Frankreich
Mathematik-Ass ist Macrons schillerndster «Marcheur»

Der preisgekrönte Mathematiker Cédric Villani kann so gut wie sicher mit der Wahl ins französische Parlament rechnen.

Stefan Brändle, Les Ulis
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Cédric Villani mit Schärpe und Spinnen-Brosche (rechts unter der Schärpe), seinen Markenzeichen.

Cédric Villani mit Schärpe und Spinnen-Brosche (rechts unter der Schärpe), seinen Markenzeichen.

Keystone

Wie viele Punkte fehlen von 47,5 Prozent bis zum Wahlsieg? Cédric Villani kann über diese Rechenaufgabe nur lachen. Der Träger der Fields-Medaille, der weltweit angesehensten Mathematiker-Auszeichnung, gibt eine Antwort, die zumindest politisch korrekt ist: Auch wenn er im ersten Durchgang der Parlamentswahlen ein gutes Resultat erzielt habe, gelte es, «mobilisiert zu bleiben».

«Gut» ist eher untertrieben. Hinter Villani, der hier im Pariser Vororts-Departement Essonne 47,5 Prozent Stimmen geholt hat, musste sich die Zweitplatzierte, die Konservative Laure Darcos, im ersten Wahlgang mit 16,8 Prozent begnügen. Die übrigen 13 Kandidatinnen und Kandidaten, meist der Linken zugehörig, sind ausgeschieden und rufen – wenn überhaupt – mehrheitlich zur Wahl des Parteilosen Villani auf.

Die Lösung der Rechenaufgabe: Der 43-jährige Familienvater mit dem exotischen Look irgendwo zwischen Dandy und Hippie darf in der Stichwahl an diesem Sonntag mit dem Einzug in das 577-köpfige französische Parlament rechnen. Wie etwa 400 andere «Marcheurs», Kandidaten der Macron-Bewegung «La République en marche» (LRM).

Das Wichtigste zur zweiten Wahlrunde

Die Partei des französischen Präsidenten Emmanuel Macron hat am Sonntag in der zweiten Runde der Parlamentswahlen beste Chancen auf eine überwältigende Mehrheit.

- Dabei profitiert sie auch vom Wahlsystem: Es gilt ein reines Mehrheitswahlrecht mit zwei Wahlgängen. 577 Wahlkreise mit jeweils einem Abgeordneten. Dabei gilt das Prinzip «Der Sieger bekommt alles» – die Stimmen der unterlegenen Kandidaten werden bei der Sitzverteilung im Parlament nicht berücksichtigt.

- Nur in vier Wahlkreisen setzte sich bereits in der ersten Runde am vergangenen Sonntag ein Kandidat durch; dazu war eine absolute Mehrheit nötig. Überall sonst fällt die Entscheidung an diesem Sonntag.

- An der Stichwahl können alle Kandidaten teilnehmen, für die im ersten Wahlgang mindestens 12,5 Prozent der Wahlberechtigten des Wahlkreises gestimmt haben. In der zweiten Runde gewinnt, wer die meisten Stimmen bekommt.

- Wie schon am vergangenen Sonntag sind die Urnen bis 20 Uhr geöffnet. Unmittelbar danach ist mit ersten Prognosen zu rechnen. (sda)

Nicht völlig neu in der Politik

Villani ist wohl der bekannteste von allen. Ein Star wider Willen. Mit seiner farbigen Künstlerschleife und der obligaten Spinnen-Brosche – deren tiefere Bedeutung er geheim hält – verkörpert der weltweit angesehene Mathematiker heute die politische Erneuerung Frankreichs. Wo er steht? «Weder links noch rechts», meint er, und fügt an: «Aber auch nicht in der Mitte.» Und positiv ausgedrückt? «Dogmenfrei, pragmatisch und integer, ausserhalb des Systems und der Clans», definiert sich Villani, um Worte ringend. «Wichtig ist mir, dass wir von der Vielfalt aller Bürger profitieren, dass wir unsere Unterschiede wie eine Bereicherung ausnützen.»

