MARY LOU MCDONALD: Demütig weiter wie bisher

Die irische Sinn Féin setzt mit ihrer neuen Vorsitzenden auf überkommene Parolen.
Sebastian Borger
Mary Lou McDonald. Charles McQuillan/Getty Images) (Bild: Charles McQuillan/Getty Images)

Mary Lou McDonald. Charles McQuillan/Getty Images) (Bild: Charles McQuillan/Getty Images)

Das Gesicht ist neu, weiblich und 20 Jahre jünger, alles andere scheint merkwürdig unverändert. Am Wochenende beerbte Mary Lou McDonald, 48, den Ex-Terroristen Gerry Adams, 69, als Chefin der irischen Nationalistenpartei Sinn Féin (gälisch für «Wir selbst»). Kein anderer Politiker der von Adams seit 35 Jahren straff geführten Kaderpartei hatte es gewagt, gegen die Kandidatin der Führung anzutreten. Sie sei «dankbar und demütig», an die Spitze der «ersten und besten Partei Irlands» zu treten, versicherte die Fraktionschefin im irischen Parlament Dáil und nannte als ihr Politikziel den alten Nationalistentraum: «Unsere Insel zu vereinigen ist das beste Ergebnis für all unsere Bürger.»

Dabei gilt McDonald eigentlich als Vertreterin einer neuen, moderneren Partei. Mag sein, dass der neuen Chefin der angeblich geplante Umbau Sinn Féins (SF) nur gelingen kann, indem sie den legendären Gründervätern der 1905 gegründeten Partei ihre Reverenz erweist. Deren Kampf gegen die Unterdrückung durch die britische Kolonialmacht führte 1921 zur Unabhängigkeit – freilich um den Preis der Teilung der Grünen Insel.

Dass Irland irgendwann wiedervereinigt werden solle, stand lange Zeit auch in der Verfassung der Republik. Im Zug des Karfreitag-Abkommens, das 1998 den Bürgerkrieg in Nordirland beendete, wurde der Passus gestrichen. In Umfragen geben sich die Südiren eher zurückhaltend, was eine mögliche Vereinigung angeht. Die protestantischen Unionisten im Norden wollen davon ohnehin nichts wissen. Nicht umsonst legt McDonald den Parteigenossen diesen Teil der Bevölkerung besonders ans Herz. SF habe nun die Aufgabe, sagte die neue Chefin, «unsere unionistischen Freunde und Nachbarn zu überzeugen»: Diese sollten sich am «Bau eines neuen Irland» beteiligen.

Vor 13 Monaten hatte SF seineMinister aus der Belfaster Regionalregierung zurückgezogen. Der Protest richtete sich gegen einen Subventionsskandal und gegen die generell als arrogant empfundene Haltung der Unionistenpartei DUP. Womöglich sehen die Linksnationalisten jetzt den Zeitpunkt gekommen, durch die Rückkehr an die Macht in Belfast ihre Regierungsfähigkeit auch in Dublin unter Beweis zu stellen.

Im dortigen Parlament hat sich McDonald seit 2011 den Ruf als schlagfertige und bissige Debattenrednerin erarbeitet. Zuvor war die geborene Dublinerin, studierte Literaturwissenschafterin und verheiratete Mutter von zwei Kindern fünf Jahre Mitglied des EU-Parlaments. In den 20 Jahren ihrer SF-Mitgliedschaft ist die früher stalinistisch und EU-feindlich argumentierende Gruppierung in den Mainstream europäischer Linksparteien gerutscht; beim britischen Referendum trommelte SF für den Verbleib im Brüsseler Club. Um bei der Durchsetzung des aus irischer Sicht bestmöglichen, also sanften Brexit zu helfen, müssten die sieben gewählten SF-Abgeordneten eigentlich ihre Sitze im Londoner Unterhaus einnehmen. Dies aber verweigern die Nationalisten aus ideologischen Gründen – und von der Aufgabe dieser Blockade ist auch unter der neuen Chefin nicht die Rede.

Sebastian Borger

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