Seerettung
Libysche Küstenwache durchkreuzt Telefon-Hilfe von Schweizern

Schweizer Aktivisten machen per Telefon Druck, damit Flüchtlinge in Seenot gerettet werden. Das neue Mittelmeer-Regime stellt sie vor ein Problem.

Pascal Ritter
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Die Alarmphone-Leute retten nicht selber. Sie informieren und machen Druck auf Behörden, wenn diese ihrer Pflicht, zu retten, nicht nachkommen.

Die Alarmphone-Leute retten nicht selber. Sie informieren und machen Druck auf Behörden, wenn diese ihrer Pflicht, zu retten, nicht nachkommen.

Keystone

Der Anruf kam um 7.30 Uhr von einem Satellitentelefon. Ein Schlauchboot mit 150 Personen, darunter 20 Frauen und 6 Kinder, verlor Luft und drohte 40 Kilometer vor der libyschen Küste zu sinken. Wenn Migranten bei der Überfahrt von Afrika nach Europa in Seenot geraten, wählen manche die Nummer des Alarmphones und haben dann nicht selten Schweizer am Hörer.

In Schichten hüten Aktivisten auch in Genf und Zürich das inoffizielle Notfalltelefon. Das Alarmphone gibt es seit 2014. Es ist eine der Initiativen, die als Reaktion auf tödliche Bootsunglücke im Mittelmeer entstanden.

Die Alarmphone-Leute retten nicht selber. Sie informieren und machen Druck auf Behörden, wenn diese ihrer Pflicht, zu retten, nicht nachkommen. Notrufe geben sie in der Regel an das Maritime Rescue Coordination Center (MRCC) in Rom weiter, das Seenotrettungen im Mittelmeer koordiniert.

So geschah es auch am vergangenen Sonntag, als die Lausanner Aktivistin Kiri Santer sich um den Fall des Schlauchbootes vor der libyschen Küste kümmerte. Die Anthropologin befindet sich zurzeit im Rahmen ihrer Forschung für die Uni Bern in Tunis und nimmt dort das Alarmphone ab.

Wenn die Italiener übergeben

Das MRCC reagierte laut Santer nicht wie bisher auf den weitergeleiteten Notruf der Flüchtlinge in Seenot. Sonst wiesen die Italiener das nächste Schiff an zu helfen. Viele Migranten, die sich beim Alarmphone meldeten, wurden in den letzten Monaten auf diese Weise auch von den Booten «Lifeline» und «Aquarius» gerettet, denen zuletzt für mehrere Tage die Einfahrt in einen Hafen verweigert wurde. Die neue Härte der europäischen Staaten wirkt sich nun auch direkt auf die Arbeit am Alarmphone aus, wie das Beispiel vom letzten Sonntag zeigt.

Als die Alarmphone-Leute kurz nach 15 Uhr beim MRCC nachfragen, wie es um die Rettung des Flüchtlingsboots steht, antwortet dieses mit einem E-Mail: Die libysche Küstenwache würde sich um den Fall kümmern und hätte die Verantwortung übernommen. Das E-Mail liegt der «Schweiz am Wochenende» vor. Die libysche Küstenwache ist gelinde ausgedrückt umstritten. NGOs haben Videos veröffentlicht, in denen man sieht, wie sie Flüchtlinge drangsaliert und mit ungeschickten Manövern gefährdet.

Die Alarmphone-Aktivisten arbeiten ungern mit der libyschen Küstenwache zusammen. Wenn diese Flüchtlinge aus internationalen Gewässern nach Libyen zurückbringt, verstösst das in ihren Augen gegen das Non-Refoulement-Prinzip. Der völkerrechtliche Grundsatz untersagt es, Personen in Staaten zurückzubringen, in denen schwere Menschenrechtsverletzungen drohen. Berichte über libysche Flüchtlingslager sprechen von Folter, Vergewaltigung und Zwangsarbeit.

Wenn die Italiener die Verantwortung an Libyen übergeben, stellt das die Retter von Alarmphone vor weitere Probleme. Denn im Gegensatz zu den italienischen, spanischen oder maltesischen Behörden ist die Kommunikation mit den Libyern schwierig.

Im Verlauf des Sonntags kontaktierte Alarmphone-Aktivistin Santer immer wieder die libysche Küstenwache. Dort erfuhr sie aber nichts über eine Rettung des in Not geratenen Bootes. Entweder hatten die Libyer nicht auf die Alarmierung durch die Italiener reagiert oder wollten es den Alarmphone-Leuten nicht sagen.

Dann war die Leitung tot

An Bord des Schlauchbootes spitzte sich die Lage indes zu. Bei weiteren Anrufen beim Alarmphone dringt Verzweiflung aus dem Hörer. Die Menschen waren zu diesem Zeitpunkt mehr als zehn Stunden ohne Wasser und Verpflegung unterwegs. Und dem Telefon drohte langsam der Akkustrom auszugehen.

Den letzten Kontakt mit dem Flüchtlingsschiff hatte Santer um 17.30 Uhr: keine Rettung in Sicht. Dann war die Leitung tot. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Boot rund 100 Kilometer vor der libyschen Küste. Bis heute weiss sie nicht, was mit 150 Migranten passiert ist. Vielleicht sind sie zurück in Libyen, vielleicht ist das Boot gesunken.

Die Alarmphone-Aktivisten diskutieren nun, wie sie auf die neue Situation reagieren wollen. Wenn die Italiener die Verantwortung an die wenig kooperativen Libyer abgeben, behindert das ihre Arbeit. Nur zwei Dinge seien jetzt schon klar, sagt Santer. «Wir machen weiter und es braucht endlich sichere Fluchtrouten nach Europa.»