Mehr Neuinfektionen als je zuvor: In Italien kehrt die Angst zurück

Zuletzt schien Italien die Coronapandemie im Griff zu haben. Doch urplötzlich steigen die Fallzahlen exponentiell an.

Dominik Straub aus Rom
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Schlangestehen für einen Coronatest in Mailand.

Schlangestehen für einen Coronatest in Mailand.

Bild: Luca Bruno/AP (Mailand, 15. Oktober 2020)

Noch am vergangenen Wochenende hatte Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte einen neuen, nationalen Lockdown ausgeschlossen: Eine solche drastische Massnahme sei nicht nötig, die verschärften Vorsichtsmassnahmen genügten, um die Verbreitung des Virus einzudämmen.

Doch nun rudert der Premier zurück: «Ich mache keine Prognosen», erklärte Conte auf die Frage, ob an Weihnachten ein neuer Lockdown verfügt werde. Welche Massnahmen ergriffen würden, hänge nun sehr stark vom Verhalten und der Disziplin der Bürgerinnen und Bürger ab. Die Situation sei jedenfalls «beunruhigend», betonte der Premier.

So viele Infektionen wie noch nie

Tatsächlich wurden in Italien am Mittwoch 7332 Neuinfektionen registriert - so viele wie noch nie seit Beginn der Pandemie. Der bisherige Rekordwert stammt vom 21. März: Damals hatten sich 6557 Menschen infiziert. Die Zahlen lassen sich freilich nicht vergleichen: Im Frühling wurden sechsmal weniger Personen täglich getestet. Und: Am 21. März starben in Italien 793 Menschen, 2857 Covid-Patienten lagen auf den Intensivstationen.

Am Mittwoch zählte Italien dagegen 43 Tote und 539 Patienten in Intensivpflege - bei einer auf über 6000 Einheiten erhöhten Bettenkapazität. Von einem Notstand wie im vergangenen April, als die Spitäler Patienten wegen Überfüllung abweisen mussten, ist Italien derzeit noch weit entfernt.

Wenn es so weitergeht, werden wir in wenigen Tagen wieder Hunderte Patienten in Intensivpflege haben

Es sind denn auch nicht die aktuellen Zahlen, die den Behörden Sorgen bereiten, sondern der Trend: Die Kurve der Fallzahlen zeigt, wie in den meisten europäischen Ländern, steil nach oben. «Seit einigen Tagen erleben wir eine exponentielle Zunahme der Patienten», betont Emanuele Catena, Chefarzt auf der Intensivstation des grossen Mailänder «Sacco»-Krankenhauses. «Wenn es so weitergeht, werden wir in wenigen Tagen wieder Hunderte Patienten in Intensivpflege haben - und dann wird die Situation erneut explosiv und alarmierend», sagt Catena. Ähnlich tönt es aus anderen Kliniken der Lombardei, die wie schon im Frühling das Epizentrum der Epidemie ist.

Wirtschaftsleistung auf dem Niveau der 1990er

Italiens Wirtschaft würde einem neuen, mehrmonatigen Lockdown kaum standhalten. Die Regierung rechnet schon jetzt mit einem Rückgang von 9 Prozent des Bruttosozialprodukts - die italienische Wirtschaftsleistung fällt damit auf das Niveau der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts zurück.

Tausende Betriebe haben bereits geschlossen. Auch die - ohnehin schon viel zu hohen - Staatsschulden explodieren: Bis Ende Jahr wird der Schuldenstand Italiens auf 158 Prozent des Bruttosozialprodukts steigen - den höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg.

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