MENSCHNRECHTE: «Die Angst ist immer da, jeden Freitag»

Ihr Mann ist der Blogger Raif Badawi, in Saudi-Arabien zu zehn Jahren Haft und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Ensaf Haidar kämpft um seine Freilassung. Auch in der Schweiz.

Interview Eva Novak
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Der saudische Blogger Raif Badawi. (Bild: PD)

Der saudische Blogger Raif Badawi. (Bild: PD)

Interview Eva Novak

Ensaf Haidar, wie lange haben Sie Ihren Mann nicht gesehen?

Ensaf Haidar:Seit vier Jahren. Für mich fühlt es sich wie eine Ewigkeit an.

Sie führen seit einer Ewigkeit eine Ehe auf Distanz?

Haidar:So ist es.

Wann haben Sie zuletzt telefoniert?

Haidar:Das letzte Mal habe ich am Morgen des 28. September mit Raif gesprochen, bevor ich nach Europa geflogen bin. Ich habe mein Handy, auf das er jeweils aus dem Gefängnis anruft, in Kanada gelassen, damit er die Kinder erreichen kann. Deshalb haben wir uns jetzt schon seit zwei Wochen nicht gehört.

Wie ging es ihm beim letzten Gespräch?

Haidar:Moralisch ging es ihm da besser. Es tat ihm gut, zu wissen, dass ich wegen meines Buchs, in dem es um ihn und um seinen Fall geht, nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz reise.

Und körperlich? Hat er sich von den ersten 50 Stockschlägen erholt, die er im Januar erhielt?

Haidar:Körperlich hat er sich vielleicht erholt, nicht aber psychisch. Es war eine sehr schmerzhafte Erfahrung, die ihn an den Rand seiner Kräfte gebracht hat. Ausserdem dürfen wir nicht vergessen, dass er im Gefängnis sitzt, wo die Situation alles andere als ideal ist – besonders bezüglich Essen, Hygiene, Belüftung. All das hat einen Einfluss auf sein Befinden. Körper und Psyche hängen zusammen.

Sind die Zustände in saudi-arabischen Gefängnissen sehr schlimm?

Haidar: Sie sind so schlimm, wie Sie es sich nur vorstellen können.

Vor Ihrem Besuch in der Schweiz wurden Sie von deutschen und österreichischen Regierungsvertretern empfangen. Was können die europäischen Länder zur Freilassung Ihres Mannes beitragen?

Haidar: Sie können Druck auf die saudischen Behörden ausüben. Die Regierungen Deutschlands oder Österreichs könnten zum Beispiel König Salman anrufen und ihn darauf aufmerksam machen, dass sich die Lage für sein Land verschlechtert hat. Denn die Kampagne seit der Inhaftierung meines Mannes hat dazu geführt, dass Saudi-Arabien vor der Welt schlecht dasteht.

Haben Sie bei Ihrem Treffen mit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga vorgeschlagen, sie solle nach Riad reisen, um das dem saudischen König persönlich darzulegen?

Haidar: Das braucht sie gar nicht. Es reicht, dass sich die Schweiz diplomatisch engagiert, was sie auch tut, wie mir versichert wurde.

Raif Badawi war als möglicher Kandidat für den Friedensnobelpreis im Gespräch. Bedauern Sie, dass er leer ausgegangen ist, weil ihn das der Freiheit nähergebracht hätte?

Haidar:Natürlich wäre das hilfreich gewesen. Am wichtigsten ist aber die Unterstützung durch die vielen Menschen und Regierungen. Das bedeutet uns sehr viel.

Dafür hat Ihr Mann jede Menge anderer Preise bekommen, den letzten am Freitag in Zürich. Haben all diese Auszeichnungen etwas bewirkt?

Haidar: Ich bin mir sicher: Es wirkt. Allein die moralische Unterstützung hilft ihm. Auch sonst ist die Wirkung all dieser Preise gross. Sie sind eine indirekte Botschaft an die saudischen Behörden. Die ganze Welt sagt ihnen: Raif soll frei sein, er soll mit seinen Kindern spielen können. Er gehört nicht ins Gefängnis, da er nichts anderes getan hat, als seine Meinung friedlich auszudrücken. Die Botschaft ist unmissverständlich.

Wird sie auch verstanden?

Haidar:Die saudischen Behörden tun zwar nicht dergleichen. Doch der Tag wird kommen, an dem sie sie verstehen werden.

Wird das nach dem Wechsel auf dem saudischen Thron schneller gehen? Setzen Sie mehr Hoffnungen in König Salman als in seinen Vorgänger Abdullah?

Haidar:Bis jetzt gab es leider nur eine Veränderung im Namen, nicht in der Politik. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Hat der neue saudische König Ihren Brief beantwortet, den Sie ihm im März geschrieben hatten?

Haidar:Leider nicht. Wir haben Unterschriften von Intellektuellen aus der ganzen Welt gesammelt und den Brief an verschiedene saudische Behörden verschickt. Jenes Exemplar, das wir an den Königshof schickten, kam mit dem Vermerk zurück, niemand habe es in Empfang nehmen können.

Es hiess, der Empfänger sei unbekannt.

Haider: Ja, und das beim König. Es ist absurd.

