Die Akte Chile
Margot Honecker: Die «Eiserne Lady der DDR» mit 89 Jahren in Chile gestorben

Nur einen Tag nach ihrem Tod wurde Erich Honeckers Witwe in der chilenischen Hauptstadt Santiago beerdigt. Das Gastland der überzeugten Stalinistin hatte der DDR als Symbol gegen die Faschisten gedient.

Regine Reibling, Quito
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Margot Honecker (17. April 1927–6. Mai 2016). key

Margot Honecker (17. April 1927–6. Mai 2016). key

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In chilenischen Medien wird Margot Honecker als «Eiserne Lady» der DDR beschrieben. Die Witwe des ehemaligen Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker galt als kommunistische Hardlinerin und verteidigte das sozialistische System auch nach dem Zusammenbruch der DDR vehement.

Die Honeckers flohen nach der Deutschen Einheit zunächst in die chilenische Botschaft nach Moskau. 1992 wurde er nach Deutschland ausgeliefert und sollte für die Mauertoten zur Verantwortung gezogen werden. Sie siedelte im gleichen Jahr nach Chile über. Dorthin kam er nach Einstellung des Prozesses 1993 nach und starb nur Monate später an Leberkrebs.

Mit Chile verband das Ehepaar eine enge Beziehung. Privat, weil Tochter Sonja zu DDR-Zeiten einen Exilchilenen geheiratet hatte und Anfang der 1990er-Jahre bereits in Südamerika lebte. Politisch, weil das Land nach dem Militärputsch ganz weit oben auf der DDR-Agenda stand.

Uneinsichtig bis zum Schluss

Kurz nach Amtsantritt des sozialistischen Präsidenten Salvador Allende nahm die DDR diplomatische Beziehungen zu Chile auf. Allende hatte bereits im Wahlkampf versprochen, die DDR völkerrechtlich anzuerkennen. Nach dem Militärputsch von General Augusto Pinochet brach die DDR die diplomatischen Beziehungen offiziell ab und bot Tausenden Verfolgten Zuflucht. Chile wurde zum «omnipräsenten Symbol antifaschistischer Solidarität», schrieb der Politologe Raimund Krämer 2013 in einem Beitrag für die Wochenzeitung «Der Freitag».

So sind viele ehemalige chilenische Flüchtlinge Margot Honecker heute noch dankbar für ihre Solidarität. In Deutschland aber ist die frühere Bildungsministerin bei vielen verhasst. Sie führte gegen den Widerstand der Kirchen den Wehrkundeunterricht ein, der eine Ausbildung an der Waffe vorsah. Schwer erziehbare Jugendliche wurden in sogenannten Jugendwerkhöfen interniert und waren der Willkür der Erzieher ausgeliefert. Opferverbände kritisieren, dass Margot Honecker nie strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden konnte.

Sie habe bis zum letzten Tag keinerlei Kritik an ihrem eigenen Handeln zugelassen, sagte der Vorsitzende der deutschen Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, Dieter Dombrowski. Honecker verteidigte beispielsweise den Schiessbefehl gegen Flüchtende. «Die brauchten ja nicht über die Mauer zu klettern, um diese Dummheit mit dem Leben zu bezahlen», sagte sie in einem ihrer raren Auftritte in einer ARD-Dokumentation.

Zurückgezogenes Leben

In Chile lebte Margot Honecker weitgehend zurückgezogen im vornehmen Stadtteil Reina in der Hauptstadt Santiago. Freundschaftliche Beziehungen unterhielt sie zu Gesinnungsgenossen der Kommunistischen Partei (KP). So traf sich der ehemalige KP-Generalsekretär Luis Corvalán mehrmals mit ihr.

Zusammengefasst wurden sie im Buch «Gespräche mit Margot Honecker über das andere Deutschland» von 2001. Darin verherrlicht die überzeugte Stalinistin die DDR: «Zum ersten Mal in der Geschichte wurde in Deutschland eine gerechte und humane Gesellschaftsordnung errichtet. In der DDR gab es keine Arbeitslosigkeit, keine Obdachlosen, keine Bodenspekulation, keinen Mietwucher». Interviews mit der westlichen Presse mied sie.

Auf einer Feier der KP im Jahr 2014 wurde Margot Honecker das letzte Mal öffentlich gesehen. Am Freitag ist die 89-Jährige in Chile an einem Krebsleiden gestorben. Bereits am Samstag fand die Trauerfeier auf einem Friedhof in Santiago statt.