Nach Berichterstattung über Nonnen-Missbrauch: Vatikan-Journalistinnen werfen das Handtuch

Die weiblichen Teammitglieder des «Osservatore Romano» sind geschlossen zurückgetreten. Nachdem das Magazin über den Nonnen-Missbrauch berichtet hatte, kam es in der Redaktion zum Eklat - nicht zum ersten Mal.

Dominik Straub, Rom
Drucken
Teilen
Wirft das Handtuch unter Protest: Lucetta Scaraffia. (Bild: Domenico Stinellis/Keystone, Rom, 28. Februar 2018)

Wirft das Handtuch unter Protest: Lucetta Scaraffia. (Bild: Domenico Stinellis/Keystone, Rom, 28. Februar 2018)

«Lieber Franziskus, wir werfen das Handtuch, weil wir uns von einem Klima des Misstrauens und der schleichenden Delegitimierung umgeben fühlen», schreibt die Gründerin und Leiterin der monatlich erscheinenden Frauenbeilage «Donne Chiesa Mondo» der Vatikan-Zeitung «L’Osservatore Romano», Lucetta Scaraffia, in einem Brief an den Papst. Zusammen mit der 70-jährigen Historikerin Scaraffia verlassen auch alle übrigen zehn Mitarbeiterinnen die Redaktion des Magazins. Die Beilage «Donne Chiesa Mondo» («Frauen, Kirche, Welt») war vor sieben Jahren unter Papst Benedikt gegründet worden und genoss bisher eigentlich grosse Unabhängigkeit.

Diese Unabhängigkeit sei unter der neuen Führung des «Osservatore Romano» und mit der Reorganisation der vatikanischen Medien zunehmend in Frage gestellt worden, kritisiert Lucetta Scaraffia. Der Druck habe noch zugenommen, nachdem das Frauenmagazin über den Missbrauch an Nonnen durch Priester berichtet hatte.

«Uns scheint es, dass eine für die Kirche wichtige Diskussion verhindert werden soll; man kehrt zu der antiquierten und unfruchtbaren Methode der Befehle von oben und zur klerikalen Selbstbezogenheit zurück»,

schreibt die Chefredakteurin in ihrem Brief weiter. Nach dem Bericht über den sexuellen Missbrauch an Nonnen hatte Franziskus erstmals eingeräumt, dass die Kirche auch auf diesem Gebiet ein Problem habe. Scaraffia hatte in der vatikanischen Frauenzeitschrift wiederholt heisse Themen aufgegriffen. So berichtete die Beilage auch über Ordensfrauen, die als Haushälterinnen von Kurienprälaten ausgebeutet werden. Der seit diesem Januar amtierende neue Chefredakteur der Vatikan-Zeitung, Andrea Monda, bestritt gestern vehement, die Journalistinnen von «Donne Chiesa Mondo» an die kurze Leine genommen zu haben. «Ich habe der Leiterin Scaraffia und ihrem Frauenteam stets die volle Autonomie und Freiheit zugesichert, welche die Beilage seit ihrer Gründung ausgezeichnet haben», betonte Monda. Die Zukunft der Frauenzeitschrift sei von ihm nie in Frage gestellt worden: «Sie wird weiter erscheinen – und das ohne jeden Klerikalismus.»

Medienabteilung bleibt Baustelle des Vatikans

Der geschlossene Rücktritt der Frauenredaktion des «Osservatore Romano» ist der zweite Eklat bei den Vatikanmedien innerhalb von drei Monaten. Am Jahreswechsel hatten sowohl Papst-Sprecher Greg Burke als auch seine Stellvertreterin Paloma García Ovejero überraschend den Hut genommen. Sie hatten das vatikanische Presseamt während zweieinhalb Jahren geleitet, eine im Vergleich zu ihren Vorgängern sehr kurze Zeit. García Ovejero war die erste Frau auf diesem wichtigen Posten im Vatikan gewesen. Über den Grund ihrer Rücktritte hüllten sich Burke und García Ovejero in Schweigen.

Die Medienabteilung des Vatikans ist seit Monaten eine grosse Reformbaustelle – und etliche Personalentscheide des Papstes überdauern nur wenige Monate. Im vergangenen Mai musste der Chef des im Zuge der Kurienreform neu geschaffenen Mediendikasteriums zurücktreten: Dario Vigano stolperte über die Manipulation eines Briefes von Papst Benedikt XVI. Die gefälschte Fassung legte nahe, dass sich der emeritierte Papst negativ zu einer Buchserie seines Nachfolgers äusserte, was aber nicht der Fall war. Hinter der Manipulation wurden erzkonservative Kritiker von Franziskus vermutet, die gegen den Kurs des argentinischen Papstes seit langem eine Verleumdungskampagne führen.