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LONDON: Ihrer Zukunft beraubt

Die Serie von Gewalttaten unter jungen Leuten reisst nicht ab – und verstört die Bevölkerung der britischen Hauptstadt. Seit Jahresbeginn hat die Zahl der Messerstechereien und Schiessereien drastisch zugenommen.
Sebastian Borger, London
Forensiker untersuchen einen Tatort im Londoner Stadtteil Finsbury Park nach einer Messerstecherei. (Bild: Pepe Maclaine/EPA (21. April 2018))

Forensiker untersuchen einen Tatort im Londoner Stadtteil Finsbury Park nach einer Messerstecherei. (Bild: Pepe Maclaine/EPA (21. April 2018))

Sebastian Borger, London

Grosses Potenzial habe Rhyhiem gehabt, sagt Pretana Morgan: «Ich hätte mir keinen besseren Sohn wünschen können.» Letzten Samstag wurde der 17-Jährige beim Fussballspiel in einem Südlondoner Grünstreifen angeschossen. Schwer verletzt schleppte sich der Schüler in eine Nebenstrasse, wo er schliesslich verstarb. Morgan hat nur einen Wunsch: «Ich will keine schwarzen Kinder mehr am Strassenrand liegen sehen. Bitte hört damit auf, lasst ihn den Letzten sein.»

Schon tags darauf ist die inständige Bitte der Londonerin Makulatur. Auf der Hauptstrasse des nordwestlichen Stadtteils Weald­stone wird ein 13-Jähriger von Schrotkugeln getroffen. Ein anderer Jugendlicher wird mit einer Kopfverletzung ins Spital eingeliefert. Beide sind nach Angaben von Scotland Yard Zufallsopfer eines «rücksichtslosen, kaltschnäuzigen» Täters. Kaum 24 Stunden später, am nachgeholten Maifeiertag, muss die Polizei schon wieder ausrücken: Diesmal liegt ein 16-Jähriger in seinem Blut, niedergestochen im Broomfield Park im Bezirk Enfield von zwei Räubern. Das Opfer ringt im Spital mit dem Tod.

Rekordzahl von Patienten mit Messerstichen

Alle Bluttaten geschehen am Tag – Teil einer schrecklichen Serie, die nicht nur die Hauptstadt London in Atem hält, sondern längst auf andere Regionen des Landes übergegriffen hat. Über das verlängerte Wochenende wurde auch in Liverpool und Luton je ein 20-Jähriger durch Messerstiche tödlich verletzt. Aber die Aufmerksamkeit der Medien bleibt auf London konzentriert, das einer Schlagzeile der konservativen «Sunday Times» zufolge inzwischen «ein bisschen an New York erinnere».

Statistiker halten das für übertrieben, lag doch die Zahl der Tötungsdelikte im Big Apple 2017 bei 292 und damit doppelt so hoch wie in London (130). Immerhin zog die britische Metropole im Februar und im März an der Stadt auf der anderen Atlantikseite vorbei. In Spitälern wie dem Royal London im Londoner East End herrscht Hochkonjunktur. Im vergangenen Jahr zählten die Mediziner dort eine Rekordzahl von 702 Patienten mit Messerstichen. «Früher ging es vor allem um Leute in den Zwanzigern», berichtete Unfallchirurg Martin Griffiths der BBC. «Mittlerweile gehören Kinder von 13, 14, 15 Jahren, oft noch in Schuluniform, zu unserer Routine.»

Allzu häufig gehören Opfer wie Täter ethnischen Minderheiten an, wie Polizeidirektor Martin Hewitt konstatiert. «Und ich fürchte, dass uns deshalb das kollektive Gefühl der Empörung fehlt», gibt der erfahrene Einsatzleiter von Scotland Yard zu bedenken. Die Polizei und die zuständigen Politiker geben sich entschlossen, der Gewalt-Epidemie Einhalt zu gebieten, ganz im Sinn verzweifelter Eltern wie Pretana Morgan. Auf Anweisung des Londoner Labour-Bürgermeisters Sadiq Khan patrouillieren mehr Beamte von Scotland Yard auf den Strassen der Metropole. Mit den Betroffenen und der Polizei werde er «ohne Pause dafür arbeiten», der Welle von Gewaltverbrechen Einhalt zu gebieten. Der erst seit einer Woche amtierende konservative Innenminister Sajid Javid bietet seine Hilfe an im Kampf gegen das Verbrechen, «das zu viele junge Leute ihrer Zukunft beraubt».

Kritiker des Regierungskurses, zu denen auch Khan zählt, halten freilich dagegen: Die Sparpolitik habe die Zukunftsaussichten junger Leute in der Hauptstadt schon seit Jahren so verengt, dass viele Zuflucht in Gangs suchen. Dort werden sie als Drogenkuriere eingesetzt und verrohen rasch. «Nachmittagsbetreuung für Schüler aus Problemfamilien, Sozialzentren für Leute mit psychischen Problemen, Jugendclubs – allzu viel davon wurde geschlossen», argumentiert Bürgermeister Khan.

Negativfolgen einer rigorosen Sparpolitik

Innenminister Javid muss sich zudem mit den Folgen der rigorosen Sparpolitik seiner Vorvorgängerin im Amt, der heutigen Premierministerin Theresa May, herumschlagen. Unter Mays Ägide sank die Zahl der sogenannten Bobbies auf Streife vielerorts um 15 Prozent. Weil gleichzeitig bei vielen Deliktformen die Kriminalitätsbelastung zurückging, feierten die Konservativen jahrelang den Produktivitätszuwachs bei der Polizei. Seit der Trendumkehr aber sieht es gefährlich danach aus, als sei wichtige Expertise, nicht zuletzt der vertrauensvolle Kontakt mit den sehr unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in Millionenstädten wie London, verloren gegangen.

«Der Nachbarschaftspolizist existiert praktisch nicht mehr», beobachtet der Labour-Abgeordnete David Lammy, der den armseligen Stadtteil Tottenham im Unterhaus vertritt.

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