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Im Vatikan tobt ein Machtkampf

Indem sie dem Papst eine Mitschuld an den Sexskandalen der Kirche anlasten wollen, versuchen seine konservativen Kritiker, ihn zu Fall zu bringen.
Felix E. Müller
Innenaufnahme des Petersdom im Vatikan in Rom. Bild: Spencer Platt/Getty (Vatikanstadt, 31. August 2018)

Innenaufnahme des Petersdom im Vatikan in Rom.
Bild: Spencer Platt/Getty (Vatikanstadt, 31. August 2018)

Am Mittwochmorgen der zweitletzten Augustwoche steht der 77-jährige Erzbischof Carlo Maria Viganò in Rom vor der Tür eines konservativen Vatikan-Journalisten, am Hals einen einfachen klerikalen Kragen, auf dem Kopf eine Rocky-Mountain-Baseball-Mütze und in der Mappe eine explosive Botschaft. In den folgenden Stunden verfassen er und der Pressemann am Esstisch einen elfseitigen offenen Brief, der darin gipfelt, dass der Papst zum Rücktritt aufgefordert wird. Der Vorwurf: Er habe einen sexuellen Übeltäter im Klerus geschützt und gehe zudem zu wenig entschieden gegen ein Netzwerk von Homosexuellen im Vatikan vor. Dieses Netzwerk, heisst es im Brief, wirke so machtvoll «wie die Tentakel von Kraken» und «erwürge unschuldige Opfer und priesterliche Berufungen».

Als das Pamphlet, das mit ausdrucksstarken Bildern und persönlichen Attacken auch auf andere Mitglieder der Kurie nicht geizt, endlich fertig ist, schaltet Viganò gemäss einer Schilderung der «New York Times» sein Handy aus und verlässt die Wohnung seines Ghostwriters mit unbekannter Destination. Er sagt noch, er fürchte um seine Sicherheit. Seit diesem Tag ist Viganò nicht mehr gesehen worden. Wenige Tage später meldet die Tageszeitung «Il Messagero», er habe an einem geheimen Ort ausserhalb Italiens Zuflucht gesucht.

Kurs von Papst Franziskus sei zu fortschrittlich und modern

Seine Vorsicht ist verständlich: Der offene Brief schlägt nach seiner Publikation wie eine Bombe ein. Denn Viganòs Vorgehen stellt eine krasse Verletzung des kanonischen Verhaltenskodexes dar, ist es doch eigentlich undenkbar, dass ein Mitglied des Klerus den Papst – gemäss katholischer Lehre unfehlbar – wegen persönlicher Fehler kritisiert und ihn gar zum Rücktritt aufruft. Dass ein prominenter Erzbischof trotzdem diesen Schritt wagt, zeigt, dass im Vatikan ein heftiger Machtkampf im Gang ist, der mit zunehmend härteren Bandagen ausgetragen wird. Einerseits wird die Kirche seit längerem von Enthüllungen über sexuelle Missbrauchsfälle durch Angehörige des Klerus erschüttert. Nach einer grossen Aufdeckungswelle in Irland steht sie gegenwärtig im Banne einer Untersuchung im US-Bundesstaat Philadelphia, in der die Staatsanwaltschaft von über 1000 Opfern und rund 300 klerikalen Täter spricht, mit einem Sündenregister, das vom blossen Missbrauch, pädophilen Gruppenorgien, Vergewaltigungen bis hin zu Zwangsabtreibungen reicht.

Neben dieser Krise, die kein Ende zu nehmen scheint, tobt andererseits im Vatikan ein Machtkampf um den Kurs der Kirche. Konservative Kritiker des Papstes greifen zunehmend resolut die Agenda von Papst Franziskus an, die ­ihnen zu fortschrittlich, zu reformerisch, zu modern ist.

Mit grosser Raffinesse versucht nun Viganò, einen Zusammenhang zwischen diesen beiden Krisenherden herzustellen und den Missbrauchsskandal für den Kampf gegen Papst Franziskus zu instrumentalisieren. Im Zentrum dieses Manövers steht Theodore McCarrick, eine der bekanntesten und angesehensten ­Figuren der katholischen Kirche der USA und deswegen als Kardinal auch im ­Vatikan einflussreich. McCarrick wurde früh von den ersten Enthüllungen über sexuellen Missbrauch erfasst, als vor ­einigen Jahren Einzelheiten einer Ab­geltungszahlung an ehemalige, erwachsene Seminaristen wegen sexueller Übergriffe bekannt wurden. Im Sommer 2018 ­kamen in den Medien aber Anschuldigungen dazu, die von Übergriffen gegen Minderjährige sprechen. Danach bot McCarrick dem Papst seinen Rücktritt vom Kardinalsamt an. Franziskus akzeptierte diesen und wies ihn an, den Abschluss eines kirchlichen Untersuchungsverfahrens in einem Haus der Einkehr und der Busse abzuwarten.

