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LONDON: Entfernte Verwandte

Wer das britische EU-Referendum verstehen will, der muss seine lange Vorgeschichte kennen. Schon Churchill wollte nicht so recht zur europäischen Familie gehören.
Marcus Theurer, London
«Fischen für den Austritt»: Auf der Themse in London werben Fischer für den Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union. (Bild: EPA/Facundo Arrizabalaga)

«Fischen für den Austritt»: Auf der Themse in London werben Fischer für den Austritt Grossbritanniens aus der Europäischen Union. (Bild: EPA/Facundo Arrizabalaga)

Marcus Theurer, London

Bei diesem Anblick kann der Lord nicht widerstehen: «Sorry, davon muss ich ein Foto machen», sagt David Owen und zückt sein Smartphone. Es ist Mittwochmittag in den ehrwürdigen Hallen des britischen Oberhauses. Dunkle Holzvertäfelungen an den Wänden, weiche Teppichböden und sieben Jahrhunderte parlamentarische Tradition. Aber das, was sich gerade draussen vor den Fenstern der Abgeordneten-Bar des House of Lords auf der Themse abspielt, hat man auch hier noch nicht oft gesehen.

Auf dem Fluss ist eine Art Seeschlacht entbrannt: Wenige Tage vor dem Referendum über den Ausstieg Grossbritanniens aus der Europäischen Union haben britische EU-Gegner eine Flotte von Fischerbooten in Gang gesetzt, um auf der Themse für den Brexit zu demonstrieren. Grossbritanniens Proeuropäer wiederum haben einen Ausflugsdampfer gechartert und halten mit Megafonen und Rockmusik aus den Lautsprechern dagegen. Britischer Spasswahlkampf. Noch ahnt niemand, dass er nur 24 Stunden später mit der Ermordung der proeuropäischen Abgeordneten Jo Cox eine brutale Wendung nehmen wird.

«Wir haben Europa verpfuscht»

Das Foto ist gemacht, und Lord Owen sitzt wieder auf seinem Stuhl. 77 Jahre ist der frühere Aussenminister alt, und mehr als ein halbes Jahrhundert lang war Owen zwar ein kritischer, aber dennoch überzeugter Befürworter von Grossbritanniens EU-Mitgliedschaft. Doch dieses Jahr hat der Sozialdemokrat seine Meinung geändert: Beim Referendum kommenden Donnerstag wird Owen für den Austritt stimmen. Wie er im hohen Alter zum EU-Gegner geworden ist? «Wir haben Europa verpfuscht», sagt Owen. «Und zwar mit der Europäischen Währungsunion.» Zum Glück seien die Briten schlau genug gewesen, das Pfund zu behalten. Das Problem aber bleibe: Sein Land habe in den vergangenen sechs Jahren geduldig abgewartet, ob die Mitglieder des Euroraums fähig zu Reformen seien. Vergebens. «Jetzt sollten wir uns nicht zieren, den Interessen unserer eigenen Bürger Vorrang zu geben», findet er. «Die Währungsunion kann nur überleben, wenn sich die Eurozone in einen Bundesstaat verwandelt. Aber ich war immer strikt dagegen, dass Grossbritannien Teil eines europäischen Bundesstaates wird.» Deshalb stimmt Owen für den Brexit. Das Wort Euroskeptiker habe er nicht so gern, sagt er. «Ich mag nämlich Europa.» Nur mit der EU hat er gebrochen.

