Ostasien
Macao ist das Zockerparadies der Kommunisten

Unter portugiesischer Herrschaft war Macao ein verschlafenes Fischerstädtchen. 1999 ging es zurück an China. Heute ist Macao das Kasino-Mekka im Osten und reichste Stadt Ostasiens.

Felix Lee, Macao
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Sands Cotai Central in Macao: Eines von 35 Kasinos in der ehemaligen portugiesischen Kronkolonie. key

Sands Cotai Central in Macao: Eines von 35 Kasinos in der ehemaligen portugiesischen Kronkolonie. key

Mit einem dicken Strohhalm schlürft CK Wong die Tapioka-Perlen aus seinem Milchtee. Ab und zu streicht sich der 63-Jährige mit der Hand über den Spitzbart und lächelt verschmitzt. Nervös wirkt er nicht. Dabei hat einer seiner Profispieler am Vorabend 200 000 Hongkong-Dollar verzockt – 18 000 Euro. Nun soll er das verlorene Geld wieder hereinholen. Man spielt Baccara. Nur zwei Spieltische stehen in dem VIP-Zimmer im 23. Stock eines Kasino-Hochhauses. Vier junge Kellnerinnen stehen bereit, sofort nachzuschenken, sobald das Glas nur noch drei Viertel voll ist.

Der Croupier hat die Karten ausgegeben. «Naturel», sagt er auf Französisch mit stark kantonesischem Akzent und legt seine beiden Karten auf den Tisch. Eine Sieben und ein Ass – ergibt acht Punkte. Wer am nächsten an die Neun kommt, hat gewonnen. Der Spieler schaut konzentriert auf seine Karten. Weder ein Lächeln im Gesicht noch sonst eine Regung, die Aufschluss geben könnten. Er geht die Sache locker an. Ein Profi. Nicht mal sein Hemd steckt ordentlich in der Hose. Langsam legt er seine Karten hin. Eine Pik 5. Dann huscht doch ein Lächeln über sein Gesicht: Karo 4. Gewonnen. Acht Chips reicht der Croupier über den Spieltisch. CK sagt: «Schluss für heute.» Nach knapp einer halben Stunde Spielzeit. Aber die Verluste vom Vorabend sind wieder eingespielt, es gibt sogar ein Plus. «Amerikaner und Europäer spielen bloss zum Vergnügen», erzählt CK später. «Wir Chinesen spielen um Geld.»

CK Wong lebt in Schanghai. Wie viele Chinesen hat er sich einen neuen Vornamen gegeben, er spricht das «CK» Englisch aus. Bis vor drei Jahren war er Inhaber einer Logistikfirma. Als das Geschäft besonders gut lief, verkaufte er die Firma. Nun geniesst er das Leben. Führt seine Familie abends zum Essen aus. Verbringt den Tag in Zockerbuden und wettet auf Pferde. Einmal im Monat fliegt er nach Macao, der inzwischen umsatzstärksten Kasinostadt der Welt. «Natürlich lockt mich auch der Nervenkitzel», sagt er. Aber der werde weniger. Seit fünf Jahren kommt er regelmässig nach Macao und spielt – beziehungsweise lässt spielen. Diese Leidenschaft teilt er mit Millionen anderer Chinesen. Weil das Kasinogeschäft in China selbst verboten ist, kommen sie zu Millionen in die portugiesische Ex-Kronkolonie Macao, die wie Hongkong einen Sonderstatus geniesst.

Er spüre kein Entsetzen mehr, wenn an einem Abend mehrere zehntausend verloren gingen, sagt CK Wong. Denn insgesamt habe er mehr eingenommen als ausgegeben. Behauptet er zumindest. Damit dürfte er zu einer kleinen Minderheit gehören. Denn wirkliche Gewinner gibt es, zumindest rechnerisch, in Spielerhochburgen nur wenige.

Die 35 Kasinos in Macao nahmen im letzten Jahr umgerechnet 28,7 Milliarden Euro ein – viermal so viel wie die Spielhöllen in Las Vegas. Allein das Kasino «Lissabon» zählt täglich Zehntausende Gäste. Und woher sonst sollen die hohen Einnahmen kommen, wenn die vielen Spieler nicht mehr verlieren würden, als sie gewinnen?

Macaos Aufstieg von einem verschlafenen Fischerstädtchen zu einer der wohlhabendsten Städte Ostasiens ging unmittelbar einher mit der Rückgabe der portugiesischen Kronkolonie an die Volksrepublik. Nach 450 Jahren Fremdherrschaft fiel die Stadt 1999 an China zurück. Das Kasinogeschäft war bereits unter portugiesischer Verwaltung erlaubt. Doch nur das Kasino «Lissabon» hatte eine Lizenz. Liberalisiert wurde das Zockergeschäft erst unter chinesischer Herrschaft. Inzwischen sind alle grossen Hotelketten und Kasinobetreiber in Macao vertreten. «The Sand» hat ebenso eine Dependance wie das «Venetian» – beide gigantischer und kitschiger als in Las Vegas.

