«Man hat es lange vorgezogen, die Revolution zu vergessen»

Stefan Scholl
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Historiker Professor Boris Kolonizki (62) ist Historiker an der Europäischen Universität Sankt Peterburg und gilt als führender russischer Experte für das Jahr 1917. Im Interview spricht er über Russlands Umgang mit den Revolutionen vor hundert Jahren.

 

Boris Kolonizki, Präsident Putin hat eine Verordnung erlassen, Veranstaltungen zum Revolutionsjahr 1917 vorzubereiten. Aber verglichen mit den jährlichen Feiern zum Sieg gegen Hitlerdeutschland zeigt der Staat wenig Lust, sich mit 1917 zu befassen.

Das stimmt, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg einigt die Gesellschaft auf schon sakrale Weise. Die Erinnerung an die Revolution aber spaltet die Gesellschaft, hier ist es unmöglich, einen Konsens zu finden. Selbst unter Historikern. Ich selbst bemühe mich, die Diskussion rationaler zu gestalten. Aber das ist nicht Sache der Historiker allein, sehr viel hängt von Politikern, Schriftstellern oder Regisseuren ab. In Russland hat man es lange vorgezogen, die Revolution zu vergessen. Jetzt versucht man, das Jubiläum irgendwie durchzustehen.

Wie diskutiert die Historikerzunft das Ereignis?

Es gibt eine Reihe Konferenzen. Dabei tritt ein beträchtlicher Teil der Historikergemeinschaft als «Parteihistoriker» auf: Liberale, Konservative, Kommunisten, Trotzkisten, Anarchisten und Religiöse, die Ideologie und Geschichtsschreibung vermischen.

Spricht man mit jungen Leuten, können viele gar nichts zur Revolution sagen.

Verglichen mit anderen Daten ist die Revolution 1917 noch immer vielen Russen bekannt. Die meisten denken allerdings an die Oktober- und nicht an die Februarrevolution. Alle kennen Lenin auf dem Panzerwagen oder den Sturm auf den Winterpalast. Das mag wenig sein. Aber viele Leute äussern sich sehr meinungsstark zur Revolution.

Und was sagen sie?

Das hängt von ihren Ansichten ab. Mich betrüben vor allem die Aussagen der Liberalen: Es wäre am besten gewesen, wenn wir bei der Februarrevolution geblieben wären. Ziemlich naiv. Revolution ist ein Prozess mit einer sehr starken Eigendynamik, die man nicht einfach ausschalten kann. Und damals war die Februarrevolution vielen Liberalen schon zu links, zu sozialistisch.

Die russischen Medien stellen die Revolution meist als Ergebnis von Verschwörungen und der Arbeit ausländischer Geheimdienste dar.

Konspirologische Theorien sind ja weltweit in Mode. In Amerika etwa wird Trumps Wahlsieg durch Handlungen Wladimir Putins erklärt. Konspirologie beginnt, wo die Leute alles nur noch mit einem Faktor erklären. Natürlich gab es 1917 in Russland Verschwörer, Untergrundgruppen, Freimaurer, ausländische Agenten. Aber sie bekämpften sich oft gegenseitig. Und sicher hat Deutschland versucht, in Russland eine Revolution anzuzetteln. Aber die Deutschen konzentrierten sich vor allem auf das Baltikum und Finnland, machten Pläne, finnische Rebellen mit Waffenlieferungen zu unterstützen. Aber in Finnland gab es keinen Aufstand. Ein Umsturzplan und ausländisches Geld allein erklären nichts, Revolutionen brauchen Nährboden und Rahmenbedingungen.

Die russische Öffentlichkeit reagierte sehr negativ auf die Maidan-Revolution in der Ukraine. Russland ist offenbar ein antirevolutionäres Land geworden.

In der Sowjetunion herrschte ein Kult der Revolution, der auch während der Perestroika wirkte, die Antikommunisten agierten oft sehr bolschewistisch. Jelzin kletterte 1991 auf einen Panzer wie Lenin 1917. Aber dann folgte 1993 in Moskau ein kleiner, blutiger Bürgerkrieg, der harte Alltag der 90er-Jahre kühlte die revolutionäre Euphorie endgültig ab. Schon vor zehn Jahren verkündete Kommunistenführer Sjuganow, Russland habe sein Plansoll an Revolutionen übererfüllt. Auch wenn heute ein Drittel der Bevölkerung die Oktoberrevolution positiv einschätzt, ist die Mehrheit gegen jede Revolution.

Also ist heute in Russland eine Revolution auszuschliessen?

Manchmal provozieren gerade die Leute, die unbedingt eine Revolution vermeiden wollen, deren Ausbruch. Etwa wenn sie die Opposition mit aller Macht unterdrücken. Umgekehrt ist gesellschaftlicher Druck nötig, um die Reformen durchzusetzen, die Revolutionen verhindern.

Interview: Stefan Scholl