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MACERATA: Der Hass ist im italienischen Wahlkampf angekommen

Ein Neonazi erfährt nach seiner Attacke auf Migranten Solidarität – nicht nur von Rechtsradikalen.
Dominik Straub, Rom
Mit einer 9-Millimeter-Pistole schoss ein Rechtsextremist aus einem Auto heraus wahllos auf Afrikaner. (Bild: AFP (Macerata, 3. Februar 2018))

Mit einer 9-Millimeter-Pistole schoss ein Rechtsextremist aus einem Auto heraus wahllos auf Afrikaner. (Bild: AFP (Macerata, 3. Februar 2018))

Die Schusswunden der acht zum Teil schwer verletzten Migranten waren von den Ärzten kaum versorgt worden, da erklärte die neofaschistische Organisation Forza Nuova bereits, dass sie die Anwaltskosten für den Täter übernehmen werde. «Wir stehen auf der Seite von Luca Traini, dem jungen Mann, der gerade festgenommen worden ist», hiess es in einem Communiqué.

In zahlreichen Posts in sozialen Medien und in Facebook-Gruppen wurde der 28-jährige Rechtsradikale Traini geradezu zum Helden stilisiert. «Das ist der Beginn, sich nicht mehr minderwertig zu fühlen», schrieb die Gruppe Faschisten des Dritten Jahrtausends. Jeder von ihnen, hiess es weiter, hätte dasselbe getan. Einige noch radikalere Gruppen riefen unverblümt dazu auf, «den Einwanderern ins Gesicht zu schiessen und sie zu töten» – die meisten Internet-Einträge erfolgten dabei unter Klarnamen. In vielen dieser Posts erfolgte auch ein Aufruf, bei den Parlamentswahlen vom 4. März Forza Nuova oder der ebenfalls rechtsradikalen Gruppe Casa Pound die Stimme zu geben.

Täter kandidierte für die fremdenfeindliche Lega

Traini hatte am vergangenen Wochenende in der mittelitalienischen Kleinstadt Macerata von seinem fahrenden Auto aus regelrecht Jagd auf dunkelhäutige Menschen gemacht; insgesamt hatte er aus seiner 9-Millimeter-Pistole 30 Schüsse abgegeben. Nach zwei Stunden fuhr er zu einem Denkmal für gefallene Soldaten, wickelte eine italienische Nationalflagge um die Schultern, reckte die Hand zum Faschistengruss und schrie «Viva l’Italia» und «Italien den Italienern!». Danach liess er sich von der Polizei widerstandslos abführen. In seiner Wohnung fanden die Carabinieri ein Exemplar von Hitlers «Mein Kampf» und andere Nazi-Devotionalien. Traini hatte 2017 bei Kommunalwahlen für die fremdenfeindliche Lega kandidiert, aber keine Stimmen geholt.

Der Täter ist geständig und bereut nichts. Er habe den Tod eines 18-jährigen drogenabhängigen Mädchens rächen wollen, für dessen Tod zunächst ein nigerianischer Flüchtling verantwortlich gemacht worden war. Inzwischen hat der Untersuchungsrichter erklärt, es gebe «keine Beweise für eine Täterschaft des Nigerianers». Offenbar hatte er aber die junge Frau, die möglicherweise an einer Überdosis gestorben ist, mit Drogen versorgt. Aus diesem Grund blieb er in Haft.

Berlusconi nennt Migranten «soziale Bombe»

Der Versuch, den Täter zum Opfer zu machen, blieb nicht auf die rechtsradikale Szene beschränkt. Zwar verurteilten sowohl Ex-Premier Silvio Berlusconi als auch Lega-Chef Matteo Salvini die Gewalttat. Um dann aber praktisch die Migranten für die Terrorfahrt Trainis verantwortlich zu machen: Berlusconi bezeichnete die (angeblich) 600 000 Migranten, die unter der Regierung «der Linken» ins Land gekommen seien und die sich illegal in Italien aufhielten, als «soziale Bombe», weil sie «bereit sind, Straftaten zu begehen». Sie müssten in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden, so Berlusconi. Salvini wiederum erhöhte die Zahl der sich illegal im Land aufhaltenden Migranten gleich noch um 200 000: «Die Italiener sind keine Rassisten. Das Problem sind die 800 000 Migranten, welche die letzten Regierungen ins Land geholt haben.» In einem von ihm regierten Italien «würde jeder, der keine Aufenthaltsbewilligung hat oder von Drogenhandel lebt, umgehend zurückspediert».

Das Rechtsbündnis von Berlusconis Partei Forza Italia, Salvinis Lega und der rechtsnationalen Kleinpartei Brüder Italiens führt in den Umfragen für die Parlamentswahlen, kommt aber bisher nicht ganz auf eine regierungsfähige Mehrheit. Die «Grillini» von der rechtspopulistischen Fünf-Sterne-Bewegung sind zwar grösste Einzelpartei, liegen aber hinter Berlusconis Rechtsbündnis auf Platz zwei.

Die Schiesserei in Macerata hat dem Wahlkampf eine bisher ungeahnte Gehässigkeit verliehen. Angesichts der Welle der Solidarität für den Täter hat inzwischen sogar der Anwalt von Traini von einem «alarmierenden Signal» gesprochen. Er werde, sagte der Anwalt, in Macerata auf offener Strasse angesprochen und aufgefordert, seinem Mandanten die besten Wünsche zu überbringen. «Luca ist nur die Spitze eines Eisberges – der Hass hat offenbar eine sehr viel grössere Basis.»

Dominik Straub, Rom

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