Mariano Delgado
Mariano Delgado: «Das Papsttum muss ideologisch abrüsten»

Der Kirchenhistoriker skizziert den möglichen Wandel in der katholischen Kirche. Kirchenbehörden müssten kollegial handeln. Sich gegenseitig informieren und einmal in der Woche eine Regierungssitzung abhalten, um sich abzustimmen, sagt Delgado.

Max Dohner, Freiburg
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Kirchenhistoriker Mariano Delgado

Kirchenhistoriker Mariano Delgado

Monika Flückiger

Herr Delgado, Sie sind in Spanien geboren. Und auch Fussballfan?

Mariano Delgado: Sehr. Ich bin Anhänger von Real Madrid.

Damit teilen Sie schon zwei Dinge mit dem neuen Papst, die spanische Sprache und den Fussball.

Was Fussball betrifft, nicht ganz. Der Papst ist Anhänger der argentinischen Mannschaft San Lorenzo di Almagro, ein Team, das kaum gewinnt. Real Madrid ist eine sichere Bank.

Papst Franziskus wurde sehr positiv aufgenommen, geradezu euphorisch. Stimmen Sie dem zu?

Die Kardinäle haben jenen Mann gewählt, der schon 2005 als Alternative zu Joseph Ratzinger ein aussichtsreicher Kandidat gewesen war, gefördert von Kardinal Martini, der letztes Jahr verstorben ist. Das ist bedeutsam. So, als hätten die Kardinäle gedacht: «Jetzt wollen wir sehen, wie Franziskus das gemacht hätte, wäre er damals gewählt worden.»

Mariano Delgado

Seit 15 Jahren ist Mariano Delgado Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Freiburg. Geboren wurde der Dr. theol. (Innsbruck) und Dr. phil. (Berlin) 1955 in Spanien. Ausserdem ist er Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog, Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und Autor zahlreicher Publikationen. Delgado ist verheiratet und Vater von drei Töchtern. (mad.)

Die Namensgebung – Franziskus – setzte in den Augen vieler ein grosses Zeichen. Bloss gross gedeutet?

Nein, der Bezug zu Franz von Assisi steht für ein Programm. Franz von Assisi war der Heilige der Armut, der Demut und des Friedens. Das ist heute sehr wichtig. Der Papst signalisiert mit diesem Namen, dass er im Sinne der Anfangsworte des Konzilstextes über die Kirche in der Welt von heute eine Kirche der Armen und für die Armen will. Das Konzil sagte: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.» Und man darf auch die Bedeutung des Franz von Assisi für den interreligiösen Dialog nicht vergessen.

Wie oder wo hatte Franz von Assisi Kontakt gehabt zu Muslimen?

Im Schatten des fünften Kreuzzuges ging er 1219 in Ägypten vom christlichen Lager hinüber ins muslimische und verbrachte eine Woche beim Sultan. Von da kam er geläutert zurück, nach dem Motto: Die Muslime sind auch sehr religiöse Menschen.

Heisst das, von Papst Franziskus ist ein anderes Zugehen auf Muslime zu erwarten?

Der interreligiöse Dialog ist unumgänglich. Die Texte dazu gehören zum Besten, das die Kirche in den letzten 50 Jahren produziert hat. Selbst der abtretende Benedikt XVI. hat hier nach seinem Fauxpas mit der Regensburger Rede 2006 Massstäbe gesetzt. Nicht zuletzt bei den Jesuiten ist heute diese Kompetenz angesiedelt. Und PapstFranziskus kommt aus dem Jesuiten-Orden.

Schon am Abend seiner Wahl ging das Attribut «Papst der Armen» durch alle Medien. So schnell, dass der Verdacht aufkommt, es könnte sich dabei um Marketing handeln.

Das sind keine Posen. Wie Franziskus bisher aufgetreten ist, auf kluge diskrete Art, ohne Pomp, mit einfachem Brustkreuz, wie er sich vorstellte – als Bischof von Rom –, all das zeugt für eine Sicht vom Papsttum, von dem viele geträumt haben. Für einen Papst, der seine dogmatischen Vorrechte nach unten schraubt und sich als Bischof von Rom und Diener der Einheit der Christen in der Liebe versteht. Dass für ihn die Karriere im Klerus nicht im Zentrum stand, geht nicht zuletzt aus seiner Zugehörigkeit zum Jesuiten-Orden hervor. Denn der Gründer Ignatius von Loyola hatte die Jesuiten ermahnt, keine kirchlichen Würden anzustreben.

Wie beurteilen Sie seine Rolle zur Zeit der Diktatur in Argentinien?

