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MAUERFALL: Harald Jäger und die Nacht der Veränderung

Heute vor 25 Jahren fiel in Berlin die Mauer. Harald Jäger, damaliger Grenzoffizier, über jene Nacht, in der er die Grenze öffnete – und damit sein Leben und das von Millionen Bürgern veränderte.
Christoph Reichmuth, Berlin
Links (Bild: Blindtext Blindtext)

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Freundlich öffnet Harald Jäger die Türe zu seiner kleinen Wohnung im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses aus den 1960er-Jahren. Nordöstlich von Berlin gelegen in der Kleinstadt Werneuchen. Grüner Pullover, darunter ein blaues Hemd, Jeans, kurzes Haar, Brille mit Metallfassung. «Ich hab aber bloss bis 15 Uhr Zeit, dann rufen die von Günter Jauch an», sagt Jäger, der über diesen Satz gleich selber schallend lachen muss. Günter Jauch. Der Talkmaster. Und er ist eingeladen, heute Sonntagabend zur Talkshow bei Jauch, da, wo doch sonst nur die Promis diskutieren.

Dass Jäger in diesen Tagen selber Prominenter ist, das will er gar nicht wahrhaben. Noch einmal gibt er am Sonntag den Medien Auskunft, dann aber ist Schluss: «Danach mal einfach die Füsse hochlagern und nichts mehr von damals erzählen.» Jäger lacht wieder, das tut er ohnehin recht oft in den nächsten knapp 70 Minuten dieses Gesprächs, in welchem er die eigentlich gar nicht so lustige, aber glückliche Geschichte einer denkwürdigen Nacht erzählen wird. In der er, Harald Jäger, damals völlig unbekannter und angepasster Oberstleutnant bei der DDR-Staatssicherheit, Weltgeschichte schreiben wird.

Harald Jäger ist der Mann, der am 9. November 1989, kurz vor 23.30 Uhr, die Grenze der DDR öffnete.

«Geistiger Dünnschiss»

Jäger, Jahrgang 1943, schiebt an diesem 9. November 1989 Dienst am Grenzübergang Bornholmerstrasse (Güst) in Berlin. Seit 25 Jahren bewacht der Oberstleutnant die Grenze der DDR, die er im August 1961 aufbauen geholfen hat. Antifaschistischer Schutzwall gegen die Feinde im Westen. Jäger ist ein überzeugter Kommunist, die im Westen, das sind die Feinde. Als die Mauer gebaut wird, jubelt Jäger. «Endlich!» In dieser Nacht vor 25 Jahren ist Jäger diensthabender und damit ranghöchster Offizier an der Bornholmerstrasse. Es läuft nichts, alles ruhig. Gegen 19 Uhr setzt er sich in die Kantine, kurze Pause. Kaffee, zwei Brötchen.

Er schaut sich die Nachrichten im Fernseher an. Da referiert Günter Schabowski, Mitglied des Politbüros des ZK der SED, gerade live über das neue DDR-Reisegesetz, das DDR-Bürgern erlaubt, ohne Formalitäten und Wartefristen auszureisen. Es soll «sofort und unverzüglich» in Kraft treten. Jäger kann nicht fassen, was er da zu hören bekommt. «Was redet der denn für geistigen Dünnschiss?!», entfährt es ihm. Jäger erinnert sich: «Ich kannte doch unsere Bürger. Ich wusste doch, dass die das wörtlich nehmen.» Jäger ruft seinen Vorgesetzten, Oberst Ziegenhorn, an. Der meint bloss: «Schick sie heim, wenn welche kommen.»

Draussen versammeln sich die ersten Menschen. Sie wollen rüber in den Westen. Einfach mal gucken, über den Kurfürstendamm flanieren. «Wir kommen auch wieder zurück.» Am Anfang nur ein paar wenige. Jäger ruft ihnen zu: «Hier kommen Sie heute nicht rüber. Kommen Sie morgen wieder.» Einer der Wartenden interveniert: «Ihr sagt doch immer, dass das, was die Partei sagt, richtig ist. Schabowski hat gesagt, wir können reisen. Also lasst uns rüber.» Die Menschentraube wächst. Bis weit in den Prenzlauer Berg stauen sich nun die Trabis, die Menschen skandieren «Macht das Tor auf!» Es sind bereits Tausende.

«Hat dieser Jäger Angst?»

