LONDON: Briten können es noch gar nicht fassen

Die Briten kehren der EU den Rücken. Basierte dieser Entscheid auf einem Missverständnis?

Gabriel Felder, London
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Junge Briten demonstrierten am Freitag in London gegen den Entscheid zum Brexit. (Bild: Getty)

Junge Briten demonstrierten am Freitag in London gegen den Entscheid zum Brexit. (Bild: Getty)

Gabriel Felder, London

In den Wochen vor dem britischen Referendum ging es vor allem um eines: Einwanderung. Meinungsumfragen sehen die Immigration denn auch als Hauptgrund, weshalb eine Mehrheit der britischen Wahlberechtigten für einen Austritt aus der EU stimmte. «Die Idee, dass man Immigration kontrollieren kann, so wie man einen Wasserhahn auf- und zudreht, ist ein Mythos», kontert Migrationsexperte Hein De Haas von der Amsterdamer Universität in seinem Blog. Der Anstieg der Zuwanderer sei im Falle Grossbritanniens vor allem auf den wirtschaftlichen Erfolg des Landes zurückzuführen und sei somit im Interesse des Inselstaates, argumentiert Haas. «Es ist daher unwahrscheinlich, dass ein Brexit die Immigration in Grossbritannien drosseln wird», schlussfolgert er.

EU-Gegner prägnanter

Abgeklärte Experten hatten es im Abstimmungskampf schwer. Vor allem das Team um Londons ehemaligen Bürgermeister Boris Johnson schaffte es mit mehr Erfolg als die EU-Befürworter, komplexe Sachverhalte auf einfache, eingängige Slogans zu reduzieren. Johnson stellte Einwanderung zwar als «begrüssenswert» dar, betonte aber etwas anderes: «Wir müssen die Einwanderung kontrollieren können.» Die Gleichung «EU-Ausstieg gleich weniger Zuwanderung» etablierte sich auch dank der Mithilfe von Nigel Farage. Der quirlige Anführer der Unabhängigkeitspartei Ukip wurde nicht müde, eine verloren gegangene Selbstbestimmung zu beklagen, und er stellte eine «Politik der offenen Staatsgrenzen» als Wurzel allen Übels dar.

Dem Volk entrückt

Den Anhängern einer EU-Mitgliedschaft entging, dass das Immigrationsargument alle wirtschaftlichen Vorzüge einer EU-Mitgliedschaft in den Schatten stellte. Der Verweis auf eine einzigartige multikulturelle Gesellschaft, in der Einwanderer mehr ins System einzahlen, als dass sie daraus beziehen, klang im Gegensatz entrückt und theoretisch. «Die politische Klasse lebt in ihrer schönen Scheinwelt in London und weiss nicht, was in den Pubs auf dem Land diskutiert wird», kommentiert Carol Hendry (46), freischaffende Fotojournalistin. Als Schottin in London fühlt sie sich im Moment «etwas fehl am Platz». 2014 sprachen sich in einem Referendum 55 Prozent der Schotten gegen eine Abspaltung von Grossbritannien aus. Nun trifft die schottische Regionalregierung Vorbereitungen für ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit von Grossbritannien. «Ich würde ernsthaft in Erwägung ziehen, nach Schottland zurückzukehren, wenn wir unabhängig würden», sagt Hendry und beschreibt damit eine mögliche Folge des Brexits: das Auseinander­brechen des Vereinigten Königreichs.

«Totengräber des Wohlstands»

«Die Briten versuchen fieberhaft herauszufinden, was die EU ist», schrieb die «Washington Post», nur wenige Stunden nachdem das offizielle Resultat festgestanden war. Google stellte fest, dass sich in Grossbritannien nach der Schliessung der Wahllokale Suchanfragen nach «Was geschieht im Falle eines EU-Ausstiegs?» verdreifachten. Der Albtraum, dass sich die Briten quasi aus Versehen von der EU abkoppeln, wurde auch vom ehemaligen englischen Premierminister John Major aufgegriffen: Wenn Grossbritannien auf der Basis von Lügen und Halbwahrheiten einen Brexit auslöse, kommentierte er am Vorabend der Abstimmung, hätten die «Totengräber des Wohlstands» einige Fragen zu beantworten. Sein Zögling, der Premier David Cameron, liess keine Fragen zu, als er am Freitagmorgen seinen Rücktritt ankündigte. Sein Nachfolger wird einer Frage nicht ausweichen können: Was nun?

Die Stimmung im Brexit-Lager war nach der gewonnenen Abstimmung überraschend gedrückt, und Boris Johnson vermied jegliche Polemik: «Wir dürfen nichts überstürzen. Kurzfristig wird sich nichts verändern.» Er hinterliess dabei den Eindruck eines Politikers, der sich selber an die Tragweite des Volksentscheids gewöhnen muss; Johnson gilt als heisser Favorit, im Oktober zum neuen britischen Premierminister gewählt zu werden.

Zweifelhafter Ruhm

Zufälligkeit spielte im Nachhinein einer sonst präzis inszenierten Kampagne eine überraschend grosse Rolle. Das Land sei «aus der EU herausgestrauchelt», formulierte es das BBC-Nachrichtenmagazin «Newsnight». Auf dem gleichen Kanal wurde ein junger Mann zum zweifelhaften Star, als er in einer Diskussionsrunde zugab: «Ich hätte nie gedacht, dass meine Stimme zählen würde, da ich davon ausging, dass die Pro-EU-Seite sowieso gewinnt.» Adam aus Manchester bereut nun, zum Brexit beigetragen zu haben, und befindet sich damit in guter Gesellschaft. Auf Twitter machten sich unbequeme Gewissensbisse breit, und der Hashtag «Regret-xit» – eine Mischung aus Reue und Brexit – wurde zum Ventil der Verunsicherten. Gestern forderten mehr als 130 000 Londoner einen Verbleib der britischen Hauptstadt in der EU. Bis Samstagnachmittag wurde diese Zahl an Unterzeichnern einer entsprechenden Petition auf der Online-Plattform change.org registriert. Der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan wird darin aufgefordert, die Hauptstadt für unabhängig zu erklären und ihren Beitritt zur Europäischen Union zu beantragen.