Palmen, Strand und 1000 Tonnen Erdöl: Katastrophe im Ferienparadies

Vor der Küste von Mauritius an der Ostküste Afrikas ist ein Tanker verunglückt. Die Insel hat den Notstand ausgerufen. Und es könnte noch schlimmer kommen: Das Schiff droht, auseinander zu brechen.

Markus Schönherr aus Kapstadt
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Die Bewohner von Mauritius sind entsetzt. So haben sie ihre Bucht noch nie zuvor gesehen: Über das türkisblaue Wasser breitet sich ein schwarz glänzender Ölteppich aus, verschlingt Mangrovenwälder und wälzt sich übelriechend über den weissen Sandstrand.

Der schwarz glänzende Ölteppich in an der Südostküste von Mauritius.

Der schwarz glänzende Ölteppich in an der Südostküste von Mauritius.

Laura Morosoli / EPA

Die Tropeninsel an Afrikas Ostküste befindet sich im Ausnahmezustand, nachdem Ende Juli vor der Küste ein japanisches Frachtschiff auf Grund gelaufen war. Aktivisten drängten die Regierung zum Handeln, die wartete jedoch zunächst ab.

Aus dem japanischen Tanker MV Wakashio läuft Öl aus. 1000 Tonnen sollen es bereits sein.

Aus dem japanischen Tanker MV Wakashio läuft Öl aus. 1000 Tonnen sollen es bereits sein.

Gwendoline Defente / AP

Vergangenen Donnerstag dann das Unglück, das Fischer, Touristiker und Umweltschützer gleichermassen gefürchtet hatten: Aus dem Tank der MV Wakashio ergiessen sich dicke Schwaden Diesel und Schweröl, mittlerweile sollen über 1000 Tonnen ausgetreten sein. Ministerpräsident Pravind Jugnauth rief den Umweltnotstand aus.

Das Schiff droht, auseinander zu brechen

Taucher berichteten am Wochenende von einem langen Riss im Rumpf des Schiffs. Zwar konnte der Ölaustritt nach Angaben der Regierung gestoppt werden, Entwarnung gebe es aber nicht. Nun droht das Schiff auseinanderzubrechen. «Wir geben unser Bestes, aber wegen der hohen Wellen ist zum jetzigen Zeitpunkt alles möglich», so Jugnauth.

Die Prognose des Regierungschefs: «Wir bereiten uns auf das Worstcase-Szenario vor.» Starker Wind peitschte in den vergangenen Tagen bis zu fünf Meter hohe Wellen gegen den Rumpf. Das Abpumpen des Öltanks musste vorübergehend unterbrochen werden.

Der Tanker befindet sich wenige Kilometer vor der Küste.

Der Tanker befindet sich wenige Kilometer vor der Küste.

Gwendoline Defente / AP

Für den Inselstaat im Indischen Ozean bedeutet der Ölfluss eine doppelte Katastrophe. Nicht zuletzt dank des Ökotourismus zählt Mauritius zu den weiterentwickelten Ländern Afrikas. Touristen kommen nicht bloss aus Europa, auch die Bewohner von wohlhabenderen Ländern der Region, etwa Südafrika oder Namibia, haben die Insel längst für sich entdeckt. Zum Ruf als sicheres Ferienparadies kommt ein erfolgreicher Kampf gegen COVID-19 hinzu.

Bis das Meeresökosystem wieder so aussieht wie früher, wird es etwa zehn Jahre dauern

«Nun werden wir Wochen oder sogar Monate nicht mehr in der Lagune schwimmen können», sagt der Meeresforscher Vassen Kauppaymuthoo dem lokalen Portal Defi Media. «Bis das Meeresökosystem wieder so aussieht wie früher, wird es etwa zehn Jahre dauern», so der Experte. Hart getroffen seien auch die Fischergemeinden der mauritischen Ostküste. Sie könnten erst in mehreren Monaten wieder die Netze auswerfen.

Das Reedereiunternehmen des gestrandeten Frachters, Nagashiki Shipping, entsandte am Montag zwei Schiffe, um das verbleibende Öl vom Wrack abzupumpen. Hilfe kam unterdessen auch von der Nachbarinsel Reunion, einem französischen Überseedepartement, sowie aus Japan und Südafrika. «Zum ersten Mal sind wir einer Katastrophe solchen Ausmasses ausgesetzt. Wir verfügen nicht über die nötigen Ressourcen, um das Problem zu lösen», erklärte Fischereiminister Sudheer Maudhoo.

Tausende Freiwillige nähen Barrieren gegen die Ölpest

Als wollten die Mauritier den Politiker Lügen strafen, fand in den vergangenen Tagen eine Massenmobilisierung auf der Insel statt. In den Morgenstunden versammelten sich Tausende Freiwillige auf Feldern, um Stroh zu sammeln. Aus dem getrockneten Gras nähten sie mithilfe von Netzen und Plastikflaschen schwimmende Barrieren gegen den Ölteppich.

Die kilometerlangen Würste halfen, eine weitere Ausbreitung der Ölpest zu verhindern. Weitere Helfer retteten Tiere und säuberten Strände. Auch eine symbolische Geste sorgte für Aufsehen. So spendeten einige Mauritierinnen ihr Haar, welches mithilfe von Nylonstrümpfen ebenfalls gegen den Ölfilm eingesetzt wurde. «Wir sind überwältigt von den Hilfsangeboten», erklärte die Mauritian Wildlife Foundation.

Freiwillige säubern den Strand.

Freiwillige säubern den Strand.

Laura Morosoli / EPA

Unterdessen fragen sich Experten und Inselbewohner, ob die Katastrophe durch schnelles Handeln hätte verhindert werden können. Die Opposition fordert den Rücktritt der für Umwelt und Fischerei zuständigen Minister. Kritik kommt auch von Meereskundler Kauppaymuthoo. Für ihn begann der Abtransport des im Schiffstank verbleibenden Öls viel zu spät: «Hätten die Behörden den Einsatz früher gestartet, wäre die Situation unter Kontrolle.»