MANCHESTER: «Das Leben muss ja weitergehen»

Nach der Attacke auf ein Popkonzert mit 22 Toten vom Montag ist Manchester von der Tragödie gezeichnet. Eindrücke aus einer Stadt, die im Angesicht des Terrors tapfer ihre Haltung bewahrt.

Sebastian Borger, Manchester
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Die Bevölkerung gedenkt der Opfer des Anschlags am St. Ann’s-Platz (oben), während Königin Elisabeth II. Verletzte im Spital besucht. (Bilder: EPA (Manchester, 25. Mai 2017))

Die Bevölkerung gedenkt der Opfer des Anschlags am St. Ann’s-Platz (oben), während Königin Elisabeth II. Verletzte im Spital besucht. (Bilder: EPA (Manchester, 25. Mai 2017))

Sebastian Borger, Manchester

Wie Hunderte ihrer Mitbürger wollte auch Amina Lone den ­Opfern des Bombenanschlags in ihrer Stadt die Ehre erweisen und einen Blumenstrauss niederlegen. Doch überall waren Schnittblumen ausverkauft, erst im dritten Geschäft wurde die Sozialwissenschafterin, 45, fündig. Die Szenerie am St.-Ann’s-Platz mitten in Manchester rührte sie zu Tränen. «Aber ich wollte nicht weinen. Wir reissen uns zusammen. Es tut uns weh, wir sind bedrückt. Aber wir geben nicht auf.» Wir treffen Lone am Donnerstagmittag. Kurz zuvor, um 11 Uhr, haben sich Hunderte wieder am St.-Ann’s-Platz getroffen. In einer Schweigeminute gedenken sie, gedenkt ganz Grossbritannien der 22 Toten und mehrerer Dutzend Schwerverletzter, die am späten Montagabend in der Arena der nordenglischen Metropole Opfer eines islamistischen Bombenanschlags wurden.

Langsam kehrt Manchester in eine Art von Normalität zurück, einen kleinen Schritt nach dem anderen. Am Abend steigt auf dem Albertplatz ein internationales Leichtathletik-Treffen, am Sonntag wollen Tausende von Hobbyläufern am Halbmarathon durch die Stadt teilnehmen. «Das Leben muss ja weitergehen», sagt die Muslimin Lone und lacht sogar ein bisschen. «Wir lassen uns doch unseren Lebensstil nicht nehmen.» Da schaltet in der Nähe ein Krankenwagen seine Sirene an, und unwillkürlich zuckt Lone zusammen. «Die Anspannung bleibt natürlich. Das ist ja unvermeidlich.»

Terrorbedrohung «unmittelbar bevorstehend»

Manchester, am Tag 3 nach dem Massenmord. Im Kinderspital besucht Königin Elisabeth II., 91, jene Teenager, die sich selbst Arianators nennen, nach ihrem Idol Ariana Grande. Das Konzert der US-Popsängerin war gerade zu Ende, als der Selbstmordattentäter Salman ­Abedi, 22, im Foyer der mit 21 000 Plätzen ausverkauften Mehrzweckhalle seine mit Nägeln und Schrauben gefüllte Bombe zündete. «Schrecklich, sehr böse» sei das gewesen, sagt Ihre Majestät und wünscht den Opfern gute Besserung. Die Polizei hingegen kann von Ruhe nur träumen. An diesem Vormittag muss schon wieder eine wichtige Verkehrsader gesperrt werden, um die Durchsuchung eines Hauses zu ermöglichen. Tags zuvor war es die Hauptbahnlinie nach London gewesen.

Die Jagd nach Abedis Hintermännern ist in vollem Gang, zumal die Kriminaler nicht recht glauben wollen, dass der 22-jährige Uni-Abbrecher die vergleichsweise komplizierte Bombe selbst gebaut hat. Premierministerin Theresa May hat am Dienstagabend mit ernster Miene verkündet, die Terrorbedrohung des Landes müsse nun von «ernst» auf «unmittelbar bevorstehend» hochgestuft werden. Den Fall hat es seit knapp zehn Jahren nicht mehr gegeben. Bis zu 3800 Soldaten werden bis auf weiteres die Polizei entlasten. Fieberhaft rekonstruieren unterdessen die Polizisten in Manchester die letzten Tage und Wochen des in der Stadt geborenen Sohns libyscher Eltern. Das Haus der Familie Abedi in der Elsmore Road im Stadtteil Fallowfield stellen sie schon seit Dienstagmorgen auf den Kopf. Der Zugang zu den rund 50 Metern der Strasse, an denen auch das Haus steht, bleibt abgeriegelt.

