Mandelas Mithäftling erinnert sich an gemeinsame Haft: «Am Ende waren wir eine geeinte Widerstandsgruppe»

Vor 30 Jahren kam Nelson Mandela frei. Ein Mithäftling erinnert sich an die Zeit im Gefängnis – und an das perfide System der Apartheidjustiz.

Markus Schönherr aus Kapstadt
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Nelson Mandela und seine Frau Winnie: Direkt links von ihm marschiert Ntozelizwe Talakumeni.

Nelson Mandela und seine Frau Winnie: Direkt links von ihm marschiert Ntozelizwe Talakumeni.

Bild: Udo Weitz/AP

Nelson Mandela mit erhobener Faust, neben ihm seine Frau Winnie, hinter ihnen jubelnde Anhänger: Das Bild, das zwei Tage nach Mandelas Freilassung am 11. Februar 1990 aufgenommen wurde, ging um die Welt. Links neben dem 2013 verstorbenen «Madiba», der insgesamt 27 Jahre als politischer Häftling hinter Gittern sass, steht ein bärtiger Mann: Ntozelizwe Talakumeni, Spitzname Ntoza. Er begleitete den Freiheitskämpfer und späteren Präsidenten Südafrikas in die Freiheit, nachdem sie zuvor jahrelang gemeinsam in politischer Haft gesessen hatten.

«Wir kämpften mit Guerillataktiken gegen das Apartheidregime», erzählt Ntoza dieser Zeitung. Als Soldat des bewaffneten Flügels von Mandelas politischer Organisation African National Congress (ANC) kannte Ntoza alle Grössen der Befreiungsbewegung. 1985 wurde er bei einer Mission von der Apartheidpolizei festgenommen und zu 14 Jahren Haft verurteilt.

Ntozelizwe Talakumeni.

Ntozelizwe Talakumeni.

Hinter Gittern traf Ntoza auf Mandela. An ihre erste Begegnung im Gefängnis Pollsmoor im Süden Kapstadts erinnert sich der Greis heute noch gut: Die Wärter verboten es den Häftlingen, miteinander zu sprechen. Doch als Mandela bei einer Übung plötzlich vor ihm stand, hob Ntoza zum Gruss die Faust. «Die Faust in die Luft recken, das war die einzige Weise, auf die man Mandela grüssen konnte. Er wusste dann, dass ein politischer Verbündeter vom ANC vor ihm stand.»

Isolationshaft wegen Zeitungskarikaturen

Später auf der Gefängnisinsel Robben Island erlebten Mandela und Ntoza das perfide System, mit dem das Apartheidregime die Insassen brechen wollte: Sie wurden in verschiedene Ränge mit unterschiedlichen Rechten eingeteilt. Rang A hatte das grösste Sonderrecht: Informationen von aussen. Die A-Häftlinge durften Zeitungen lesen, Briefe schreiben und die Nachrichten im Radio hören.

«Wenn wir nicht arbeiten mussten, schlichen wir uns in fremde Blocks.» In Zeitungskarikaturen wurden versteckte Nachrichten gekritzelt und zusammen mit aktuellen Berichten zu den weniger privilegierten Häftlingen geschmuggelt. «Das war natürlich streng verboten. Wenn man uns erwischte, brachte man uns in Isolationshaft. Wir bekamen drei Tage lang nichts zu essen», erzählt Ntoza.

Ihren Kampfgeist aber habe das System nicht brechen können. «Im Gefängnis trafen wir auf Kameraden aus anderen Provinzen Südafrikas. Es bildeten sich Freundschaften zwischen verschiedenen Freiheitsbewegungen. Am Ende waren wir eine geeinte Widerstandsgruppe.»

Mandelas Vision bleibt der einzige Weg für das Land

Als das Apartheidregime Mandela im Februar 1990 freiliess und die Verbannung des ANC aufhob, kam auch Ntoza vorzeitig frei. Dreissig Jahre später arbeitet er, wie viele der ehemaligen politischen Gefangenen, als Touristenführer auf Robben Island. «Es war nicht einfach, wieder an den Ort zurückzukehren, wo wir einst gefangen waren.»

Über den Rassismus, der Südafrika noch immer plagt, sagt Ntoza: «Es ist schwierig, die kleine Gruppe weisser Südafrikaner zu akzeptieren, die einfach nicht die Gräuel der Apartheid anerkennen will.»

Dass er keinen Groll mehr hege, hängt mit seiner Arbeit auf der Gefängnisinsel zusammen. Robben Island ist für ihn zu einem Symbol der Freiheit geworden. Die tragische Geschichte dieses Ortes will er jedem Besucher in Erinnerung rufen. «Das ist unser Beitrag, an einem geeinten Südafrika mitzuwirken und alle Spannungen zwischen Schwarz und Weiss abzubauen.» Er verweist auf andere Staaten Afrikas, in denen Bürgerkrieg die Bewohner auf blutige Art und Weise spalte. Südafrika müsse im Gedenken an Mandela weiter zusammenwachsen. Einen anderen Weg gäbe es nicht.