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MACHT: Der Einflüsterer des Kremls: Bischof Tichon

Der Moskauer Bischof Tichon wird als Beichtvater von Präsident Putin gehandelt. Der orthodoxe Fundamentalist gewinnt immer mehr Einfluss auf dessen Kulturpolitik.
MOSCOW, RUSSIA - MAY 25, 2017: Bishop Tikhon (Shevkunov) of Yegoryevsk, superior of Moscow's Sretensky Monastery, and Russia's President Vladimir Putin (L-R front) seen outside the new Church of the Resurrection of Christ and the New Martyrs and Confessors of the Russian Church at the Sretensky Monastery. Mikhail Metzel/TASS (Photo by Mikhail Metzel\TASS via Getty Images) (Bild: Mikhail Metzel)

MOSCOW, RUSSIA - MAY 25, 2017: Bishop Tikhon (Shevkunov) of Yegoryevsk, superior of Moscow's Sretensky Monastery, and Russia's President Vladimir Putin (L-R front) seen outside the new Church of the Resurrection of Christ and the New Martyrs and Confessors of the Russian Church at the Sretensky Monastery. Mikhail Metzel/TASS (Photo by Mikhail Metzel\TASS via Getty Images) (Bild: Mikhail Metzel)

Ob er Wladimir Putin kenne, wurde Bischof Tichon kürzlich gefragt.«Wer kennt ihn nicht. Nun gut, ich habe die Ehre, ein wenig persönlich mit ihm bekannt zu sein.» Ob er da nicht heuchle? «Ich kenne Putin wirklich nur ein bisschen. Wer behaupten kann, er kenne unseren Präsidenten vollständig, der werfe den ersten Stein nach mir.»

Tichon Schewkunow, 59, russisch-orthodoxer Bischof, Abt des Moskauer Sretenski-Klosters, weiss seine Zunge zu benutzen. Ein Intellektueller in Mönchsrobe, er absolvierte das berühmte Moskauer Allunions-Institut für Kinokunst, bevor er 1982 ins Kloster ging. Er drehte Dokumentarfilme und schrieb Bücher. Ein Mann mit lebhaftem Gesicht, nur langsam ergrauenden Bartlocken, aber vor allem mit dem Ruf, er sei der Beichtvater des russischen Staatschefs. Vater Tichon gilt inzwischen als Führer des fundamentalistischen Flügels in der russisch-orthodoxen Kirche.

«Was Glaubensfragen angeht, kann Putin viele kompetente Leute konsultieren, von Seiner Heiligkeit, dem Patriarchen, bis zu einfachen Geistlichen und Laien. Darunter auch Ihr ergebener Diener», der Bischof antwortet mit virtuoser Unklarheit auf Fragen nach seinem Verhältnis zum Präsidenten. Der nach Frankreich emigrierte Bankier Sergei Pugatschow behauptet, er habe Tichon und Putin schon 1996 miteinander bekanntgemacht. Laut dem Sender TV Doschd wurde Tichon damals das «Väterchen der Ljubanka» genannt. Weil sein Sretinski-Kloster nur eine U-Bahn-Station vom Hauptquartier des Inlandgeheimdienstes FSB entfernt lag. Und weil er vielen FSB-Offizieren geistlichen Beistand bot. Zwar meint Pugatschow, Putin selbst glaube nicht an Gott und bedürfe deshalb auch keines Beichtvaters. Aber als Präsident nahm Putin Tichon immer wieder auf Reisen durch Russland und ins Ausland mit.

«Tichon steht in der äussersten nationalistischen und obskuren Ecke der Kirche, der Mensch führt Krieg gegen die moderne Kultur und Zivilisation», erklärt der Ausstellungskurator Andrei Jerofejew. Alexei Wenediktow, Chefredakteur von Radio Echo Moskwy, berichtet, der Kulturminister habe das freizügige Ballett «Nurejew» des Regisseurs Kiril Serebrennikow nach einem Anruf Tichons abgesetzt. Laut TV Doschd haben dessen Beschwerden über Serebren­nikow bei Putin zum Haftbefehl gegen den Regisseur geführt.

Diese Vorwürfe bezeichnet Tichon als kranke Fantasien. An seine eigenen Ideen glaubt des Kremls neuer «Kulturkardinal» umso unbeirrbarer. Vor wenigen Tagen erklärte er, die Erschiessung der Zarenfamilie sei ein Ritualmord gewesen – eine antisemitische und eigentlich längst widerlegte Version zarentreuer Emigranten. Die Öffentlichkeit staunt. Das staatliche Ermittlungskomitee aber hat die Fahndung nach den Beweisen schon aufgenommen.

Stefan Scholl, Moskau

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