MANCHESTER: Ungebildet, vernachlässigt, fanatisch

Er galt als dumm und unverschämt. Und dann bekam die Polizei Hinweise auf die radikalen Ansichten von Abedi. Wie aus einem unscheinbaren Jungen der Selbstmordattentäter von Manchester wurde.

Sebastian Borger, Manchester
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Salman Ramadan Abedi, der Attentäter von Manchester. (Bild: PD)

Salman Ramadan Abedi, der Attentäter von Manchester. (Bild: PD)

Eilidh MacLeod wuchs in Barra auf, einer wildromantischen Insel mit 1000 Einwohnern vor der Westküste Schottlands. Anfang letzter Woche machte sich die 14-Jährige mit einer Freundin auf die Hunderte von Kilometern lange Reise, um in Manchester ihr Idol Ariana Grande live zu erleben. «Sie liebte Musik», sagt ihre Familie. Am Montagabend endete Eilidhs Leben im Foyer der Arena-Halle. Ihre Freundin ringt im Spital mit dem Tod.

Martyn Hett stammte aus Manchester, arbeitete im Marketing und muss ein ungewöhnlich lustiger, lebensfroher Mann gewesen sein. «Er verliess diese Welt genau, wie er gelebt hat, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit», schrieb sein Lebensgefährte über den 29-Jährigen. Ob sie den Täter hasse, wurde Hetts Mutter von der BBC gefragt. «O nein», sagte sie, «solche Emotionen verdient der gar nicht.»

Es ist das vielleicht brutalste Urteil über Salman Ramadan Abedi, dem Urheber des Attentats von Manchester, bei dem in der Nacht auf Dienstag insgesamt 22 Menschen ums Leben kamen und mehr als 70 zum Teil schwer verletzt wurden. Gewiss nicht emotionslos, aber vor allem professionell und schnell haben Hunderte von Kriminalbeamten Einzelheiten über den 22-Jährigen zusammengetragen.

Krieg in Libyen spielte bislang untergeordnete Rolle

Abedi, der Attentäter, galt in der Schule als «ein bisschen langsam» (ein Klassenkamerad), war «ungebildet und passiv» (ein Lehrer). «Ein unangenehmer Junge, auf niveaulose Weise unverschämt, nie mit den Hausaufgaben fertig» – die Charakterisierung seines Lehrers Mark Roberts fasst die Meinung vieler Menschen zusammen, die Abedi im Lauf seines kurzen, uninspirierten Lebens über den Weg liefen.

Als vier junge Männer 2005 in London drei U-Bahn-Züge und einen Doppeldeckerbus in die Luft sprengten, 52 Menschen töteten und Hunderte verletzten, erschraken die Briten über die Entdeckung: Die Mörder waren Einheimische.

Das Erschrecken blieb diesmal aus. Allzu häufig haben in den letzten Jahren junge und ältere Muslime auf der Insel unter Beweis gestellt, dass sie einer gewalttätigen Vorstellung ihrer Religion anhängen, ihnen das Land ihrer Geburt weniger bedeutet als Konflikte in den Ländern, aus denen ihre Eltern und Grosseltern einst eingewandert waren. Wohl mindestens 800 gingen als Kämpfer für den Dschihad nach Syrien, mehrere Dutzend wurden wegen geplanter Terrorakte auf britischem Boden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Der Bürgerkrieg in Libyen spielte in den Überlegungen der Terrorfahnder höchstens eine untergeordnete Rolle. Der Fall Abedi hat dies schlagartig verändert.

Denn Salman war das Kind eines Flüchtlingspaares aus dem nordafrikanischen Land. Manchester wurde zu einem Zentrum der libyschen Gemeinschaft. Hier kamen Salman und seine drei Geschwister zur Welt, hier wuchs der junge Mann in einer religiösen Familie auf und verbrachte viel Zeit in der Moschee des Stadtteils Didsbury.

2008 gehörte sein Vater, Abedi senior, zu einer Gruppe von Libyen-Heimkehrern, die Diktator Gaddafi ins Land liess, um die angebliche Liberalisierung seines Regimes unter Beweis zu stellen. Der plötzlich vaterlose Junge rauchte Haschisch, trank Wodka, suchte sein Heil in einer kriminellen Bande. Gaddafis Sturz 2011 veränderte Abedis Leben: Der 16-Jährige reiste zu seinem Vater – und fand sich bald mit diesem an der Front des Bürgerkriegs. «Wir fuhren in den Schulferien hin», berichtete ein Kamerad der Kripo. Dutzende andere Männer aus Manchester unternahmen eine ähnliche Pilgerreise, darunter offenbar auch der Imam der Moschee von Didsbury. Jedenfalls zeigte die BBC in diesen Tagen Bilder von Mustafa Graf in der Uniform der libyschen Freiheitskämpfer.

Ein Jahr später ging Salmans Mutter nach Libyen, der 17-Jährige und sein zwei Jahre älterer Bruder blieben in Manchester zurück. Da habe es im Haus der Familie «dauernd Partys» gegeben, erinnert sich ein Nachbar. Immer wieder aber fiel Abedi auch wegen seiner fanatischen Ideen auf. Bereits fünf Jahre zurück liegen laut BBC die Warnungen zweier Jugendarbeiter: Sie meldeten sich bei der Terror-Hotline der Polizei und berichteten von Abedis Bewunderung für Suizid-Attentäter. Noch mehrmals wurden die Sicherheitsbehörden auf extremistische Tendenzen des jungen Mannes hingewiesen, erst vor kurzem schlug laut «The Times» sogar ein naher Angehöriger Alarm, auch die Didsbury-Moschee setzte eine Warnung ab. Es habe da, berichtete ein Imam, eine Konfrontation nach dem Freitagsgebet gegeben. «Ich hatte den Terror von Isis kritisiert. Damit war er nicht einverstanden. In seinem Gesicht war Hass geschrieben.» Die Antiterror­behörden unternahmen nichts.

Mindestens ein Jahr lang bereitete Abedi den Anschlag vor. Er kaufte Nägel und Schrauben in unterschiedlichen Baumärkten, hortete kleine Mengen Wasserstoffperoxid in einem Friseurgeschäft, wo sein Cousin arbeitete. Im Februar wurde er illegaler Untermieter in einem Sozialwohnungsblock und verwandelte die Wohnung im zwölften Stock in eine Bombenwerkstatt. Als er vor sechs Wochen seine Wohnung wieder in Augenschein nahm, hat der Hauptmieter der Kripo gesagt, habe es nach Chemikalien gerochen, Strom und Feueralarm seien abgestellt gewesen. «Ich dachte, der Kerl habe schwarze Magie praktiziert.» Stattdessen baute er eine Bombe.

Sebastian Borger, Manchester