Marlène Schiappa kämpft gegen Frankreichs Frauenmörder

Frankreichs Gleichberechtigungs-Sekretärin tut alles, um die Epidemie an ehelichen Tötungsdelikten zu beenden. 

Stefan Brändle aus Paris
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Marlène Schiappa Staatssekretärin für Gleichstellung. Bild: Keystone.

Marlène Schiappa Staatssekretärin für Gleichstellung. Bild: Keystone.

Ihr Ministerium wiegt nicht schwer: Nur 0,007 Prozent des französischen Staatshaushalts fliessen in den Schutz der Frauenrechte, für den Marlène Schiappa zuständig ist. Trotzdem ist die 36-jährige Staatssekretärin populärer als alle Macron-Minister. Sie scheut sich nicht, in TV-Shows aufzutreten und dort Machowitze mit einem Vortrag über die «Kultur der Vergewaltigung» zu kontern.

Marlène Schiappa hängte ihren Job als Werbeberaterin an den Nagel, weil die Bürositzungen meist über 18 Uhr hinaus dauerten. Das hinderte sie daran, ihr Kind aus der Tageskrippe zu holen. Sie startete einen viel beachteten Blog namens «Maman travaille» (Mama arbeitet). Über die Sozialisten kam sie in die Politik und wirkte im Präsidentschaftswahlkampf 2017 erfolgreich mit als Saaleinheizerin für den Kandidaten Emmanuel Macron und die Sache der Frauen. Macron machte sie – folgerichtig – zur Staatssekretärin für die Gleichstellung von Mann und Frau.

Vor einem Jahr brachte Schiappa ihr erstes Gesetz gegen sexuelle Belästigung durch. Gut 800 Bussen à 75 Euro wurden mittlerweile ausgesprochen. Die sozialen Medien lästerten, die prüde Ministerin ertrage es wohl nicht, dass man ihr auf der Strasse nachpfeife. Schiappa aber lachte solche Bemerkungen nur weg. Sie kleidet sich gerne feminin, und ihr Décolleté ist auch eine politische Botschaft für die Banlieue-Mädchen, die sich nicht mehr trauen, im Jupe auf die Strasse zu gehen. Unter dem Pseudonym Marie Minelli hatte sie einst selbst erotische Romane geschrieben.

Fussfessel schon vor der Verurteilung

Auch unter Feministinnen ist Schiappa umstritten. Vor einem Jahr verteidigte sie zwei Ministerkollegen gegen Vorwürfe sexueller Gewalt und pochte auf die Unschuldsvermutung. Das klang für eine Frauenministerin eher deplatziert. Beide Verfahren wurden in der Folge eingestellt, Schiappa hatte recht behalten. Trotzdem hängt ihr seither der Ruf an, sie sei ihrem Vorgesetzten Macron geradezu ergeben, auch wenn sein Einsatz für die Frauenrechte oft nur heisse Luft bleibe.

Das soll sich jetzt ändern. Schiappa organisiert seit dieser Woche «Generalstände gegen die Gewalt in der Ehe». Die Veranstaltung soll bis Ende November dauern und konkrete Beschlüsse zum Schutz der Frauen hervorbringen. Ziel ist es, die hohe Zahl von Frauen zu reduzieren, die in Frankreich von ihren Ehemännern getötet werden (121 im Vorjahr, bereits 101 in diesem Jahr).

Als Antwort darauf hat Premierminister Edouard Philippe fünf Millionen Euro in Aussicht gestellt, um neue Auffangzentren für Frauen und Kinder zu schaffen. Zudem sollen überführte Täter schon vor einer Verurteilung, ja teilweise bereits nach der ersten Gerichtsklage, eine elektronische Fussfessel tragen müssen.

Das ist eine deutliche Antwort auf Vorwürfe von Linkspolitikerinnen, Schiappas Generalstände seien blosses Geschwafel. Die Berufstwitterin Schiappa hat in zwei Jahren im Amt einiges bewegt. Zumindest in den sozialen Medien sind die Debatten dank der «Zensorin», wie sie von Gegnern genannt wird, zivilisierter geworden. Aber vielleicht ist das nicht einmal das Verdienst der rührigen Ministerin. Vielleicht ist das schlicht der wachsenden Einsicht der Franzosen aufgrund der horrenden Zahl an Opfern zu verdanken.