Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

LONDON: Boris Johnson ziehts an die Downing Street

Ehrgeizig, waghalsig, verantwortungslos – nach acht Jahren gibt Boris Johnson seinen Teilzeitjob als Lon­-doner Bürgermeister auf. Der Trompeter für den Brexit will Premierminister werden.
Sebastian Borger, London
Er ist ein begnadeter Selbstdarsteller. Boris Johnson bei einem Seilziehwettbewerb der Royal Air Force im Oktober 2015 in London. (Bild: AP/Jonathan Brady)

Er ist ein begnadeter Selbstdarsteller. Boris Johnson bei einem Seilziehwettbewerb der Royal Air Force im Oktober 2015 in London. (Bild: AP/Jonathan Brady)

Sebastian Borger, London

Im Londoner Rathaus ist Boris Johnson (51) dieser Tage kaum anzutreffen, offizielle Termine seien keine geplant, heisst es bei der Pressestelle. Seine Amtszeit geht nächste Woche zu Ende, da liesse sich ein wenig Entspannung leicht verzeihen. In Wirklichkeit hat sich wenig verändert. In seinen acht Jahren als Leiter der 8,5-Millionen-Metropole, im wichtigsten Amt britischer Politik nach dem Premierminister, hat der Mann mit dem kunstvoll zerzausten blonden Wuschelkopf und der profunden klassischen Bildung den Londonern höchstens Teile seiner vollen Arbeitskraft gewidmet.

Der Beweis kam vor wenigen Wochen ans Licht, als die Aufregung um die Panama-Papiere führende Politiker zur Offenlegung ihrer Steuererklärung nötig­te. Demnach hat Johnson im Steuerjahr bis April 2015 genau 79 Prozent seines stolzen Brutto-Einkommens von umgerechnet 787 317 Euro (864 164 Franken) mit Journalismus und Buch-Tantie­men verdient. Im jüngsten Steuerjahr könnte der Anteil des vergleichsweise bescheidenen Bürgermeister-Gehaltes weiter gesunken sein, schliesslich bezieht der Konservative seit Mai 2015 zusätzlich noch die Vergütung als Unterhaus-Abgeordneter für den West-Londoner Stadtteil Uxbridge.

Versprechen gebrochen

Zum Amtsantritt 2008 hatte Johnson den Londonern noch gelobt, während seiner Amtszeit werde er kein anderes politisches Amt anstreben. 2015 galt das Versprechen nichts mehr. Auch Johnsons erste Zugehörigkeit zum Unterhaus basierte auf einer Lüge, wenn auch nur seinem Vorgesetzten gegenüber. Als der brillante Journalist 1999 Chefredak­teur der rechten Intellektuellen-Postille «Spectator» wurde, versprach er dem damaligen Eigentümer hoch und heilig, auf seine parlamentarischen Ambitionen zu verzichten. Zwei Jahre später liess sich Boris Johnson als Abgeordneter für den lieblichen Ort Henley, 50 Kilometer westlich von London, ins Parlament wählen.

Sein Streben gilt Höherem

Man kann den Londonern zugute halten, dass immer schon alle wussten: Die Leitung der Weltstadt betrachtet der scheidende Bürgermeister nur als Intermezzo, sein Streben gilt Höherem. Alexander Boris de Pfeffel Johnson, wie sein voller Name lautet, will dereinst in die Downing Street, den Sitz des Premierministers, einziehen. Diesem Ziel wird alles untergeordnet. Deshalb entschloss sich der pragmatische EU-Skeptiker im Februar zu offener Feindschaft und befürwortete den Brexit. Wie er gegen den Brüsseler Club argumentieren wolle, «darüber hatte Boris nicht nachgedacht», weiss Johnsons Freund und Biograf Andrew Gimson.