Attentäter war mehrmals im Visier der Behörden

Wie aber wurde aus dem unauffälligen Schüler und Wirtschaftsstudenten Abedi ein Massenmörder? Erhielt er zuvor eine Terrorausbildung? Eines steht längst fest, wie Innenministerin Amber Rudd schon am Mittwoch einräumt: Abedi war kein unbeschriebenes Blatt, mehrfach wurden die Sicherheitsbehörden auf extremistische Tendenzen des jungen Mannes hingewiesen. Erst vor kurzem hatte laut «The Times» ein naher Angehöriger bei den Behörden Alarm geschlagen. Abedis Eltern seien so besorgt gewesen, dass sie kurzfristig den Pass des 22-Jährigen konfiszierten. Erst als dieser von einer geplanten Pilgerfahrt nach Mekka berichtete, habe er das Reisedokument wieder bekommen. Ian Hopkins, der Polizeipräsident von Manchester, trägt nüchtern die relevanten Fakten vor: Acht Männer sind nach dem Stand von Donnerstag in Haft, eine Frau wurde nach stundenlangem Verhör wieder entlassen. Zu den Sistierten zählt auch Abedis älterer Bruder Ismail, 23.

Ganz kurz geht der Polizeipräsident auch auf den transatlantischen Streit ein, der die Untersuchung überschattet. Traditionell betreiben britische und amerikanische Geheimdienste einen engen Informationsaustausch auf der Basis, dass die relevanten Fakten geheim bleiben. Nicht so diesmal: Zunächst der Name des Täters, am Mittwoch sogar Fotos vom Tatort werden US-Medien zugespielt. Premier May kündigt an, sie wolle am Rande des Nato-Gipfels den US-Präsidenten ­Donald Trump zur Rede stellen. Mit seinen kurzen, klaren Statements zur Lage ist der Polizeichef ebenso zu einem Gesicht von Manchester geworden wie der erst zu Monatsbeginn gewählte Bürgermeister der Grossregion, Andrew Burnham. Wir treffen den Labour-Politiker am Mittwochabend auf dem St.-Ann’s-Platz vor dem improvisierten Blumenschrein für die Opfer. «Wir lassen uns nicht unterkriegen», sagt der 47-Jährige. «Wir stehen zusammen, gegen den Terror, mit den 99,9 Prozent friedliebenden Muslimen unter uns. Die Terroristen wollen die Spaltung der Gesellschaft, aber wir lassen das nicht zu.» Etwa zur gleichen Zeit tritt in der Vorstadt Bury eine Frau vor ein hastig aufgebautes Mikrofon. Auch Charlotte Campbell ist zu einem Symbol ihrer Heimatregion geworden. Zuerst war es das zu Tode erschrockene Gesicht einer Mutter, die um ihren vermissten Teenager Olivia, 15, bangte. Tränenüberströmt hielt die 36-Jährige ein Foto ihrer Tochter in die Fernsehkameras. Man musste ein Herz aus Stein haben, um von diesen Szenen nicht gerührt zu sein – zumal alles dafür sprach, dass «vermisst» ein Euphemismus war für «tot». Die trüben Ahnungen bestätigten sich am Mittwoch.

Die Sonne bescheint die Szenerie in Bury, als Campbell zwischen Schluchzern ihre Botschaft verkündet. «Wir als Familie sind vereint, wir stehen zusammen. Und ich bitte alle darum, macht es genauso. Lasst euch nicht fertigmachen. Macht meine Tochter nicht zu einem Opfer.» Spricht’s, geht weinend auf eine Gruppe von Olivias Freundinnen zu und umarmt sie.

Die Bevölkerung gedenkt der Opfer des Anschlags am St.-Ann’s-Platz. (Bild: EPA (Manchester, 25. Mai 2017))

Die Bevölkerung gedenkt der Opfer des Anschlags am St.-Ann’s-Platz. (Bild: EPA (Manchester, 25. Mai 2017))