Handelsstreit
Macron warnt nach US-Strafzöllen vor Krieg – Deutschland geht das zu weit

Emmanuel Macrons gewinnendes Lächeln, mit dem er in Washington selbst hartgesottene Trumpisten umgarnt hatte, ist ihm nun auf den Lippen gefroren. Nach Trumps verhängten Schutzzöllen fühlt sich der französische Staatspräsident vom US-Präsidenten fast persönlich verraten.

Stefan Brändle aus Paris
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Vor kurzem waren sie noch die dicksten Freunde: Emmanuel Macron (l) und Donald Trump.

Vor kurzem waren sie noch die dicksten Freunde: Emmanuel Macron (l) und Donald Trump.

KEYSTONE

Es ist noch gar nicht so lange her, da waren Donald Trump und Emmanuel Macron die dicksten Freunde; sie klopften sich auf die Schulter und bemühten das historische Band ihrer beiden Länder aus dem 18. Jahrhundert, als der französische Marquis de La Fayette den Amerikanern gegen die britische Kolonialmacht zur Unabhängigkeit verholfen hatte. So geschehen Ende April beim Staatsbesuch Macrons in den USA.

Jetzt, fünf Wochen später, klingt alles anders: Der Protektionismus Washingtons sei ein Verstoss gegen internationale Abkommen und damit «illegal», meinte Macron am Freitag am Telefon zu Trump; und vor allem sei es auch ein Fehler, da die Folgen nicht bedacht würden: «Der wirtschaftliche Nationalismus führt zum Krieg. Das ist genau das, was in den dreissiger Jahren passiert ist.» Also in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

Macrons gewinnendes Lächeln, mit dem er in Washington selbst hartgesottene Trumpisten umgarnt hatte, ist ihm nun auf den Lippen gefroren. In Paris wird nun kritisiert, die französische Anbiederung an den US-Präsidenten habe offensichtlich nichts gebracht. Umso schärfer reagiert Macron, der sich von Trump fast persönlich verraten fühlt.

Deutschland ist zurückhaltend

Mit seiner Charme-Offensive in den USA kontrastierte Macron die Kühlheit und Kürze, die Kanzlerin Angela Merkel nur ein paar Tage später in Washington gegenüber Trump an den Tag gelegt hatte. Auch jetzt fallen die deutschen Reaktionen bedeutend zurückhaltender und weniger leidenschaftlich aus als die französischen: Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier drängt darauf, den Kontakt mit den amerikanischen Partnern aufrechtzuerhalten und nicht überstürzt zu reagieren.

Sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire formuliert bedeutend angriffiger. Dahinter steckt nicht nur der Temperamentsunterschied zwischen Berlin und Paris, sondern auch der Umstand, dass die deutsche Wirtschaft in einem hochgeschaukelten Handelsstreit mehr zu verlieren hat als die französische. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Peugeot und Renault sind in die USA nicht vertreten, Mercedes und BMW aber davon sehr stark abhängig.

Die schwedische EU-Kommissarin Cecilia Malmström bezeichnete die «unterschiedlichen Prioritäten» von Berlin und Paris als «normal» und verweist darauf, dass Handelspolitik alleinige Kompetenz der EU sei. Indirekt geben die Positionen Deutschlands und Frankreich dennoch den Ausschlag. Und derzeit laufen die Drähte zwischen Berlin und Paris heiss, um eine einheitliche Position zustande zu bringen – weder zu brüsk für die Deutschen noch zu lau für die Franzosen.

Paradoxal scheinen die unterschiedlichen Reaktionen, weil Berlin an sich stärker betroffen ist. Und weil Paris an sich weniger Mühe mit protektionistischen Massnahmen hat; in Brüssel fordern die Franzosen immer wieder welche, zuletzt, um die chinesische Kapitalinvestoren im EU-Raum einzuschränken. Macron ist hingegen ein überzeugter Multilateralist.

Er kämpft auch innenpolitisch gegen Nationalisten wie Marine Le Pen, die für eine stärkere Abschottung der französischen Wirtschaft werben. In der EU befürchtet der Präsident im Elysée ebenfalls den Vormarsch von Populisten wie neuerdings in Italien. Auch dort greift das bekannte nationalistische Muster, «fremde» Instanzen wie die EU oder die Globalisierung für die nationalen Problem verantwortlich zu machen. Macron weiss zudem, dass sein eigener Erfolg von einer günstigen Konjunktur der Weltwirtschaft abhängt. Das ist für ihn ein Grund mehr, Trumps Beschlüsse so abrupt zurückzuweisen.

In der Sache denken sowohl Macron wie Merkel gleich: Die amerikanischen Stahl- und Aluminium-Zölle sind nicht nur für die betroffenen Branchen, sondern wirtschaftspolitisch für die ganze EU verheerend. Uneins sind sie sich letztlich nur über die anzuwendende Methode.

Paris glaubt, dass Trump nur eine harte Reaktion der Europäer «verstehen» würde, während Berlin einen Scherbenhaufen mit unabsehbaren ökonomischen und politischen Folgen vermeiden will. Ob die EU daraus eine einhellige Position bilden kann, muss sich weisen. Schafft sie es nicht, hat Trump leichtes Spiel.