Zunächst definierte Johnson die Abstimmung als Chance für ein «neues Verhältnis» zu Europa. Das konterte der konservative Premier David Cameron mit dem eisigen Satz: «Ich habe noch nie von jemandem gehört, der die Scheidung einreicht, um sein Eheversprechen zu erneuern.» In feurigen Reden wärmte Johnson allerlei Mythen über die grässliche Bevormundung durch Brüssel auf: dass man Teebeutel nicht recyclen dürfe, dass Kinder unter 8 Jahren keine Luftballons aufblasen dürften – alles sehr lustig, alles gelogen. «Sie machen sich einer Übertreibung schuldig, die in eine Falschdarstellung übergeht», schrieb der Chef des Finanzausschusses im Unterhaus, Andrew Tyrie, dem Parteifreund ins Stammbuch.

Brachiale Rhetorik

Immer wieder steht dem seriösen Politiker Johnson der lustig oder polemisch formulierende Journalist Johnson im Weg. Vergangene Woche nannte er im Boulevardblatt «Sun» die wahren Gründe, warum US-Präsident Barack Obama sich für Grossbritanniens EU-Verbleib einsetze: Das habe mit dessen «halb-kenianischer Herkunft und Abneigung gegenüber dem britischen Empire» zu tun. Mit solcher Brachial-Rhetorik hat sich Johnson dem überwiegend EU-feindlichen Tory-Parteivolk als Nachfolger für Cameron empfohlen. Dessen Zeit als Regierungschef wäre zu Ende, wenn die Briten am 23. Juni mehrheitlich Grossbritanniens Austritt aus der EU befürworten. BoJo als Premier? Derzeit arbeitet der Bürgermeister, Abgeordnete und hoch bezahlte Kolumnist für den «Daily Telegraph» vor allem als Buchautor. Sein Verlag hofft, im Herbst eine Johnson-Biografie über William Shakespeare vorlegen zu können. Zuvor hatte der studierte Altphilologe seine Bemühungen dem berühmten Weltkriegspremier Winston Churchill gewidmet. Allzu offensichtlich lud sein im vergangenen Herbst erschienener Bestseller «Der Churchill-Faktor» zum Vergleich zwischen Autor und Titelfigur des Buches ein. Geschichtsprofessor Richard Evans von der Universität ­Cambridge tat Johnson diesen Gefallen, wenn auch nicht ganz wie erhofft: Es handle sich um das Werk «über einen, der Geschichte schrieb, von einem, der Geschichte offenbar erfindet».

Johnsons sonderbares Benehmen

Was heisst hier offenbar? fragen sich da die Kenner von Johnsons Karriere. Dessen erste Anstellung als Jung-Journalist endete mit Rausschmiss, weil er in «The Times» seinen Patenonkel, einen Oxforder Historiker, falsch zitierte. Als eine der zahlreichen Affären des verheirateten Vaters von vier Kindern in der Öffentlichkeit landete, weil seine Geliebte zum zweiten Mal abgetrieben hatte, leugnete der Jung-Politiker. Der damalige Parteichef entliess ihn unehrenhaft aus dem konservativen Leitungsteam. Eine andere Liaison hatte Johnsons fünftes Kind zur Folge. Dessen Existenz wollte der Bürgermeister geheim halten, was ein Richter am Höchsten Gericht abschmetterte: Die Öffentlichkeit solle ruhig über Johnsons «unverantwortliches Benehmen» Bescheid wissen.

Die Öffentlichkeit nimmts zur Kenntnis – und geht achselzuckend zur Tagesordnung über. So schaffte es der Konservative zweimal, im überwiegend Labour-orientierten London gewählt zu werden. Selbst viele Linksliberale freuen sich am Exzentriker. «Boris ist eben Boris», sagen sie. «Wenigstens bringt er uns zum Lachen.»