Churchills berühmte Rede von Zürich

Grossbritannien und sein Verhältnis zu den europäischen Nachbarn – das ist seit dem Zweiten Weltkrieg eine Geschichte mit vielen Wendungen. Begonnen hat sie vor 70 Jahren: Im September 1946 hält Winston Churchill an der Universität Zürich eine Rede, in der er kurz nach dem Schrecken des Krieges zur «Erneuerung der europäischen Familie» aufruft. «Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa errichten.» Die Worte des Briten gehen in die Geschichte ein. Aber für Churchill steht auch fest, dass sein Land in dieser Familie nur ein entfernter Verwandter ist. «Wir sind verbunden, aber nicht Teil Europas», hat er schon in früheren Jahren formuliert. Diese Formel wird über Jahrzehnte Bestand haben: 1957 gründen Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande in Rom die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die Vorläuferin der EU. Die Briten machen nicht mit. «Grossbritanniens Interessen liegen jenseits von Europa», hat ein paar Jahre zuvor der britische Premier Anthony Eden verkündet. «Unsere Gedanken schweifen über die Meere.»

Wenn Grossbritannien am Donnerstag für den Austritt stimmen sollte, dann wäre es also das zweite Mal, dass sich das Land gegen das Projekt der europäischen Integration entscheidet. Warum ist Grossbritannien damals nicht mit dabei gewesen in Rom? Ein Anruf bei John Kerr, der über Jahrzehnte hinweg einer der einflussreichsten britischen Diplomaten gewesen ist: Sein Urteil ist schonungslos. Grund für den damaligen Alleingang seien «great power hangovers» gewesen. Der Kater nach dem Rausch, eine Weltmacht gewesen zu sein, habe Grossbritannien daran gehindert, das Richtige zu tun und sich der Gründung der Gemeinschaft anzuschliessen. In postimperialer Selbstüberschätzung habe Grossbritannien den neuen europäischen Club als politische Totgeburt abgetan, sagt Kerr, der auch heute mit 74 Jahren noch ein überzeugter EU-Anhänger ist. Sein Land habe damals darauf vertraut, dass der Handel mit den früheren Kolonien, dem Commonwealth, der eigenen Wirtschaft bessere Perspektiven eröffne als die Bindung an die europäischen Nachbarn.

Verblüffend, wie sich die Argumente von 1957 und 2016 gleichen: der Handel mit der grossen weiten Welt als die vielversprechende Alternative zum kleinen, müden Europa – dieses wirtschaftspolitische Argument führen auch heute wieder Brexit-Vorkämpfer wie der ehemalige Londoner Bürgermeister Boris Johnson ins Feld.

Damals bereuten die Briten schon bald ihre Entscheidung gegen die EWG. Denn der europäische Bund erweist sich als ökonomische Erfolgsformel, während es für viele britische Unternehmen stetig bergab geht. Aus der Weltoffenheit wird nichts. Während auf dem Kontinent die Wirtschaftsgemeinschaft für offenere Märkte sorgt, rutscht Grossbritannien in den Isolationismus und in die wirtschaftliche Abschottung – ein wesentlicher Grund für den Niedergang der britischen Wirtschaft in den Nachkriegsjahrzehnten.

Erst mit fünfzehn Jahren Verspätung, im Januar 1973, treten die Briten der EWG bei. Wenn es nach ihnen gegangen wäre, hätten sie die Fehleinschätzung früher korrigiert. Doch in den Sechzigerjahren ist London mit seinen Aufnahmeanträgen mehrmals am Veto des französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle gescheitert. «Insulär» und «maritim» sei Grossbritannien, befand der Franzose. Das passe nicht zu Europa.

«Der kranke Mann Europas»

Als Grossbritannien Mitglied der EWG wird, ist das Land «der kranke Mann Europas» – und der Beitritt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. «Ein Rettungsboot» sei der europäische Bund für die Briten, sagte damals ein Abgeordneter in einer Parlamentsdebatte. Wie heute gab es auch damals auf der Insel ein Referendum zum EWG-Beitritt. Im Juni 1975 segnen 67 Prozent der Wähler den Beitritt nachträglich ab. Von einer solchen Mehrheit können die Proeuropäer heute nur träumen: Meinungsumfragen sehen sie wenige Tage vor der Wahl sogar im Rückstand gegenüber dem Brexit-Lager.

