Wochenkommentar
Liquidierung von Osama Bin Laden: Hauptsache ausgeschaltet

«Darf man das?» fragte die deutsche Zeitung «taz» auf der Frontseite. Und die «Zeit» titelte: «Schuss gegen das Recht.» Am Tag sechs nach dem Todesschuss auf Bin Laden wird nicht mehr gejubelt, sondern hinterfragt: War die US-Aktion rechtens?

Christian Dorer
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Warum wurde Bin Laden nicht festgenommen und vor Gericht gestellt? (Archiv)

Warum wurde Bin Laden nicht festgenommen und vor Gericht gestellt? (Archiv)

Keystone

Rein juristisch ist dabei Bin Ladens Status entscheidend - und den kann man so oder anders auslegen: Gilt er als Kriegsführer, dann wäre er nach Kriegsrecht zu behandeln und eine gezielte Tötung erlaubt. Gilt er dagegen als Massenmörder, Terrorist, Verbrecher - aber eben nicht als Kriegsführer -, dann verbietet das Völkerrecht die Tötung ohne Wenn und Aber. Dieses Prinzip ist richtig: Wer würde sonst entscheiden, welche Verbrecher der Staat kurzerhand liquidieren dürfte und welche nicht?

Eine gute Nachricht

Bei allen Prinzipien darf man jedoch den gesunden Menschenverstand nicht vergessen. Und der sagt: Es ist eine gute Nachricht, dass der meistgesuchte Terrorist der Welt nicht mehr frei herumläuft. Es ist eine gute Nachricht, dass er ausgeschaltet wurde, ohne dass dabei unzählige unschuldige Menschen mit in den Tod gerissen wurden. Es ist eine gute Nachricht, dass die US-Aktion ohne Brüskierung oder Demütigung der arabischen Welt abgelaufen ist.

Bin Laden wollte nichts anderes, als möglichst viele «Ungläubige» zu töten, und nahm es in Kauf, im Kampf gegen die USA zu sterben. Jetzt von Menschenrechten zu sprechen, hat etwas Heuchlerisches. Und wenn gar vom «Familienmensch Bin Laden» zu lesen ist, von seinen Enkeln, Kindern und fünf Ehefrauen - fast so, als müsse er einem Leid tun -, dann dreht die legitime Frage nach der Einhaltung des Völkerrechts ins Absurde.

Hinterher lässt sich bequem kritisieren

Da der Einsatzbefehl an die Navy Seals unter Verschluss ist, wissen wir nicht, ob die USA Bin Laden festnehmen oder töten wollten. Man muss sich jedoch in die Lage des Soldaten versetzen, der unter Einsatz seines Lebens die Residenz des gefährlichsten Terrorchefs der Welt stürmt. Der Finger sitzt locker am Abzug, denn der Soldat weiss nicht, was ihn erwartet. Bei Widerstand drückt er nicht erst dann ab, wenn Bin Laden eine Waffe zückt. Hinterher lässt sich bequem kritisieren, was man hätte besser machen können.

Osama Bin Laden hat sich zum Ziel gesetzt, unsere westliche Gesellschaft zu zerstören. Dass diese Gesellschaft nun darüber debattiert, ob Bin Ladens Ermordung rechtens war oder nicht, ehrt sie. Doch es ist eine überflüssige Debatte: Dass Bin Laden nicht vor ein Gericht gestellt wird, mag ein Schönheitsfehler sein; dass ein Rechtsstaat einen Menschen umbringt, gehört sich nicht. Aber: Bin Laden ist ausgeschaltet - und das zählt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich bös in die Nesseln gesetzt mit ihrer Reaktion: «Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, Bin Laden zu töten», hatte sie gesagt. Das mag man als politisch unkorrekt, als ethisch heikel, als unvereinbar mit christlichen Werten bezeichnen - Merkel hat trotzdem Recht: Das Ende Bin Ladens ist ein Grund zur Freude.

Es wäre auch ein Grund zur Freude, wenn uns dieselbe Nachricht bald auch über Gaddafi erreichen würde.