Im offenen Brief von Erzbischof Viganò wird nun die Behauptung aufgestellt, Papst Benedikt habe den Kardinal aus Washington wegen der ersten Missetaten mit einer Strafe belegt. Doch als Franziskus auf den Stuhl Petri nachgerückt sei, habe dieser, obwohl über die Verfehlungen informiert, diese Strafe aufgehoben und Kardinal McCarrick stattdessen zu seinem Berater gemacht, weil dieser die fortschrittlichen Ideen von Franziskus teile.

Erzbischof Carlo Maria Viganò bei einem Gottesdienst in Washington.(Bild: Gregory A. Shemitz/Reuters; 22. Januar 2015)

Erzbischof Carlo Maria Viganò bei einem Gottesdienst in Washington.
(Bild: Gregory A. Shemitz/Reuters; 22. Januar 2015)

Viganò spielt Päpste gegeneinander aus

Damit erreicht Viganò drei Ziele: Erstens geraten diese Ideen in ein schiefes Licht, weil sie letztlich – so der unausgesprochene Vorwurf – von Personen mit problematischer Vergangenheit propagiert würden. Zweitens wird die Glaubwürdigkeit und die Integrität des Papstes in ­Frage gestellt, hat dieser doch die kon­sequente Verfolgung von sexuellen Missetätern versprochen. Wenn er nun in einem Fall, der ihm persönlich gelegen kam, angeblich gegenteilig handelt, wäre er als Botschafter einer geläuterten Kirche nicht mehr glaubwürdig. Drittens schliesslich spielt Viganò subtil Franziskus und seinen Vorgänger Benedikt VVI. gegeneinander aus.

Denn die Sache liesse sich vom jetzigen und vom ehemaligen Papst ganz einfach klären. Bestätigt Benedikt XVI. die Darstellung Viganòs, stünde Franziskus in sehr schlechtem Licht da. Widerspräche hingegen Franziskus den Behauptungen Viganòs, dass es eine Sanktionierung von McCarrick gegeben habe, die man hätte aufheben können, dann müsste sich sein Vorgänger die Kritik gefallen lassen, wie viele in der Kirche prominente Missetäter geschont und gedeckt zu haben. Weshalb Papst Franziskus zum Brief von Erzbischof Viganò bisher materiell nicht Stellung genommen hat, versteht sich aus dieser Konstellation: Seine Verteidigung könnte letztlich nur auf Kosten seines Vorgängers erfolgen.

Die jüngste Krise im Vatikan interpretiert John Carr, Professor für katholische Soziallehre an der (katholischen) Georgetown University in Washington, in der «Washington Post» denn auch zutreffend: «Der Skandal um sexuelle Missbräuche wird zu einer Waffe gemacht, in dem das Leiden von verwundbaren einzelnen benutzt wird, um eine bestimmte ideologische Agenda zu befördern, was eine an sich schon schlimme Situation noch schrecklicher macht.» In der Zwischenzeit hat der Staatsanwalt von Pennsylvania, Joseph Shapiro, gesagt, er verfüge über handfeste Beweise, dass der Vatikan über die Vertuschung der von ihm aufgedeckten Missbrauchsfälle durch den amerikanischen Klerus im Bild gewesen sei, aber nichts dagegen unternommen habe. Ob Papst Franziskus selbst auch informiert gewesen sei, könne er mangels Kompetenzen jedoch nicht abklären. Diese «bestimmte ideologische Agenda», von der Beobachter John Carr spricht, ist eine, die im Widerspruch zu derjenigen von Franziskus steht. Dieser verfolgt eine Linie, welche der Kirche ein menschlicheres Gesicht geben will. Für ihn gehören auch Geschiedene und Homosexuelle dazu und sollen nicht ausgeschlossen werden. Er setzt sich für Flüchtlinge ein, er kritisiert die Auswüchse des Kapitalismus, er warnt vor den Folgen des Klimawandels. Es sind dies Positionen, die aus Sicht von Traditionalisten die Doktrin der Kirche aufweichen und beschädigen; aus Sicht weltlicher Kritiker wie Donald Trump kämpft Franziskus schlicht für eine linke Agenda.

Papst beruft Konferenz zum Thema Kinderschutz ein

Angesichts der zahlreichen Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche hat Papst Franziskus eine Konferenz zum Thema Kinderschutz einberufen. Der Papst werde mit den Bischofskonferenz-Vorsitzenden aus der ganzen Welt über den «Schutz von Minderjährigen» sprechen, teilte der Vatikan gestern mit. Die Konferenz werde vom 21. bis 24. Februar 2019 im Vatikan stattfinden, erklärte der Kardinalrat, der den Papst berät. Heute trifft sich der Pontifex zudem mit Kirchenvertretern aus den USA. An dem Treffen nimmt unter anderem der Vorsitzende der Katholischen Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten, Daniel DiNardo, teil.