Mitte der Siebzigerjahre ist die damalige konservative Oppositionsführerin Margaret Thatcher eine der energischsten Fürsprecherinnen der EWG. «Es wird heute ja oft vergessen, auf welcher Seite der Europa-Debatte Thatcher damals stand», sagt der britische Historiker Niall Ferguson, Professor an der amerikanischen Harvard University. Auch die spätere Initiative zur Schaffung des EU-Binnenmarkts ging massgeblich von ihr aus.

Wenn es um Thatcher und die EU geht, ist im kollektiven Gedächtnis der Briten aber vor allem ihre Brügge-Rede haften geblieben: «Wir haben in Grossbritannien nicht erfolgreich dem Staat engere Grenzen gezogen, nur um zuzuschauen, wie auf europäischer Ebene ein neuer Superstaat geschaffen wird», herrscht die glühende Marktwirtschaftlerin 1988 ihre Gegner an. Damit fügt sie dem Kanon der EU-Kritiker ein Argument hinzu: den Widerstand gegen die angeblich regulierungswütigen Eurokraten in Brüssel.

«Ströme von Blut»

Der wohl wichtigste historische Einfluss auf die heutige EU-Debatte geht aber von einem Mann aus, der im Ausland kaum bekannt ist: Der konservative Abgeordnete Enoch Powell (1912 bis 1998) ist der Prototyp des britischen Nationalisten – und seit den Sechzigerjahren der erste Politiker auf der Insel, der den Widerstand gegen Souveränitätsverzicht und europäische Integration mit einer Aversion gegen die Einwanderung aus anderen Ländern verbindet. 1968 warnt Powell in einer dramatischen Rede vor «Strömen von Blut» durch die ungezügelte Masseneinwanderung. «Rivers of blood» – das Zitat, das der Nationalist vom römischen Dichter Vergil ausgeliehen hat, ist auf der Insel zum geflügelten Wort geworden. Beklemmend wirkt es nach dem Attentat auf Jo Cox. Augenzeugenberichten zufolge soll der Mörder «Britain first» gerufen haben.

Eigentlich geht es um Migration

Vor dem Referendum ist die in den letzten Jahren stark gestiegene Zahl der Wirtschaftsmigranten aus anderen EU-Staaten das schlagkräftigste Argument des Brexit-Lagers. Es könnte den Ausschlag dafür geben, dass die Briten austreten. «Der Brexit wäre für Enoch Powell ein Triumph aus dem Grabe heraus», sagt der Historiker Ferguson, und der Diplomat Kerr flüchtet sich in Sarkasmus: «Wenn die Mehrheit der Briten für den Austritt stimmen sollte, dann deshalb, weil sie eine Frage beantworten, die gar nicht auf dem Wahlzettel steht.» Faktisch gehe es beim Referendum für viele nicht um die EU, sondern um offene Grenzen und Migration.

Und was wären die Folgen eines Brexit für Europa? Die Meinungen gehen auseinander: «Die Konsequenzen für die EU wären schwerwiegend», sagt Niall Ferguson. Wenn das Tabu des Austritts erst einmal gebrochen sei, dann würden andere Mitgliedstaaten auch über ihr Verhältnis zur EU nachdenken. «Das wird nicht Halt machen. Ich befürchte eine rasche Kettenreaktion», sagt Ferguson. So sehen das viele – aber eben nicht alle. «Nonsens», entgegnet der Diplomat Kerr: Der EU-Austritt würde für Grossbritannien zu einem solchen wirtschaftlichen Desaster werden, dass dadurch mögliche Nachahmer wirksam abgeschreckt würden. «Deshalb würde der Brexit den Zusammenhalt in der EU nicht schwächen, sondern, im Gegenteil, stärken», sagt Kerr. Er wolle nicht falsch verstanden werden: «Meinem Land möchte ich das wirklich gerne ersparen. Aber die anderen müssten uns dafür sogar dankbar sein.»

© Frankfurter Allgemeine Zeitung

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