In einem Artikel der «Huffington Post» wurde letzte Woche bestritten, dass Pater Bergoglio in Argentinien zur fraglichen Zeit eine schlechte Rolle gespielt habe. Das wird jetzt gründlich durchleuchtet und dürfte bald geklärt sein. Er hätte die Wahl nicht angenommen, wenn er damit die Glaubwürdigkeit der Kirche beschädigen würde.

Wo liegen die Probleme der Kurie?

Der bereits erwähnte Kardinal Martini sagte kurz vor seinem Tod, quasi als Vermächtnis: «Wir sind gegenüber der Welt 200 Jahre in Verzug.» Die Welt ist seit der Französischen Revolution eine andere als im Ancien Régime, die Kirche nicht.

Waren solche impliziten Vorwürfe der tiefere Grund, weswegen Benedikt XVI. zurückgetreten ist?

Laien und Persönlichkeiten der Kirche gaben Benedikt durch bestimmte Kanäle wiederholt zu verstehen, dass Nachholbedarf besteht. Mit seiner Demission angesichts seiner Unfähigkeit zur Kurienreform zeigte er, dass er ein demütiger Intellektueller ist, der auf die Sicht und die Argumente der anderen Seite reagieren kann.

Nun gilt Papst Franziskus nicht gerade als Turbo-Reformer, sondern ebenfalls als konservativ.

Solche Begriffe taugen nicht mehr viel. Alle grossen Reformen der Kirche entstanden zunächst aus einem «konservativen» Geist. Von Menschen, die wissen, was das Bleibende in der Kirche ist, und mit Reformen das Bleibende retten wollen.

Sie formulierten Ihren «Traum vom Papsttum des dritten Jahrtausends». Wie sieht das aus?

Das zweite Jahrtausend war ein Zeitalter des Papalismus und des Klerikalismus. Das heisst: Papst und Klerus eigneten sich eine besondere Rolle an. Das Ergebnis war eine Sakralisierung des Papsttums, eine Überbetonung des hierarchischen Prinzips und die Meinung, Angelegenheiten der Kirche seien Sache des Klerus, nicht mehr der Laien. Das Zweite Vatikanische Konzil hat darauf reagiert, bewusst oder unbewusst. Es verabschiedete die allgemeine Berufung von Laien zur Heiligkeit. Es bedeutet, Laien genauso wie der Klerus können an der Sendung der Kirche teilhaben und Träger der Sendung, also Apostel, sein. Das Konzil öffnete auch die Tür zum ökumenischen Dialog und betonte die Kollegialität als Form der Machtausübung in der Kirche.

Und dann wurde alles blockiert?

Wir haben bei allen Päpsten seither kleine Zeichen für ein Papsttum des dritten Jahrtausends gesehen. Papst Paul VI. verzichtete auf die Tiara, die dreifache Papstkrone, Johannes Paul II. auf den Tragestuhl. 1995 verabschiedete er ein Schreiben, in dem er alle Christen einlud, über die Form des Papstamtes mit ihm nachzudenken. 2000 bat er um Verzeihung für viele Fehler der Kirche. Dazu kommt, durch Benedikt XVI., der Rücktritt. Das sind Schritte einer freiwilligen Selbstbeschränkung. Das Papsttum muss ideologisch abrüsten. Abbauen, was es an Sakralisierung zu viel vorangetrieben hat, und den Klerikalismus überwinden.

Sie empfehlen in Ihrem «Traum» eine Organisationsform wie bei weltlichen Regierungen.

Kirchenbehörden in der Kurie müssen kollegial handeln. Sich gegenseitig informieren und einmal in der Woche eine Regierungssitzung abhalten, um sich abzustimmen. Im Sinne von Ministern und einem Premierminister. Die Kurie muss aufhören, wie ein Monarchenhof zu funktionieren.

Wo damit beginnen – oben?

Warum nicht bei den Kardinälen? Nach der Reform an dem Haupt wäre die an den Gliedern leichter. Die Kardinalswürde ist keine Weihe, nur ein Titel, verliehen vom Papst. Es ist überhaupt nicht gesagt, dass ein Kardinal immer ein Kleriker sein muss wie ein Priester oder ein Bischof. Der Kardinalshut müsste nicht eine glorreiche Klerikerkarriere krönen, sondern könnte verliehen werden an herausragende Christen ...

. . . und Christinnen?

An Männer oder Frauen. Das braucht keine Revolution. Man könnte Reformen angehen, die bereits möglich sind mit dem geltenden Kirchenrecht. Zum Beispiel eben dies: Kardinalshüte nicht nur für Kleriker zu reservieren – und warum nicht auf Zeit? Denkbar wären für solche Würden auch Ordensobere. Oder Leute von Erneuerungsbewegungen. Damit sich eine Art Senat der Kurie bildet.