Linke Meinungsdiktatur bei der «New York Times»? Ein Abgang wirft hohe Wellen

Ein Abschiedsbrief sorgt für Aufsehen: Die Journalistin Bari Weiss rüttelt am Selbstverständnis der wohl wichtigsten Zeitung der Welt.

Renzo Ruf aus Washington
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Hauptsitz der «Times» in New York: Die wohl wichtigste Zeitung der Welt steht in der Kritik.

Hauptsitz der «Times» in New York: Die wohl wichtigste Zeitung der Welt steht in der Kritik.

Julio Cortez / AP

Ein Abschiedsbrief sorgt für Aufsehen. Die Meinungsjournalistin Bari Weiss, die am Dienstag ihren Job bei der Tageszeitung «New York Times» kündigte, wirft ihrem ehemaligen Arbeitgeber vor, sich in das Sprachrohr einer kleinen, radikalen Gruppe zu verwandeln – die insbesondere auf dem Kurznachrichtendienst Twitter den Ton angebe.

Damit vernachlässige die «Times» ihre Aufgabe, den freien Austausch von Ideen, schreibt Weiss in ihrem offenen Brief an den Zeitungsherausgeber A.G. Sulzberger. Auch beklagt sich die 36-Jährige darüber, dass sie von ihren Kolleginnen und Kollegen schikaniert worden und Ziel von antisemitisch motivierten Beschimpfungen gewesen sei.

Signal, dass die «Times» konträre Meinungen zulässt

Weiss war 2017 zur «Times» gestossen, im Nachgang zum überraschenden Ausgang der Präsidentenwahl. Sie wurde von James Bennet angestellt, dem damaligen Chef der «Times»-Meinungsseiten. Und obwohl sie sich selbst nicht als «konservativ» bezeichnet, sondern als «zentristisch», wurde ihre Anstellung als Signal wahrgenommen, dass die «New York Times», das Stammblatt der linken Ostküsten-Elite, nun konträren Meinungen offener gegenüberstehen werde.

Weiss erfüllte diesen Anspruch, in dem sie zum Beispiel über Intellektuelle wie den Psychologen Jordan Peterson oder die Aktivistin Candace Owens schrieb, deren Meinungen angeblich derart kontrovers seien, dass niemand sie zitieren wolle.

Strikte Trennung von Nachricht und Meinung

Dazu muss man wissen: In amerikanischen Zeitungshäusern werden Nachrichten und Meinungen – zumindest auf dem Papier – streng voneinander getrennt. Die Artikel der bekannten «Times»-Journalistin Maggie Haberman zum Beispiel werden nie auf den Meinungsseiten veröffentlicht. Weiss’ Kritik bezieht sich damit primär auf die «Editorial Pages», auf denen Kommentatoren und Kolumnisten wie Paul Krugman, Thomas Friedman, David Brooks, Nicholas Kristof oder Maureen Dowd die Welt (zumeist aus linker Sicht) erklären.

Wenig überraschend wurde der Abschiedsbrief im rechten Amerika als einen weiteren Beweis dafür zitiert, wie intolerant die amerikanischen Medien mit angeblichen Querdenkern umgingen. So verwies zum Beispiel der Präsidenten-Sohn Donald Trump Junior auf Weiss’ Kündigung. Linke Journalisten hingegen beschuldigten die Meinungsjournalistin der Scheinheiligkeit. Wer ständig gegen den Strich bürste und provoziere, sollte nicht überrascht darüber sein, wenn diese Positionsbezüge kritisiert würden, schrieb die Journalistin Elizabeth Spiers auf Twitter.

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