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LONDON: Ex-Richter soll Brand untersuchen

Die Katastrophe von Kensington legt Versäumnisse in der Wohnungsbaupolitik offen. Oppositionsführer Jeremy Corbyn macht die regierenden Tories politisch mitverantwortlich für den Grossbrand im Grenfell Tower.
Sebastian Borger, London
Die Suche nach Opfern hält nach der Brandkatastrophe am Grenfell Tower im Londoner Bezirk Kensington weiter an. (Bild: Will Oliver/EPA (18. Juni 2017))

Die Suche nach Opfern hält nach der Brandkatastrophe am Grenfell Tower im Londoner Bezirk Kensington weiter an. (Bild: Will Oliver/EPA (18. Juni 2017))

Sebastian Borger, London

Gut zwei Wochen nach dem katastrophalen Feuer im Grenfell Tower hat Premierministerin Theresa May gestern den Leiter der unabhängigen Untersuchung benannt. Der pensionierte Richter Martin Moore-Bick versicherte nach einer ersten Besichtigung vor Ort im Londoner Stadtteil Kensington, er wolle rasch einen vorläufigen Bericht vorlegen. Es werde in erster Linie um die Ursache und den Verlauf des Brandes sowie die Vermeidung vergleichbarer Katastrophen gehen.

Moore-Bick (70) geniesst unter Juristen einen ausgezeichneten Ruf. Die einzige Kontroverse seiner Jahre am Appellationsgericht drehte sich um die Klage einer Sozialwohnungsmieterin im Londoner Bezirk Westminster. Der alleinerziehenden Mutter von fünf Kindern hatte das Sozialamt den Umzug ins 80 Kilometer entfernte Milton Keynes verordnet, um die teure Miete in der Londoner Innenstadt einzusparen. Das Appellationsgericht hielt das Vorgehen der Behörde für rechtens; das Oberste Gericht hingegen gab der Klägerin Recht, die den Verlust ihres sozialen Netzwerkes, nicht zuletzt zur Kinderbetreuung, befürchtete.

Definitive Opferzahl noch unbekannt

Da von der Grenfell-Katastrophe ebenfalls viele Sozialmieter betroffen sind, murrten einige Aktivisten gegen Moore-Bicks Berufung. Die Stimmung vor Ort ist von grossem Misstrauen gegenüber den Staatsorganen geprägt. Viele Betroffene quält die Frage, wie viele Personen wirklich umgekommen sind. Scotland Yard hält an der Zahl 80 fest und teilt mit, eine endgültige Zahl werde es «frühestens am Jahresende» geben. Offiziell ist von «Toten und Vermissten» die Rede – ein Euphemismus dafür, dass in dem Inferno von vielen Leichen nichts übrig geblieben ist.

Kritiker glauben der Zahl nicht, der Labour-Abgeordnete David Lammy hält sie für «viel, viel zu niedrig». Warum, hat der erfahrene Politiker in einer Serie von Tweets gefragt, werde die Öffentlichkeit nicht auf dem Laufenden gehalten über die schwierige Arbeit der Identifizierung? Haben die Behörden nicht längst anhand von Mobiltelefondaten, Schülerlisten, Steuer- und Sozialamtsverzeichnissen ein genaues Bild davon, wie viele Personen in der Brandnacht im Hochhaus waren? Dass die Behörden mauern, glaubt der Abgeordnete für den Nordlondoner Wahlkreis Tottenham, «vergrössert das Risiko von Unruhen».

Tory-Sparpolitik in der Kritik

Grenfell und die Folgen für andere Wohnhochhäuser auf der Insel sind längst zwischen die politischen Fronten geraten. Oppositionsführer Jeremy Corbyn brachte die laxe Kontrolle bestehender Bauvorschriften und mangelnde Brandvorkehrungen in Zusammenhang mit der Sparpolitik der konservativen Regierung. «Wenn man Bezirksregierungen 40 Prozent weniger Geld gibt sowie Polizei und Feuerwehr zusammenstreicht, bezahlen wir alle einen Preis in weniger Sicherheit», so der Labour-Vorsitzende.

Premierministerin May verteidigte sich mit dem Hinweis, die Mängel in Bauaufsicht und sozialem Wohnungsbau reichten «über mehrere Jahrzehnte zurück».

Zwei Wochen nach dem Brand leben 150 überlebende Familien noch in Hotels, 65 Familien sind bereits dauerhaft untergebracht. Umgerechnet mehr als 1,5 Millionen Franken Soforthilfe wurden bis Mittwoch ausbezahlt, berichtete May dem Unterhaus. Die erst im vergangenen Jahr angebrachte Verkleidung aus Polyäthylen und Aluminium, die auf fatale Weise als Brandbeschleuniger wirkte, sei «nicht mit den Vorschriften konform» gewesen, so die Regierungschefin. Mehr könne sie dazu nicht sagen, schliesslich sei der Brand Gegenstand einer polizeilichen Untersuchung.

In 37 Bezirken Englands gelten 120 Wohnhochhäuser als brandgefährdet, weil auch dort die Brandschutzbestimmungen nicht eingehalten wurden.

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