Reportage
Leere Strassen, verzweifelte Verkäufer, Messerattacken: Die Geisterstadt Jerusalem

Israel und vor allem Jerusalem werden seit einer Serie von Messerattacken von Touristen gemieden. Statt voller Läden und Kassen herrscht eine gespenstische Ruhe, die Spannungen sind spürbar. Ein Besuch in der heiligen Stadt kurz vor Weihnachten.

Felix Burch, watson.ch
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Reportage aus Jerusalem, Israel
11 Bilder
Fruchtsaft-Verkäufer Amir verkauft derzeit fast nichts
An jeder Ecke sind Polizisten postiert
Verkäufer bei der Grabeskirche schlagen die Zeit tot
Wer zur Klagemauer will, muss durch einen Sicherheitscheck
The Wall beim Kontrollposten Kalandija
Männer beim Karten spielen in einem Café in Jericho
Gehört beinahe zum Alltag in Ramallah Kinder und Jugendliche die in Strassenschlachten verwickelt sind
Im Hintergrund sind die Häuser von Ramallah zu sehen
Die Altstadt von Jerusalem vom Ölberg aus
Der berühmt-berüchtigte Checkpoint Kalandija

Reportage aus Jerusalem, Israel

watson.ch

Yasin führt seine Gruppe von einer leeren Gasse in die nächste. Wobei Gruppe übertrieben ist. Zwei Männer laufen an diesem Tag, kurz vor den Festtagen, hinter ihm her. Normalerweise ist das die Zeit, an der Horden von Touristen die Altstadt von Jerusalem bevölkern.

Routiniert gibt Yasin im eindrücklichen Gassengewirr des geschichtsträchtigen Ortes Erklärungen ab. Euphorisch wirkt er dabei nicht, auch wenn er das zu verbergen versucht.

«Es tut mir leid, dass so viele Geschäfte geschlossen sind», sagt er. Sonst sei hier alles voller Leben. Davon kann jetzt keine Rede sein. Ein paar wenige Männer hocken vor ihren Souvenirläden, versuchen die einzelnen Touristen, die sich hierher verirrt haben, in ihr Lokal zu locken. Besonders motiviert sind sie alle nicht. Statt Besucher patrouillieren schwer bewaffnete Polizisten.

Vor dem Eingang zur Klagemauer bleibt Yasin stehen. «Legen Sie Ihre Rucksäcke und Fotoapparate auf das Laufband und gehen Sie durch die Sicherheitskontrolle, ich bleibe hier», sagt er zu seiner Zweiergruppe. «Bleibt bitte nicht länger als 15 Minuten.»

Gläubige Juden beten, fünf Touristen fotografieren sie dabei und stehen etwas unsicher vor der gewaltigen Mauer.

Ein jüngerer Mann aus Salt Lake City meint: «Ein spezieller Ort und irgendwie schön, dass es fast keine Touristen hat.»

Weil er den Grund für die fast schon gespenstische Ruhe kenne, könne er die Atmosphäre jedoch nicht richtig geniessen.

Yasin bringt seine zwei Kunden vom jüdischen ins muslimische Viertel. «An dieser Stelle ist vor wenigen Tagen ein Mann niedergestochen worden», sagt er und spricht den Grund für Stimmung an, die dieses Jahr in Jerusalem so anders ist als sonst.

Seit Anfang Oktober ist es in Jerusalem sowie anderen Teilen Israels zu einer Messerattacken-Serie von Palästinensern gegen Israelis gekommen. Beide Seiten beklagen zahlreiche Tote. Der jüngste Vorfall ereignete sich am Stephanstag. Dabei wurde ein Palästinenser beim Allenby-Platz im Zentrum Jerusalems von der Polizei erschossen, nachdem er sie mit einem Messer angegriffen hatte.

Auslöser für die Serie sind Spannungen rund um den Tempelberg, der in Jerusalems Altstadt liegt. Eigentlich dürfen nur Muslime auf dem Berg beten, der aber auch Juden heilig ist.

Die Palästinenser befürchten, dass Israel immer mehr Juden eine Sondergenehmigung für Besuche auf dem Areal erteilt und damit die Kontrolle der Muslime über die drittheiligste Stätte im Islam aushebelt. Israel bestreitet dies.

Die Attacken und die Berichte darüber haben den Tourismus praktisch lahmgelegt. «Schauen Sie sich um», sagt der palästinensische Fruchtsaft-Verkäufer Amir zu Yasins Gruppe und zeigt in sein Lokal. «Um diese Jahreszeit sollte es voll sein, jetzt sitzt eine einzige Frau darin, das ist eine Katastrophe.» Er wisse nicht, wie das weitergehen, wie er die Miete bezahlen soll.

