So will der französische Präsident die Banlieues zurückerobern

Emanuel Macron will in den Vororten der französischen Städte den Nährboden für die Radikalisierung von Muslimen ausmerzen. Doch sein Vorgehen stösst auch bei Gemässigten auf Kritik.

Stefan Brändle aus Paris
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Eine Muslimin und ihre Kinder auf dem Weg in eine Moschee im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois.

Eine Muslimin und ihre Kinder auf dem Weg in eine Moschee im Pariser Vorort Aulnay-sous-Bois.

Bild: Getty (4. Januar 2020)

Frankreich blickt mit Sorge in die Banlieues. In den Vororten grosser Städte wie Paris oder Lyon findet die Abschottung ganzer Wohnquartiere unter dem Druck salafistischer Prediger statt. Sie führen eigene Regeln ein – strengere Kleidersitten für Frauen, bekleidetes ­Duschen für Männer in Sportvereinen; dazu nur noch Halal-Essen in den Kantinen oder Arbeitszeiten gemäss islamischen Gebetsregeln.

Frankreich hat die Voraussetzungen dafür selber geschaffen, indem es die Immigranten aus dem Maghreb in den 60er- und 70er-Jahren in neu errichteten Zonen am Stadtrand einquartierte. Seither verschliesst die Nation die Augen vor diesen Enklaven.

Keine ausländischen Imame mehr zulassen

Emmanuel Macron will die Banlieue-Zonen nun «für die Republik zurückerobern». In der elsässischen Stadt Mulhouse, die mehrere Problemviertel kennt, sagte er dem «islamistischen Separatismus» Mitte Februar bei einem wohlinszenierten Auftritt den Kampf an. Unter anderem wolle sein Land ab 2024 keine ausländischen Imame mehr zulassen, führte er aus. Nur so liessen sich Hasspredigten verhindern, die den Nährboden für die Radikalisierung anfälliger Zuhörer und damit auch für Terroranschläge bildeten.

Macrons Auftritt war sicher auch auf die Kommunalwahlen im März in Frankreich terminiert. Die gewichtigste Kritik kommt von dem neuen Rektor der Grossen Moschee in Paris, Chems-Eddine Hafiz. Der gemässigte Würdenträger leitet seit Januar den wichtigsten Gebetsort der gut fünf Millionen französischen Muslime. Er empfängt mit Pfefferminztee und orientalischer Gastfreundlichkeit, spricht aber politisch Klartext. Macrons Imam-Projekt bezeichnet er als «unüberlegt». Über das Ziel – die Rückweisung eines «kriegerischen Islam» – herrsche zwar Einigkeit, meint der 65-jährige Franko-Algerier. Doch die Methode sei kontraproduktiv: «Das Verbot ausländischer Imame fördert nur die Radikalisierung gewisser Moscheen.»

Warum das? «Weil es die Falschen trifft», meint Hafiz und entrollt eine Argumentationskette wie der erfolgreiche Anwalt, der er früher war. In Frankreich gibt es ungefähr 2500 Moscheen und andere Gebetsorte, aber nur 400 eingeschriebene Imame. Von diesen 400 stammen nur hundert aus Frankreich selbst. «In Frankreich haben sie keine soziale Anerkennung und keinen Status», meint der ebenso breitschultrige wie sanftmütige Rektor. «Die jungen Islam-Studenten schrecken deshalb vor einer Ausbildung zurück, die weder Zukunftsperspektiven noch soziale Sicherheit bietet.»

Daher muss Frankreich die Mehrheit der Imame «importieren». Der frühere konservative Staatschef Nicolas Sarkozy schloss 2004 eine Übereinkunft mit Algerien – das bereits die Grosse Moschee von Paris unterhält –, aber auch mit Marokko und der Türkei. Das Parlament in Algier legt zum Beispiel jedes Jahr ein Budget für die Entsendung von 120 Imamen nach Frankreich fest.

«In ihrem Land haben sie einen offiziellen Beamtenstatus», erklärt Hafiz. «Bevor sie nach Paris, Lyon und Marseille reisen, müssen sie Französisch lernen. Zudem müssen sie die französische Rechtsordnung kennen.» Dazu gehört etwa das Verbot, eine religiöse Trauung ohne Vorhandensein einer zivilen Ehe zu schliessen. Auch in ihren Predigen müssen sie die Gesetze der Republik über die der islamischen Scharia stellen.

Wenn diese «staatstragenden» Imame nicht mehr zugelassen sind, könnten kleinere Moscheen und obskure Gebetsräume versucht sein, Prediger ohne amtliche Zulassung anzuheuern, glaubt Hafiz. Unter ihnen sind laut übereinstimmenden Presse- und Polizeierkenntnissen zunehmend radikale Wahhabiten aus Saudiarabien oder Muslimbrüder aus Ägypten. Die Golfstaaten finanzieren schon heute zahlreiche französische Moscheen. Macrons Auftritt in Mulhouse fand nicht weit von dem neuen Islamzentrum Annour statt, das durch die islamistisch verbrämte Organisation «Qatar Charity» finanziert wird.

Finanzierung von Moscheen als Problem

Hafiz schätzt, dass der strenge Laizismus letztlich schuld an einem religionspolitischen Widerspruch ist: Frankreich wolle keine fremdbestimmten Imame und Moscheen, untersage sich aber selbst deren Finanzierung, da Kirche – oder eben Moschee  – und Staat strikt getrennt seien. Schlimmer noch: «Das laizistische Nichteinmischungsprinzip fördert letztlich die Entstehung unkontrollierter salafistischer Gebetsorte.»

Was tun, statt systemkonforme Imame auszuweisen? «Frankreich muss die Grundlagen schaffen, um heimische Imame auszubilden. Zum Beispiel, indem sie ein priesterähnliches Statut erhalten», fordert der Rektor. Das Laizismus-Prinzip müsse pragmatisch gehandhabt werden, um auch die ­Moschee-Finanzierung zu ermöglichen – sonst sei jede Einflussmöglichkeit illusorisch. «Das setzt aber voraus, dass die Republik all ihre ‹Kinder› inte­grieren will, statt die Muslime zu stigmatisieren», sagt Hafiz. «Und das ist keine Prinzipienfrage, sondern schlicht des politischen Willens.»