Tatsächlich hat der begnadete Sprücheklopfer immer wieder zum Wohlbefinden der Wortwitz liebenden Nation beigetragen. Er habe in seinem Leben folgende Erfahrung gemacht, teilte Johnson einmal mit: «Es gibt keine Desaster, nur Chancen. Und natürlich Chancen für neue Desaster.» Da lachen die Briten. Und spüren instinktiv, was Biograf ­Gimson so zusammenfasst: Der Bürgermeister glaube «an die Fehlbarkeit des Menschen, besonders des Menschen Boris». Eine jüngste Umfrage ergab: Die Briten würden sich gern bei einem Abendessen mit Johnson amüsieren, sich von ihm aber nur ungern ihre Finanzen verwalten lassen.

Die härtesten Kritiker des Bürger­meisters stehen im konservativen Lager. Ökonom Howard Wheeldon gehört dazu. Johnson fehle es an klaren Überzeugungen. «Aber genau dies macht seinen Appeal aus, weil die Leute sich darin wiedererkennen.»

Magere Bilanz

Gehört so einer in die Downing Street? Die Vorstellung quält Liberal-Konservative wie Wheeldon oder Matthew Parris. In einer vernichtenden Kolumne für «The Times» attestierte der frühere Tory-Abgeordnete Parris dem Parteifreund eine Reihe von Charaktermängeln: «lässige Unehrlichkeit, Grausamkeit, Verrat; das Fehlen jeglicher echten Ambition, mit dem Amt etwas anzufangen, das man erreicht hat.»

Johnsons Londoner Bilanz fällt mager aus. Man kann das so zurückhaltend formulieren wie Professor Tony Travers von der London School of Economics: «Boris hat deutlich weniger angepackt als sein Labour-Vorgänger, aber das entspricht seiner konservativen Philosophie vom kleineren Staat.» In der mächtigen Verkehrsbehörde TfL liess der Tory weitgehend alles beim Alten, einschliesslich der von Labour-Bürgermeister Ken Livingstone (2000–2008) bereits geplanten Stadträder. Dass diese im Volksmund nun «Boris-Bikes» heissen, ist auch dem Marketing-Geschick des Namensgebers geschuldet.

Wie der Vorgänger leierte auch der Amtierende der Zentralregierung immer neue Milliarden für Infrastrukturprojekte aus dem Kreuz. Eine neue Bahnlinie quer durch die Stadt, nach der Königin Elizabeth Line genannt, soll 2018 in Betrieb gehen. Dem mehrfach angekündigten Streit mit der Gewerkschaft der U-Bahn-Bediensteten ging Johnson stets aus dem Weg.

Das Gleiche gilt für die von Livingstone gegen erheblichen Widerstand durchgesetzte Mautzone. Eine bereits beschlossene Erweiterung in die reichen, konservativ wählenden westlichen Stadtteile Kensington und Chelsea machte Johnson rückgängig.

Dabei markiert die Verkehrspolitik das einzige Feld, auf dem der Londoner Bürgermeister wirklich die Verantwortung für seine Stadt trägt. Bei vielen anderen Themen muss er sich die Macht mit den 33 Stadtbezirken teilen. In Baufragen beispielsweise kann er nur als Anreger oder Verhinderer agieren. Johnson hatte vor seiner Wahl versprochen, dem Bau neuer Wolkenkratzer einen Riegel vorzuschieben. Gesagt, nichts getan: Allenthalben schiessen architektonisch mittelmässige Hochhäuser aus dem Londoner Boden, einheimische und ausländische Baulöwen füllen sich die Taschen, der soziale Wohnungsbau liegt darnieder.

Wahrscheinlich markiert ein Projekt am besten das Erbe des Boris Johnson. Rechtzeitig zu Olympia 2012 wurde bei Greenwich eine Seilbahn über den Fluss geschlagen: für Pendler nutzlos, für Einheimische zu teuer, für Touristen zu abgelegen, ein Millionenverlust.

Nach acht Jahren Johnson hat London einen Vollzeit-Bürgermeister verdient.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.