Seit Jahren setzen sich Politiker und Menschenrechtsaktivisten für Raif Badawi ein, und Sie schreiben ein Buch, reisen um die Welt und kämpfen für seine Freilassung – all das ohne erkennbare Wirkung. Verzweifeln Sie nicht fast?

Haidar: Nein.

Woher nehmen Sie die Kraft?

Haidar:Aus der festen Überzeugung, dass Raif freikommt.

Sagen Sie das auch Ihren Kindern, wenn sie nach dem Vater fragen?

Haidar: Ja, das sage ich ihnen, und sie sind sehr stolz auf ihn. Unser Sohn Dodi sagt: Ich möchte werden wie mein Vater.

Wer sorgt in Kanada für Ihre Kinder? Ihre Familie?

Haidar: Das kann man so sagen. Meine Eltern und Brüder haben zwar den Kontakt zu uns abgebrochen. Wir haben uns in Kanada aber eine neue Familie aufgebaut. Meine Freunde passen jetzt auf die Kinder auf.

Die Prügel könnten jederzeit weitergehen, die Strafe von insgesamt 1000 Hieben wurde kürzlich bestätigt. Zittern Sie permanent um Ihren Mann?

Haidar:Selbstverständlich ist die Angst immer da, jeden Freitag, wenn die Bestrafungen jeweils vollzogen werden. Man muss sich das einmal vorstellen: 50 Stockschläge in aller Öffentlichkeit. Und das auf dem Platz vor der Al-Jafali-Moschee in Dschidda – einem Ort, wo nie zuvor jemand öffentlich geschlagen wurde. Es ist wirklich nicht einfach.

Betet Ihr Mann zu Allah, dass er möglichst bald freikommt, oder hat das Urteil seinen Glauben erschüttert?

Haidar:Die Beziehung zwischen Raif und Gott ist seine Sache. Ich möchte dazu nichts sagen.

Stimmt es, dass Sie nicht besonders religiös sind, Ihr Mann es aber zumindest früher war?

Haidar:Ja. Sie können das in meinem Buch nachlesen.

Raif Badawi wird «Beleidigung des Islams» zur Last gelegt, weil er sich für Meinungsfreiheit und die Akzeptanz aller Religionen eingesetzt hat. Können Sie das nachvollziehen?

Haidar:Ich akzeptiere diese Anklage nicht. In Bezug auf Raif ist sie auch falsch. Denn was er gesagt hat, ist keine Beleidigung einer Religion. Jeder soll frei sein, auch in Bezug auf Religionen. Die Beziehung jedes und jeder Einzelnen zu Gott ist seine oder ihre Sache. Am Ende geht es darum, wie man miteinander umgeht.

Wie können die Zentralschweizer Ihrem Mann helfen?

Haidar: Sie sollten von der Schweizer Regierung verlangen, dass sie sich weiterhin für Raif einsetzt. Wenn ständig Druck gemacht wird, steigen die Chancen, dass er endlich freikommt.

Und warum sollen die Leute das Buch kaufen? Damit Sie Ihr Leben im Exil finanzieren können?

Haidar: Mir geht es nicht ums Geld. Um Raif unterstützen zu können, müssen die Menschen ihn kennen. Das Buch zeigt ihn als Menschen, als Liebhaber, als Mann und als Freund. Wenn man ihn in all diesen Facetten sieht, wird man merken, dass die Welt Menschen wie Raif braucht.

In welchen Sprachen wird das Buch verlegt?

Haidar: Im Moment liegt es nur auf Deutsch vor, eine englische Ausgabe ist geplant.

Er muss leiden, weil er sich für mehr Toleranz einsetzte

eno. Ensaf Haidar (36) ist die Ehefrau von Raif Badawi (31), einer Symbolfigur im Kampf für die Menschenrechte im Nahen Osten.

Weil sich der saudische Blogger für Meinungsfreiheit und religiöse Toleranz einsetzte, wurde er wegen «Beleidigung des Islams» zu zehn Jahren Haft, einer Busse von rund 200 000 Franken und 1000 Peitschenhieben verurteilt. Trotz internationaler Proteste erhielt er im Januar öffentlich 50 Stockschläge auf den Rücken. Dabei wurde er so schwer verletzt, dass der Rest der Strafe bis auf weiteres ausgesetzt, aber nicht aufgehoben wurde.

Badawi sitzt seit drei Jahren im Gefängnis in Saudi-Arabien. Seine Frau lebt seit zwei Jahren mit den drei Kindern – einem Sohn und zwei Töchtern im Alter von 11, 8 und 12 Jahren – im kanadischen Exil. Von da aus setzt sie sich für Badawis Freilassung ein, zuletzt mit einem Buch, das diese Woche auf Deutsch erschienen ist. Ensaf Haidar hat es in der Schweiz, in Deutschland und Österreich präsentiert. Dabei hat sie auch Regierungsvertreter der drei Staaten getroffen.

In Bern wurde sie von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga sowie von Menschenrechtsspezialisten im EDA empfangen, in Zürich nahm sie am vergangenen Freitag den erst- mals vergebenen Freidenkerpreis entgegen.

HINWEIS
Ensaf Haidar: Freiheit für Raif Badawi, Liebe meines Lebens, Fr. 29.80.