Zudem gab der katholische Erzbischof von Washington, Kardinal Donald Wuerl, bekannt, dass er im Zuge des Missbrauchsskandals in seinem Land mit dem Papst über seinen Rücktritt sprechen will. Wuerl war in den vergangenen Wochen massiv unter Druck geraten. Er soll in seiner Zeit als Bischof von Pittsburgh an der Vertuschung von Missbrauchsfällen beteiligt gewesen sein. (sda)

In Viganòs Brief geht es aber nicht bloss um den Umgang mit dem Missetäter McCarrick. Der sorgfältig kalkulierte Angriff richtet sich auch gegen die Existenz eines einflussreichen Netzwerkes von Homosexuellen im Vatikan. Als dessen Protektor wird der ehemalige Staats­sekretär des Vatikans, Kardinal Tarcisio Bertone bezeichnet, der «bekanntermassen bei Promotionen Homosexuelle bevorzugt hat.» Für konservative Kreise steht fest, dass diese Homosexuellen-Lobby mindestens moralische Mitschuld an den pädophilen Übergriffen von Klerikern trägt und aktiv deren Vertuschung betrieben habe.

Tatsächlich bestätigt auch der italienische Enthüllungsjournalist Gianluigi Nuzzi in seinem demnächst erscheinenden Buch «Erbsünde» die Existenz einer «Schwulenlobby» im Vatikan, die ein eigentliches Machtzentrum darstelle (siehe Kasten). Nuzzi schreibt auch, ein Bericht über dieses informelle Netzwerk sei der letzte Tropfen gewesen, der Benedikt XVI. zum Rücktritt bewogen habe. Viganò sagt mit diesem Hinweis letztlich aber, dass Papst Franziskus hier ebenfalls zu wenig energisch durchgreife, ja sich im Gegenteil von solchen Leuten beeinflussen lasse.

Papst Franziskus bei einem Besuch in Dublin.(Bild: Stephen McCarthy/Getty; 25. August 2018)

Papst Franziskus bei einem Besuch in Dublin.
(Bild: Stephen McCarthy/Getty; 25. August 2018)

Konservative wollen Amtszeit des Papstes verkürzen

Vor allem aber rächt sich Viganò damit an Kardinal Bertone, mit dem er zahlreiche Sträusse ausgefochten hat und der ihm seinen Lebenstraum vereitelt haben soll, in den Kardinalsrang aufzusteigen. Stattdessen wurde er 2012 als Nuntius, also Botschafter, in die USA geschickt. Viganò empfand dies als Abschiebung und beklagte sich deswegen protokollwidrig direkt bei Papst Benedikt XVI. Weil diese Intervention nicht erfolgreich war, fügte sich der Erzbischof schliesslich und übernahm den Posten in Washington. Dort scheint er rasch in engeren Kontakt mit konservativen Kreisen gekommen zu sein und diese als Plattform für seine Kritik am Vatikan entdeckt zu haben. Diese Kreise sind politisch in der republikanischen Partei gut verankert. Eine Schlüsselfigur ist Kardinal Raymond Leo Burke, zu dessen Netzwerk auch Steve Bannon, der ehemalige umstrittene Berater und erzkonservative Katholik, gehört. In diesem Milieu wurde stets kritisch vermerkt, dass Papst Franziskus letztlich die politischen Inhalte von Barak Obama vertrete. Tatsächlich hat Franziskus vor allem im Wahlkampf Donald Trump deutlich kritisiert, etwa wegen seiner Einwanderungspolitik.

Somit gerät die Bewältigung des Übergriffskandals in der amerikanischen Kirche in den Strudel der inneramerikanische Kontroverse um Donald Trump, was wiederum Auswirkungen auf den Richtungskampf im fernen Rom hat. Noch selten wurde ein Machtkampf in der katholischen Kirche derart offen und derart schonungslos ausgetragen. Dabei wird nicht nur um theologische Inhalte gestritten. Es geht in einer stark polarisierten Welt auch darum, ob der Weg in die Zukunft von den Ideen Donald Trumps geprägt sein oder ob sich ein ­linkeres Gegenprogramm durchsetzen wird. Die moralische Stimme des Vatikans hat da, obwohl beeinträchtigt durch den Missbrauchsskandal, immer noch Gewicht. Deswegen gehe es den Konservativen innerhalb der Kirche und ausserhalb darum, «die Amtsdauer dieses Papsts zu verkürzen und, falls dies nicht gelingt, seine Stimme zu neutralisieren oder Zweifel um ihn zu verbreiten».

Diese Einschätzung machte kein geringerer als Kardinal Joseph Tobin von Newark, der sich in den USA, in der Kirche und im Vatikan bestens auskennt. Und seit Benedikt XVI. weiss man ja, dass Päpste auch zurücktreten können. Die Schonfrist von Franziskus ist definitiv abgelaufen.

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