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LIBYEN: Der Friedhof der Unbekannten

Hunderte Migranten ertrinken im Mittelmeer bei der riskanten Überfahrt nach Europa. Die Identität der Toten zu klären, ist schwierig.
Mohamad Ali Harissi, Afp
Zwei Mitarbeiter des Roten Halbmondes stehen beim Friedhof Bir el-Osta Milad in der Nähe der libyschen Hauptstadt Tripolis. (Bild: AFP/Mahmud Turkia)

Zwei Mitarbeiter des Roten Halbmondes stehen beim Friedhof Bir el-Osta Milad in der Nähe der libyschen Hauptstadt Tripolis. (Bild: AFP/Mahmud Turkia)

Imad ben Salem wischt den Staub vom Grabstein. Es ist der seines Bruders, ist er sich sicher – einer der vielen Flüchtlinge, deren Odyssee auf dem «Friedhof der Unbekannten» endete. Hunderte Flüchtlinge, deren Traum von einem besseren Leben in Europa im Mittelmeer endete, liegen hier begraben, auf dem Friedhof Bir el-Osta Milad vor den Toren von Libyens Hauptstadt Tripolis. Sie sollen in ihre Heimatländer überführt werden, sobald ihre Identität geklärt ist. Zwar steht kein Name auf dem Grab, das Imad entdeckt hat, nur ein Datum. Doch mit Hilfe des libyschen Roten Halbmonds hat der 29-jährige Tunesier das Grab gefunden und ist überzeugt: Dort liegt sein 25-jähriger Bruder Qabil begraben.

Job als Taxifahrer zurückgelassen

Der Fehler eines Gerichtsmediziners und die langsam arbeitenden Behörden hindern Imad nach eigenen Angaben bislang daran, seinen Bruder mit in die Heimat zu nehmen, damit die Familie um ihn trauern kann. «Mein Bruder starb mit 127 anderen am dritten Tag des Opferfestes», sagt Imad mit Blick auf das muslimische Fest, welches das Ende der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka markiert und in diesem Jahr im September stattfand. «Ich sollte drei Tage in Libyen bleiben, maximal eine Woche», sagt der junge Tunesier, der vor mehr als einem Monat seinen Job als Taxifahrer zurückliess, von dem acht Familienmitglieder abhängig sind. «Als ich hier ankam, gab es keine Dokumente, und an jeder Ecke warteten Hindernisse», erzählt der 29-Jährige. «Ich appelliere an die libyschen und tunesischen Behörden, den Roten Halbmond und an das Rote Kreuz: Alles, was ich will, ist, die Leiche meines Bruders mit nach Tunesien zu nehmen.»

Hunderte ruhen zwischen Bäumen

Verteilt unter Bäumen und zwischen Büschen liegen die Gräber, versehen mit den Daten der Tage, an denen die Leichen der Flüchtlinge aus dem Mittelmeer geborgen oder an Land gespült wurden. Einige reichen zurück bis ins Jahr 2012. Wenn Papiere bei den Leichen gefunden werden, werden auch die Namen und Nationalitäten der Flüchtlinge auf den Grabsteinen markiert. Der Rote Halbmond verfügt über keine genauen Zahlen, geht aber von mehreren hundert Männern, Frauen und Kindern aus, die auf diesem Friedhof begraben liegen, den die Bewohner der Region nur «den Friedhof der Unbekannten» nennen.

Abdelhamid el-Swei ist beim Roten Halbmond für den Transport der Leichen zum Friedhof verantwortlich. «Diese Erfahrung wird für immer in unserer Erinnerung eingebrannt sein, es ist unmöglich, die Leichen zu vergessen», sagt er. «Wir haben Angst, dass wir eines Tages jemanden sehen müssen, den wir kennen.»

In einer Ecke des Friedhofs sind bereits 300 Gräber für die Leichen weiterer Flüchtlinge ausgehoben, die bei der Überfahrt über das Mittelmeer ums Leben kommen und die nach muslimischem Ritus bestattet werden. Totengräber Abderrasak Abdelkarim erinnert sich, dass sie kürzlich zwei Tage für das Ausheben von Gräbern benötigten, nach­dem vor einem Monat ein Schiff mit 120 Menschen an Bord gesunken war. Gibt es eine solche Tragödie, geht der Rote Halbmond entsprechend einer festgelegten Prozedur vor: Zunächst nimmt ein Team die Alarmmeldungen entgegen, ein weiteres überprüft die Angaben und ein drittes wird beauftragt, die Leichen zu bergen. Die sterblichen Überreste werden dann Gerichtsmedizinern übergeben, mit einer Nummer versehen und schliesslich in Bir el-Osta Milad bestattet.

Tätowierungen nicht erwähnt

Im Fall von Imads Bruder konnte der Rote Halbmond die Leiche anhand von Tätowierungen identifizieren. Der Gerichtsmediziner habe die Tätowierungen jedoch in seinem Bericht nicht erwähnt, und die Behörden hätten sich geweigert, eine DNA-Analyse vorzunehmen, sagt Imad. «Er war der Jüngste von uns, ich werde ihn nicht hier zurücklassen.»

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