Jäger versammelt seine Leute im Wachhäuschen. «Was schlagt ihr vor? Stur bleiben? Schiessen?» – «Um Gotteswillen, nicht schiessen!», sagen seine Leute. Jäger erinnert sich: «Mir war völlig klar, dass nicht geschossen wird. Das waren unsere Leute, nicht unsere Feinde. Und sie sind gekommen, weil die in der Parteiführung damals keinen blassen Schimmer von der Realität hatten. Ich musste entscheiden, aber ich wollte von meiner Mannschaft herausspüren, was sie wollen.» Jägers Equipe schweigt. Niemand will später von der Staatsmacht zur Verantwortung gezogen werden, falls es schiefgeht.

22 Uhr. Jäger ruft Ziegenhorn an. Jäger braucht jetzt endlich Befehle. «Jäger, du weisst, was du zu tun hast!» Dann legt Ziegenhorn auf. Draussen wird es turbulenter. Jäger ruft wieder bei Ziegenhorn an. Der lässt sich zu Generalmajor Gerhard Niebling verbinden, einem hohen Tier in der Partei. Jäger solle in der Leitung bleiben, sagt Ziegenhorn: «Aber halt die Klappe!» Der Generalmajor fragt Ziegenhorn: «Kann das dieser Jäger überhaupt einschätzen? Oder hat der bloss Angst?» Jäger platzt der Kragen, er hält den Telefonhörer aus dem Wachhäuschen, damit dieser aufgeblasene Major das Volk skandieren hört. Jäger erzählt, noch heute spürbar verärgert: «Der stellte mich als Dummkopf und Feigling dar. Und das nach 25 Jahren Dienst an der Grenze!»

Jetzt endlich. Ziegenhorn ruft wieder an. Der erste Befehl an diesem Abend. Die besonders Lauten, die besonders Renitenten sollen rübergelassen werden. Aber das Foto abstempeln, damit die nicht mehr einreisen können. Ausbürgern. Die Ventillösung. Ein paar hundert lassen Jäger und seine Leute über die Grenze. Nun werden alle laut und renitent. «Die wussten natürlich: Je lauter ich schreie, desto eher komme ich rüber.» Nun lacht er wieder schallend: «Die Taktik ging mächtig in die Hosen!»

Draussen rufen sie, skandieren, schreien. Es werden immer mehr. Aber alle sind sie friedlich. Westfernsehen ist auch schon an der Grenze, und in Westberlin machen Leute an der Grenze Party. Jägers Mannschaft wartet, bis er, Offizier Jäger, endlich Anweisungen gibt.

Es ist kurz vor 23.30 Uhr. Jäger geht zum Zugführer: «Mach die Schranke auf.» Der Zugführer schaut Jäger verdutzt an. «Was soll ich tun?» «Du hast doch gehört, was ich sagte! Schlagbaum auf, alle rauslassen!»

«Ist gut, mein Junge»

Jäger dreht sich ab. Er ist wie in Trance. Alles, was er in den letzten Jahrzehnten für richtig hielt, geht hier kaputt. 25 Jahre hat er hier gedient, er begeht jetzt Hochverrat, so stehts in den DDR-Gesetzen. Jäger könnte heulen. Er fühlt sich alleine gelassen. Alleine gelassen von der Partei, an die er immer geglaubt hatte. Er dachte, auf der richtigen Seite zu stehen. Aber die DDR-Bürger, die mit so viel Freude und Euphorie die Grenze passieren, können die alle falschliegen?

Er ist den Tränen nahe, weil er erleichtert ist. Der Druck ist weg. Er hat entschieden. Es fiel kein Schuss, keine Verletzten. Jäger steht apathisch am Rand, manchmal wird er umarmt von wildfremden Menschen. Sie halten ihm Becher hin mit Sekt oder Champagner. Jäger lehnt dankend ab. «Ich war ja im Dienst», sagt er nun und muss mal wieder lachen. Über sich selbst.

Als sich Jäger einigermassen gefasst hat, geht er in sein Büro und ruft Ziegenhorn an: «Ich hab die Grenze geöffnet.» Doch sein Chef poltert nicht. «Ist gut, mein Junge.» Dann legt Ziegenhorn auf. Jäger: «Mir kam das so vor, als wollte er mir damit sagen: Na, hast du es endlich kapiert? Er konnte mir diesen Befehl ja offiziell nicht geben.»

Gegen 7 Uhr morgens endet Jägers Schicht. Als er nach Hause kommt, ist seine Frau, SED-Bezirksleiterin, gerade auf dem Weg zur Arbeit. «Ich hab heute Nacht die Grenze geöffnet.» Jägers Frau geht zur Türe: «Veräppeln kann ich mich auch selbst.» Am nächsten Abend wird Jäger wieder zur Bornholmerstrasse gehen und seinen Dienst antreten. Aber nichts mehr ist wie die 25 Jahre davor. Jägers Welt hat sich verändert. Die Welt Berlins hat sich verändert. Nein, eigentlich die ganze Welt. Kalter Krieg? Vorbei.