Völlig neu in der Politik ist der freundliche und zurückhaltende Leiter eines Mathematik-Instituts nicht: In lokalen Wahlkämpfen hatte er schon den Zentristen François Bayrou oder in Paris die sozialistische Bürgermeisterin Anne Hidalgo unterstützt. Seit 2009 wohnt er am Südwestrand der französischen Hauptstadt. In den betuchten Vorortsgemeinden haben Freiberufler, leitende Angestellte oder Akademiker im Mai meist Macron gewählt. Ihre Stimme hat auch Villani.

Deshalb konzentriert er seine Anstrengungen nun auf die soziale Kehrseite des Départements. An diesem Nachmittag besucht er Les Ulis, eine 1977 nach einem Le- Corbusier-Konzept aus dem Boden gestampfte «ville nouvelle» (Neustadt), heute eine Banlieue-Zone mit ziemlich üblem Ruf. Im riesigen Einkaufszentrum steuert Villani auf die einzige Buchhandlung zu. «Bücher sind mein halbes Leben», sagt er und freut sich, dass hier im geistigen Ödland noch anderes als Handybildschirme gelesen wird. Etwas unbeholfen kauft der Kandidat zwei Moleskin-Hefte. An der Kasse sagt eine Frau zu ihm: «Ich habe am Sonntag für Sie gestimmt!» Ein älteres Paar nickt: «Wir auch!» Villani lächelt verlegen, doch der Rentner hält sich nicht mit Phrasen auf: «Sie werden in der Nationalversammlung ganz schön Arbeit haben. All das muss ändern», warnt er mit einer vagen Armbewegung um sich zeigend.

Ganz so arg ist das Shopping Center indes anscheinend nicht. Sein Geschäftsführer erklärt Villani, die Kriminalität sei hier nicht höher als anderswo. Der «Marcheur» hört zu und macht sich eifrig Notizen in sein neues Heft. Villanis Assistent Baptiste Fournier, der schon in den Kabinetten sozialistischer Lokalpolitiker gewirkt hatte, begeistert sich für die Rap-Musiker und die Fussball-Nationalspieler wie Thierry Henry, Martin Evra oder Anthony Martial, die in den Wohnblöcken von Les Ulis aufgewachsen sind; Henry stiftete seinem ehemaligen Wohnviertel sogar ein Fussballstadion.

Schon ein gewiefter Politprofi

Villani korrigiert: «Die Jugendlichen aus den Einwandererfamilien haben genug davon, von der Schule weg in die Sparten Musik oder Sport eingeteilt zu werden. Viele fragen mich: Wie kann ich Unternehmer werden? Wie zieht man sein eigenes Business auf?» Als gewiefter Mathematiker hat sich Villani länger mit der Boltzmann-Konstante befasst als mit der Logik einer Wahlkampagne. Doch die Macron’schen Werte wie Arbeit und Unternehmerfreiheit verficht er so überzeugt wie sein politischer Mentor. Und wie Macron verurteilt auch er die Kolonialpolitik Frankreichs: Politisch mutig verlangt er, dass sich Paris bei Algerien entschuldige.

Nach der Buchhandlung betritt Villani eine Apotheke. Dort nimmt ihn der Leiter beiseite: «Wenn Macron seinen Plan umsetzt, den Verkauf von Medikamenten zu liberalisieren und auch in Supermärkten zuzulassen, können wir hier dichtmachen», moniert er. Villani relativiert wie ein Politprofi, Macron habe diesbezüglich noch keinen Entscheid gefällt und sei stets offen für Vorschläge. Emsig notiert der Kandidat die Ideen des Apothekers, der das alte Monopol seines Berufsstandes wahren will. Beim Abschied weiss er dennoch: Diese Stimme hat er wohl nicht. Doch seine Wahl am Sonntag wird das kaum verhindern.