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LEICHTATHLETIK: «Ich hoffe auf drastische Sanktionen»

Laut der Welt-Antidoping- Agentur gibt es in Russland systematisches Doping. Beim Schweizer Leichtathletik- Verband unterstützt man die Forderung, russische Athleten komplett auszuschliessen.
Interview Stefan Klinger
Ihr droht eine lebenslange Sperre: Maria Sawinowa, die 800-m-Goldmedaillengewinnerin der Olympischen Spiele 2012 in London. (Bild: AP Photo/Kin Cheung)

Ihr droht eine lebenslange Sperre: Maria Sawinowa, die 800-m-Goldmedaillengewinnerin der Olympischen Spiele 2012 in London. (Bild: AP Photo/Kin Cheung)

Interview Stefan Klinger

Peter Haas, wie beurteilen Sie die aktuellen Entwicklungen des Doping- und Betrugsskandals in der Leichtathletik?
Peter Haas*:
Ich persönlich bin tief erschüttert. Das alles stellt vieles in Frage, für das ich arbeite und einstehe. Es erschüttert mich in meinen Werten, dass es im Sport nicht nur Doping und Korruption gibt, sondern auch noch Erpressung.

Sie spielen darauf an, dass Lamine Diack, der ehemalige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, Geld verlangte, um positive Dopingproben zu vertuschen.
Haas:
Für jede in der Leichtathletik tätige Person ist es eine Katastrophe, wenn du damit konfrontiert wirst, dass ein Präsident zu einem des Dopings überführten Sportler sagt: Wenn du weiter starten willst, musst du zahlen. Ich möchte aber betonen, dass das meine persönliche Meinung ist.

Wie lautet Ihre Meinung als Funktionär von Swiss Athletics?
Haas:
Wir von Swiss Athletics verurteilen jegliche Form von Korruption und Manipulation im Sport. Daher erwarten wir nun eine lückenlose Aufklärung der von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) erhobenen Vorwürfe durch die IAAF. Vielleicht kennen wir ja noch gar nicht das ganze Ausmass. Nehmen wir die Russen, die bereit waren, Geld zu bezahlen: Die Athleten haben das Geld ja kaum selbst bezahlt. Deshalb erwarte ich nun eine lückenlose Aufklärung und hoffe dann auf drastische Sanktionen und auch auf zivilrechtliche Folgen.

Es steht die Forderung im Raum, alle russischen Leichtathleten mindestens in den nächsten Monaten von Wettkämpfen auszuschliessen. Halten Sie ein derart drastisches Pauschalurteil für gerechtfertigt?
Haas:
Ich denke, dass es in diese Richtung gehen müsste. Sicher ist es für all die Unschuldigen ganz schlimm, wenn bei den Olympischen Spielen im kommenden Sommer in der Leichtathletik keine russischen Sportler zugelassen sind – aber offenbar handelt es sich bei den Dopingsündern in der russischen Leichtathletik nicht um Einzeltäter. Vielmehr gibt es offenbar ein ganzes Netzwerk im Verband.

Ist es überhaupt realistisch, dieses Netzwerk jemals zu zerstören?
Haas:
Wir wissen, dass man Doping nie ganz beseitigen kann, aber vielleicht hilft so eine drastische Massnahme, dass auch Druck von innen aufgebaut wird, dass Sportler zu den Funktionären sagen: So beraubt ihr uns unserer Chancen. Sonst kehrt man doch wie bisher recht bald wieder zum Tagesgeschäft zurück. Jetzt haben wir möglicherweise die Chance, mal ein Exempel zu statuieren, um die Ethik im Sport zu reformieren.

Sie sind seit 2004 Chef Leistungssport beim Schweizer Verband, haben seither direkt mit der IAAF zu tun und waren schon bei vielen Grossanlässen. Haben Sie nie mitbekommen, dass es bei der IAAF die Möglichkeit gibt, gegen Geld unliebsame Dinge aus der Welt zu räumen?
Haas:
Ich kannte die IAAF nicht als Institution des Betrügens und Korrumpierens. In Verbindung mit Lamine Diack gab es zwar immer wieder Gerüchte, auch sogar Hinweise. Aber nie solche, dass sie auf so ein Ausmass hingedeutet hätten. Ich habe an verschiedenen Schnittstellen mit der IAAF zu tun, aber ich hatte noch nie das Gefühl, nicht korrekt behandelt worden zu sein. Es sind Machenschaften von Einzelnen.

Glauben Sie, dass der im August als Diack-Nachfolger gewählte Präsident Sebastian Coe diesen Vorgängen ein Ende setzt?
Haas:
Wir von Swiss Athletics haben vollstes Vertrauen in Sebastian Coe, dass er diese schwierige Situation im Interesse aller Leichtathleten, des Fairplays und der Chancengleichheit klären wird. Deshalb hatten wir auch für ihn gestimmt. Er allein kann aber nicht alle Probleme des Antidoping-Kampfes beseitigen. Bei der IAAF Personen auszutauschen, reicht allein aus.

Wo sehen Sie noch zwingenden Handlungsbedarf?
Haas:
Swiss Athletics setzt sich für eine strikte Trennung und Unabhängigkeit der internationalen und nationalen Antidoping-Behörden ein, so wie wir dies in der Schweiz schon lange haben. Es muss eine Gewaltenteilung geben. Es darf nicht sein, dass Politiker und Verbandsfunktionäre auf Antidoping-Behörden Einfluss nehmen können. Aber Unabhängigkeit wird in manchen Staaten eben anders gesehen als in unserem Rechtsdenken.

Neben Russland stand zuletzt auch Kenia am Pranger, weil Medienberichte aufzeigten, dass in der dortigen Läuferszene massiv gedopt wird. Wie bewerten Sie das?
Haas:
Es handelt sich dabei nicht um die Topläufer, sondern um gute, talentierte Läufer, die damit ein Business machen wollen, weil sie dank des Dopings bei Volksläufen siegen und vom Preisgeld ihre Familien in der Heimat ernähren. Der Nimbus des kenianischen Läufers, der aus dem Hochland stammt und allen überlegen ist, existiert dadurch nicht mehr. Aber wie gesagt: Bei diesen Athleten sind wir weit weg von WM-Teilnehmern. Denn auch die kenianischen Athleten auf Weltniveau befinden sich in einem Kontrollsystem, bei dem die Wada auf sie Zugriff hat, im Training wie bei Wettkämpfen. Ganz grundsätzlich ist es aber schon so: Wir müssen damit leben, dass wir Kontrollsysteme, wie wir sie zum Beispiel in Deutschland, Frankreich und der Schweiz haben, bei weitem nicht überall auf der Welt haben.

HINWEIS

* Peter Haas ist Chef Leistungssport beim Schweizerischen Leichtathletikverband Swiss Athletics.

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