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MENTALITÄT: Frankreich und der Fussball: Baguette und Spiele

«Les Bleus» sind ein Abbild ihres Landes: Sie bilden eine Nationalelf ausgezeichneter Stars, die aber nur mit Mühe eine kollektive Leistung zu Stande bringen.
Stefan Brändle, Paris
Der Eiffelturm in Paris. (Bild: AP / Thibault Camus)

Der Eiffelturm in Paris. (Bild: AP / Thibault Camus)

Stefan Brändle, Paris

Feiern können die Franzosen: Man erinnert sich an die Jubelszenen von 1998, als Zidane die Bleus im Stade de France zum WM-Triumph über Brasilien und damit über die ganze Fussballwelt führte. Die Champs-Elysées mit ihrem Prachtdekor zwischen Triumphbogen und Concorde-Platz erzitterten von der spontan angestimmten «Marseillaise» aus hunderttausend Kehlen.

18 Jahre später kehrt der Fussballtross wieder nach Frankreich zurück. Die Stadien werden mit 2,5 Millionen Zuschauern gefüllt sein, die Fanmeilen werden sogar für noch mehr Besucher als das Stade de France hergerichtet – allein deren 100 000 sollen es auf dem Marsfeld beim Eiffelturm sein.

Und doch ist es fraglich, ob der Volksfunke zünden wird. Die Grande Nation, seit Jahren immer wieder Opfer mörderischer Terroranschläge – Toulouse 2012, «Charlie Hebdo» 2015, Bataclan und Stade France Ende 2015 –, befindet sich verfassungsrechtlich immer noch im Ausnahmezustand. Militärpatrouillen prägen das Strassenbild, und nicht nur das Stade de France mutiert zum Hochsicherheitstrakt.

Die unsichtbare Seite des Übels

Wird das in den Tribünen auf die Stimmung drücken, werden die schwer kontrollierbaren Fanmeilen halb leer bleiben? Sicher ist, dass Frankreich nicht nur unter dem Damoklesschwert unvorhersehbarer Terroristen leidet. Sozialpolitisch brodelt es mit Streiks, Bahnblockaden und Tankstellensperren. Und das ist nur die sichtbare Seite französischen Übels: Die Arbeitslosigkeit, die für fünf Millionen Franzosen und ihre Familien ein Drama ist, verharrt auf mehr als 10 Prozent – ein Rekordniveau. Nicht von ungefähr ist der Front National, dieser Affront gegen die Werte der Republik, die stärkste Partei Frankreichs, und Marine Le Pen will im Mai 2017 in den Elysée-Palast einziehen.

Für die gebeutelte Nation, allen voran ihren Präsidenten, kommt das Fussballfest gerade recht. Wahlmonarch Hol-lande will seinen Untertanen Baguettebrot und Spiele geben, also etwas Freude und Hoffnung in diesen trüben Zeiten der umfassenden Dauerkrise.

Die Franzosen wären noch so glücklich, wenn die neuen Bleus an die alten Zeiten anknüpfen könnten, wenn sie an diese Nationalelf glauben könnten. Doch das Aufgebot von Didier Deschamps weckt zumindest im Vorfeld des Turniers viel Skepsis; die Blauen geben keinen Anlass zum Träumen, sie bieten selbst nur ein Spiegelbild des Landes, dessen Farben sie tragen.

Verteidigen des eigenen «bifteck»

Was sagte Marcel Desailly, Weltmeister von 1998, genau über die Blauen? «Es ist doch unglaublich, all diese Individualisten zu sehen – das sind alles Spieler von Weltklasse, die zuoberst auf dem Podium sein können.» Dann fügte er aber zweifelnd an: «Mal sehen, ob sie zusammen zu einer Geschlossenheit finden.» Geschlossenheit, Ensemble, Kollektiv: Das sind für die individualistischen Franzosen mehr denn je Fremdwörter – auf dem Fussballfeld und andernorts. In den aktuellen Streiks und Protesten gegen die Arbeitsreform verteidigt jeder sein eigenes «bifteck», wie man in Frankreich sagt, das heisst: sein kleines Privileg oder Vorrecht. So funktiontierte schon die Privilegienwirtschaft im Ancien Régime der Monarchie, so ging es mit den Sozialrechten nach der Revolution von 1789: Der Aristokrat kämpft wie der Citoyen für seinen Besitzstand, nicht für das Allgemeinwohl.

