MEDIEN: Russlands neue Buhfrau

Mit Barack Obamas Abgang ist Angela Merkel zur Lieblingsfeindin der russischen Öffentlichkeit geworden.

Stefan Scholl, Moskau
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Reich an Gesten: Angela Merkel während ihrer Rede am CDU-Parteitag. (Bild: Martin Meissner/AP (Essen, 6. Dezember 2016))

Reich an Gesten: Angela Merkel während ihrer Rede am CDU-Parteitag. (Bild: Martin Meissner/AP (Essen, 6. Dezember 2016))

Ende Januar hat Angela Merkel ein Geissböckchen geboren. Der Vater ist Timur, ein Ziegenbock im Safari-Park Wladiwostok, berühmt für seine frühere enge Freundschaft mit einem aus­gewachsenen Tiger. Das Zicklein aber, so der Fernsehsender TWZ, rempelt Besucher an und hat ­einen ähnlich rüpelhaften Charakter wie seine Mutter Merkel.

Man benennt in Russland Zootiere nach ihr, verhöhnt ihre Flüchtlingspolitik und ihre angeblich zerkauten Fingernägel. Angela Merkel ist nach dem Abgang Barack Obamas drauf und dran, in Russland die Rolle des Lieblingsbösewichts zu übernehmen.

Der Missmut des politischen Moskau über Schwierigkeiten, die der Westen macht, konzen­triert sich traditionell auf den US-Präsidenten. Zwar tauchte im ­sibirischen Omsk schon 2014 Klopapier mit Merkels Konterfei auf. Aber so wurden nach der Verhängung der westlichen Sanktionen gegen Russland auch Obama und der Brite David Cameron geschmäht. Jahrelang lautete der Hauptvorwurf an Merkel, sie sei die Marionette des antirussischen US-Globalismus. Aber jetzt sitzt mit Donald Trump plötzlich ein russischer Hoffnungsträger im Weissen Haus. «Falls Trump wirklich versuchen wird, das Verhältnis zum Kreml zu verbessern, hält das westliche Establishment Angela Merkel als kriegerisches Double bereit», schreibt der Publizist Dmitri Babitsch.

Hitler-Vergleiche im Staatsfernsehen

In der staatlichen Nachrichtensendung am Sonntagabend überzieht Moderator Dmitri Kiseljow Merkel mit Beleidigungen. «Ich finde, mit Trumps Erscheinen ist Merkel plötzlich stark gealtert. Nein, denken Sie nicht, ich wolle hier das zutiefst Weibliche berühren, ihre Falten, ihre Frisur, das Farbgamma und den unvermeidlichen Zuschnitt ihres Hosenanzugs. Ich spüre einfach, Merkel ist ausser Mode.» Dann erörtert er weiter, das Auslaufmodell arbeite still und leise an der alten Hitler-deutschen Konzeption vom «Drang nach Osten» und «mehr Lebensraum». So habe Merkels Deutschland die Ukraine buchstäblich schlucken wollen.

«Merkel ist ja nicht nur die Mama der EU», erklärt der Politologe Alexei Muchin unserer Zeitung. «Sie hat sich drei Amtszeiten als konsequenter Gegner Russlands gezeigt, ihre Politik schädigt unsere wirtschaftlichen Interessen wie die Deutschlands selbst.» Aber richtig ärgern sich die Russen über Merkel seit dem Beginn des Ukrainekrieges 2014. Zwar blieb die Deutsche danach noch lang der häufigste Telefonpartner Wladimir Putins aus dem Westen. Aber im Gegensatz zu anderen europäischen und deutschen Politikern hat sie nie Anstalten gemacht, die eigenen Sanktionen gegen Russland in Frage zu stellen.

Jetzt hoffen Russlands Medien offen, dass Merkel die kommenden Bundestagswahlen verliert. Im Internet kursieren Texte, nach denen sie lesbisch, ihr Mann schwul sei. Die Kanzlerin personifiziert gleichzeitig die Verkommenheit, Heuchelei und antirussische Bosheit des Westens.

Allerdings sind sich Beobachter in Moskau nicht sicher, wie langlebig das neue Hauptfeindbild sein wird. «Vielleicht zeigt sich ja in ein paar Monaten, dass Trump noch viel antirussischere Politik macht als Obama», sagt Politologe Muchin. Ausserdem soll auch Martin Schulz, der SPD-Kanzlerkandidat, Wladimir Putin gar nicht leiden können.