Kann ein Stasi-Mann ein Held sein?

Harald Jäger ist in Deutschland ein viel gefragter Mann. Aber darf man einen Stasi-Mann feiern? Darf ein Stasi-Mann ein Held sein? Viele tun sich schwer damit. Jäger selbst will gar kein Held sein. «Nicht ich bin ein Held», sagt der 71-Jährige, «sondern die Bürger der DDR sind die Helden. Sie sind mutig gewesen in jener Nacht. Es wusste doch niemand, wie die Sache enden wird.» Aber ja, stolz sei er vielleicht schon, sagt er nachdenklich. «Dass es friedlich ablief, war auch das Verdienst von mir und meinen Leuten. Man hätte es auch falsch machen können.»

Im Januar 1990 geht Jäger, alleine, erstmals in den Westen. Vom Begrüssungsgeld, das die «Ossis» im Westen erhalten, kauft er sich einen Döner. Was das genau ist, weiss er nicht. Aber er getraut sich nicht zu fragen. Den Rest des Geldes bringt er seiner Frau nach Hause.

Harald Jäger wird später einer jener Ex-DDR-Bürger sein, die man Wendeverlierer nennen würde. 47 Jahre alt ist er, als er den Dienst quittiert. Gelernter Ofensetzer. Wer will im Westen denn schon einen gelernten Ofensetzer, der 28 Jahre lang für die Stasi arbeitete? Jäger wird arbeitslos, 2 Jahre. Dann verträgt er Zeitungen, verkauft Tiefkühlkost. Dann wird er mal Wachmann und betreibt einen Kiosk. Jetzt ist er Rentner, viel erhält er nicht vom Staat. Aber es reicht für eine Wohnung mit Garten.

Jäger sagt: «Ich habe viel verloren. Aber noch mehr gewonnen.» Auch die Achtung seiner Kinder. Sein ältester Sohn sagte mal Mitte der 1980er-Jahre, als Jäger für die Stasi Grenzdienst leistete: Papa, wie kannst du da mitmachen? Die haben Minengürtel um die Grenze gelegt. Feiger geht es nicht. Lass dich vom Dienst bei der Stasi befreien. Jäger erinnert sich: «Das Gespräch mit meinem Sohn hat mich zum Nachdenken gebracht. Es stimmte: Am Anfang war die Grenze gegen aussen hin gesichert, zu unseren Feinden im Westen. Aber immer mehr wurde die Grenze zu einer Grenze nach innen. Minenfelder, Stacheldraht. Wir richteten die Grenze nicht mehr gegen unseren Feind, sondern gegen unsere eigenen Bürger.»

Was aber hätte er tun sollen, fragt er. Dienst quittieren? Dann hätte die Frau den Job in der SED verloren, seine Söhne und die Tochter den Studienplatz. «Und ich hätte höchstens noch eine Anstellung als Friedhofsgärtner bekommen.»

Die Schweiz und die Bratwurst

Seine erste Auslandreise führte Harald Jäger nach Dänemark. Auf die Insel Bornholm. Da musste er einfach mal hin. Bornholmerstrasse, 25 Jahre. «Wir haben immer Sprüche geklopft bei der Grenze: Leute, wir müssen mal nach Bornholm!» Jäger lacht wieder laut und herzlich. «Es ist wunderschön dort. Waren Sie mal da?» Er war auch mal in der Schweiz, es sei sehr schön gewesen, aber woran er sich am besten erinnern kann, ist die Bratwurst für umgerechnet 17.50 Euro, die er gegessen hat. «Eine Bratwurst für 17.50 Euro!» Jäger lacht mal wieder.

Über den 9. November hat er nie mit seinen damaligen Vorgesetzten gesprochen. Oberst Ziegenhorn hat nie mit ihm geredet. Auch sonst niemand. Kein Wort. Sämtliche Protokolle dieses denkwürdigen Abends sind bis heute verschwunden. «In der DDR wurde immer alles protokolliert. Aber der 9. November existiert in der Geschichte der DDR nicht.» Jäger wählt heute die Linkspartei, «ich bin auf der Seite der Arbeiter». Die Idee des Sozialismus, die war eigentlich richtig, sagt der Mann, der die Grenze öffnete: «Aber den Weg, den wir in der DDR beschritten haben, der war komplett falsch.»

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