Ähnlich verhält es sich mit den Cracks der Nationalelf. Die fussballlastige Radiostation Europe 1 hatte die gute Idee, ehemalige «Blaue» des Traditionsklubs Saint-Etienne aus der Ära Platini zu be­fragen. Gérard Janvion, Teilnehmer der WM 1982, meinte ohne Umschweife: «Die Jungs von heute sind zu sehr Individualisten. Sie weigern sich, auf einem anderen als dem angestammten Posten zu spielen. Heute befiehlt nicht mehr der Trainer, sondern der Spieler.»

Didier Deschamps weiss sich nur noch zu helfen, indem er auf mehrere Teamstützen verzichtet, die matchentscheidend sein können. Karim Benzema bleibt in Madrid, weil er in die Erpressungsaffäre gegen den Mitspieler Ma-thieu Valbuena verwickelt war, und Franck Ribéry bleibt in München, weil er früher andere Nationalspieler wie Yoann Gourcuff gemobbt hatte.

Sowohl Benzema wie Ribéry hätten sich als «Rädelsführer auf dem Pausenplatz» aufgeführt, meint der Kommentator Jean-Marcel Bouguereau von der Zeitschrift «L’Obs». Sogar die Zeitung «Le Monde», die nun wirklich nicht des Boulevard-Journalismus oder gar Rassismus verdächtigt werden kann, schrieb bereits bei der Fussball-WM 2010 in Südafrika: «In der Equipe de France gibt es Clans – die Schwarzen aus den Antillen, die Schwarzen aus Afrika, die Weissen, die Muslime, die Legionäre und die, die in Frankreich geblieben sind.»

«Allez, les Bleus» – ein Fest für alle

Diese Interessengruppen, das sind auf Landesebene genau jene wirtschaftspolitischen Korps und Berufszweige, die ihre eigenen Interessen vertreten und alle Reformversuche der Regierung aus Prinzip bodigen. In Deschamps’ Equipe verhindern sie das Aufkommen eines Gruppen- oder Gemeinschaftsgefühls. Die «Blauen» sind zwar auch eine Turniermannschaft, die bei günstigem Verlauf zu einer kollektiven Entente finden kann. So war es 1998 gewesen, als die Chemie einfach stimmte. Herkunft und Hautfarbe spielten damals keine Rolle mehr, Frankreich feierte die rot-weissblauen Weltmeister auch, weil sie die soziologischen Landesfarben «black-blanc-beur» (schwarz-weiss-braun) verkörperten.

Zwei Jahre später, 2000, holte sich Frankreich als Zugabe noch die EM-Trophäe. Dann ging es bergab. Jetzt, im eigenen Land, sind die Erwartungen natürlich hoch. Aber die Herzen der Franzosen müssen die Blauen zuerst noch zurückerobern. Die Nation wird genau hinschauen, ob sich die Spieler wieder Solotouren oder andere Extravaganzen leisten.

Vielleicht können die Spieler das Kollektivgefühl leichter entfalten ohne Benzema und Ribéry. Es wäre das Zeichen, dass der «kranke Mann Europas», als der Frankreich derzeit gilt, wieder Selbstver­trauen schöpft und aus dem Tal der Tränen steigt. «Allez, les Bleus» richtet sich deshalb an ganz Frankreich: auf dass dieses Turnier ein kollektives Erlebnis werde – ein Fest für alle!

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