Die 580 000 Macanesen profitieren davon. Denn die Steuereinnahmen bleiben in der Stadt. Die medizinische Versorgung ist kostenlos, ebenso die Altersversorgung. 2012 erhielt jeder Einwohner eine Prämie von fast 1000 Euro bar auf die Hand. Dabei hat die chinesische Regierung den Macao-Besuch ihrer Bürger bereits einschränkt. Seit letztem Jahr dürfen Festlandchinesen nur noch einmal im Monat einreisen. Dennoch kommen viele. Und umso mehr floriert das Geschäft mit angeheuerten Spielern. Sie spielen im Auftrag ihrer Kunden – auch wenn diese gar nicht dabei sind.

CK WONG kennt seinen Profispieler seit drei Jahren. Wie Freunde seien sie, sagt der Mann, der seinen wahren Namen nicht preisgeben möchte. Kommt CK Wong am Flughafen an, holt sein Profispieler ihn mit seinem Lexus RX 350 ab. Er übernimmt die Hotelkosten für ihn, selbst das Ein- und Auschecken an der Réception. Und bringt die Familie in die angesagten Lokale der Stadt, oft ebenfalls auf seine Rechnung. «Das gehört zur Freundschaft dazu», sagt er. Viele Jahre lang hat der Spieler in Hongkong ein Restaurant betrieben und dabei seine Spielleidenschaft entwickelt. Nun macht er das eben professionell. Und verdient nicht schlecht, wie er sagt.

Die Kasinobetreiber geben ihm eine Courtage von 500 Euro pro vermittelten Kunden, dazu Spesen. Das sei aber nur das Taschengeld, sagt er grinsend. Gewinnt er für seinen Kunden, heimst er in der Regel 20 Prozent des Gewinns ein. Verliert er, drücken ihm die meisten dennoch ein paar Scheine in die Hand – sofern sie nicht alles verloren haben. Auch auf Vorschuss spiele er. Das gehöre zum Service dazu. Und wenn ein Kunde mal die Verluste nicht zurückzahlt? Auf einen Kunden aus Guangxi habe er Schlägertrupps ansetzen müssen. Zwei Millionen Hongkong-Dollar würde er ihm schulden. «Da ist es mit der Freundschaft vorbei.»

Baccara ist ein Glücksspiel, das bei Chinesen auch deswegen so beliebt ist, weil Verstand vonnöten oder zumindest hilfreich ist. Mithilfe einer Wahrscheinlichkeitsrechnung lassen sich die Spielchancen erhöhen. Die Ergebnisse der Spiele werden auf einem Bildschirm neben dem Spieltisch angezeigt. Viele rechnen, bevor sie setzen. «Wer mit System spielt, gewinnt vielleicht. Wer ohne spielt, verliert ganz bestimmt», erklärt der Profispieler.

Am zweiten Abend zieht CK ohne seinen Spieler los. Er hat sich mit einem Freund aus Hongkong zum Spielen verabredet. Der reist mit seiner Ehefrau an. Doch niemand holt das Paar vom Flughafen ab, auch die Hotelkosten müssen sie selbst berappen. Der Freund verzichtet auf einen professionellen Spieler. Über Monate hinweg hat er Ratgeber gelesen, Kalkulationen angestellt und eine Formel entwickelt. Die will er nun ausprobieren.

Drei Seiten Papier mit einer langen Zahlentabelle packt er aus seiner Aktentasche. Seine Frau ist skeptisch. «Ich glaube an keine Formeln», sagt sie. Glücksspiel bleibe Glücksspiel. Auf 20 000 Hongkong-Dollar Einsatz haben sie sich geeinigt, die ihr Mann maximal setzen darf. Sie selbst will sich die Zockerei nicht mit ansehen. CK Wong begleitet den Freund. Zunächst setzen sie nur kleine Summen: Chips im Wert von 500 Dollar, dann auch mal einen Tausender. Sie gewinnen. Sie wechseln den Spieltisch. Und wieder liegen sie richtig. Aufseher blicken bereits misstrauisch.

Doch beim sechsten Spiel lässt sie ihre Formel im Stich. Beim siebten, achten und neunten Mal ebenso. Um die Verluste wieder hereinzuholen, setzen sie einen grossen Betrag. Und wieder verlieren sie. Dann herrscht Schweigen. Die vorgesehenen 20 000 Dollar sind verspielt. CK Wongs Gewinn vom Vorabend ebenso. CK Wong verlässt Macao mit einer roten Null, Kost und Logis waren für ihn und seine Familie immerhin frei. Für seinen Freund hingegen ist der Aufenthalt eine Pleite. Macao aber boomt.