Fruchtsaft-Verkäufer Amir verkauft derzeit fast nichts

Fruchtsaft-Verkäufer Amir verkauft derzeit fast nichts

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Unverändertes Bild im christlichen Viertel: Gassen ohne Menschen, Stände voller Waren, die keine Abnehmer finden. Einzig in der Grabeskirche durchbricht eine grössere Gruppe afrikanischer Touristen die Stille.

Yasin verabschiedet sich und erinnert sein Grüppchen daran, pünktlich um 11.30 Uhr bereitzustehen für den zweiten Teil des Programms, einen Ausflug ins Westjordanland, ins palästinensische Autonomiegebiet.

Taxifahrer Ruben ist Jude und bringt die Gruppe zum vereinbarten Treffpunkt. Sofort ist der unendliche Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern das Thema.

An eine Lösung glaubt er nicht, schon gar nicht an eine rasche. Die jetzige Situation mit den Messerattacken schade allen, vor allem denen, die vom Tourismus lebten. «Dabei habt ihr, haben die Besucher, nichts zu befürchten – die wollen uns töten, an euch haben die kein Interesse», sagt Ruben.

Mohammed wartet bereits und begrüsst seine Gäste. Ruben winkt kurz, dann gibt er Gas und zieht an seiner Zigarette. «Ich werde Sie nach Palästina bringen, zuerst nach Ramallah, danach schauen wir weiter», meint Mohammed als erstes. Er redet wenig, fährt konzentriert.

Mohammed ist Palästinenser, hat aber eine israelische Identitätskarte. Diese erlaubt es ihm, sich in Israel aufzuhalten, dort zu arbeiten; abstimmen darf er nicht.

Er macht hin und wieder Touren ins Westjordanland, daneben ist er Taxichauffeur. Rechts beginnt die Mauer, die Israel und das Westjordanland trennt. «Das ist übrigens ‹The Wall›», sagt Mohammed trocken. Beim Checkpoint Kalandija stauen sich Lastwagen und Autos. Hier kommt es momentan fast täglich zu Scharmützeln, noch ist alles ruhig.

The Wall beim Kontrollposten Kalandija

The Wall beim Kontrollposten Kalandija

watson.ch

Die Gegend wird ärmlicher, die Strassen werden schlechter. Eine Tankstelle, eine Frau, die entlang der Mauer geht, Abfall. Problemlos passiert Mohammeds Auto die Grenze, niemand muss den Pass zeigen.

Eine gerade Strasse führt in die Stadt Ramallah, der Verkehr bewegt sich nur langsam. «Die planen etwas», murmelt Mohammed plötzlich. «Das gefällt mir nicht.»

Es ist Schulschluss. Eine Gruppe Jugendlicher, darunter Kinder, bewegt sich Richtung Kontrollposten Kalandija. Sie setzen erste Reifen in Brand, ein etwa Sechsjähriger nimmt seine Steinschleuder aus der Jackentasche. «Hier stimmt etwas nicht», sagt Mohammed, «alle Läden sind geschlossen, immer mehr Menschen gruppieren sich.»

Zu den Jugendlichen gesellen sich jetzt auch Männer, ziehen ihre Schals hoch, erste Steine fliegen, eine Rauchsäule der brennenden Pneus verdunkelt den Himmel. «Wir sind hier nicht mehr sicher», meint Mohammed und wendet den Wagen.

Übers Radio erfahren wir, dass die Aktion ein Racheakt der Palästinenser für die Tötung zweier Jugendlicher durch israelische Soldaten ist. Seit Anfang Oktober befolgen zahlreiche Palästinenser einen Aufruf zur Mobilisierung gegen die israelischen Sicherheitskräfte. Laut einer Zählung der Nachrichtenagentur AFP starben seither 122 Palästinenser, 19 Israelis, ein US-Amerikaner sowie ein Eritreer.

Mohammed fährt links am Checkpoint Kalandija vorbei, nicht zurück nach Israel, bleibt im Westjordanland. Kurzer Stopp, Lagebesprechung: Er empfiehlt einen Besuch Jerichos, Ramallah sei heute zu gefährlich. Alle stimmen zu.

Jericho ist die tiefstgelegene Stadt der Welt – auf 250 Meter unter dem Meeresspiegel. Die Fahrt dahin führt durch karges Land, bewohnt von Beduinen.

In Jericho ist es ruhig, Mohammed gibt der Gruppe einen kleinen Einblick in das Stadtleben. Ein rascher Rundgang, eine Pause in einer Teestube, in der die Einheimischen Shisha rauchen, Datteln kaufen beim Früchte- und Gemüsehändler.

Zügig lenkt er seinen Wagen zurück nach Jerusalem und stoppt ihn auf dem Ölberg. Der Blick auf Jerusalems Altstadt ist imposant.

Es wird gut sichtbar, wie nahe der Felsendom mit der goldenen Kuppel, die Grabeskirche und die Klagemauer beisammen liegen. Von hier oben scheint alles friedlich.