Männer, die wahllos Leben auslöschen – politisch aktiv, dann wird sein Fanatismus oder seine Religion für die Tat verantwortlich gemacht. Ist er unpolitisch, müssen Angehörige bei der Motivsuche mitanpacken. Und dann kommt der makaberste Teil der Berichterstattung: die Quantifizierung, womöglich gar in Form einer Rangliste.

Vielleicht hilft dieses Ritual, ein schwer verständliches Ereignis einzuordnen. Experten wie der Kriminologe James Alan Fox, der sich auf Massenmörder spezialisiert hat, sagen aber schon lange, dass die Grossberichterstattung kontraproduktiv sei. Erstens spornt sie Nachahmungstäter an. Und zweitens wird der Eindruck erweckt, dass solche Attentate «die neue Normalität» darstellen, wie es der altgediente Superpolizist Bill Bratton formulierte.

Das ist aber gemäss Statistik falsch. Die Zahl der Amokläufe nimmt auch in den USA nicht zu, obwohl sich solch furchtbare Verbrechen natürlich viel zu häufig ereignen. Besser wäre es deshalb, die amerikanischen Medien würden den Fokus auf den täglichen Irrsinn legen, der sich in ihrem Land abspielt – auf die vier Kinder und Teenager zum Beispiel, die (durchschnittlich) jeden Tag mit Hilfe von Schusswaffen ermordet werden. Oder auf die 209 Amerikanerinnen und Amerikaner, die tagtäglich angeschossen werden.

Renzo Ruf, Washington

nachrichten@luzernerzeitung.ch