«Merkel macht unser Land kaputt»

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Sachsen Die Band covert die bekanntesten deutschen Schlager, «ich will alles oder gar nichts, ich will hundert Prozent», singt die Frontfrau einen Helene-Fischer-Hit. Ein paar wenige wippen trotz des nun stärker einsetzenden Regens im Takt der Musik fröhlich mit. Hinten auf dem Marktplatz der schmucken Kleinstadt Torgau in Nordsachsen ist der Gesang kaum zu vernehmen, zu laut tönen die Rufe dieser Menschen, die hier mit Trillerpfeifen und Tröten und Plakaten auf den Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel warten. «Merkel muss weg!», «Volksverräter» oder «hau ab, hau ab, hau ab!», tönt es in ohrenbetäubender Lautstärke. Es müssen einige hundert der insgesamt 1200 Besucher sein, die hier Merkels Wahlkampfauftritt stören wollen. Darunter AfD-Anhänger, aber auch Rechtsextreme der NPD.

Dann, kurz nach 17 Uhr, betritt die Kanzlerin die Bühne. Vorne, da, wo die CDU-Freunde Platz genommen haben, wird in die Hände geklatscht, doch viel lauter sind die anderen. Der Krach wird nun unerträglich. «Hau ab, hau ab, hau ab!», tönt es, dazu ein schrilles Pfeifkonzert. «Wenn jemand nur noch pfeift und brüllt, dann kann man nicht mehr gut reden», sagt Merkel. Sie muss derart laut ins Mikrofon sprechen, dass sich ihre Stimme zu überschlagen droht. «Merkel macht unser Land kaputt. Jedes zweite Kind hat heute Migrationshintergrund, irgendwann sind wir Fremde im eigenen Land», schimpft Reinhold, 63, ein Mann aus der Region, der unweit der Bühne steht. Sein Hass richtet sich gegen die Kanzlerin. «Warum belügen Sie uns, Frau Merkel?», steht auf dem Plakat, das er in die Höhe hält.

Deutschland knapp zwei Wochen vor den Bundestagswahlen. Die Kanzlerin und ihr Herausforderer von der SPD, Martin Schulz, touren durch die Republik, um im Endspurt jene von den eigenen Ideen zu überzeugen, die bislang noch unentschlossen sind. Laut Umfragen sind das immerhin 40 Prozent der 61,5 Millionen Wahlberechtigten. Merkel wird bis zum Wahltag 50 Auftritte hingelegt haben, Martin Schulz gar 60. Die Differenz zwischen den beiden politischen Lagern beträgt etwa 14 Prozentpunkte. Merkel kann es sich erlauben, vor allem sich und ihre Politik selbst zu loben. Sie spricht von Steuern und Familienpolitik, von Flüchtlingen, die integriert werden müssten, von sinkenden Arbeitslosenzahlen, von einem Land, in dem es Demokratie gäbe, in der jeder seine Meinung kundtun könne. «Andere Völker träumen davon», sagt Merkel. Sie richtet diese Worte vor allem an jene, die sie unentwegt niederbrüllen.

Sehnsucht nach einer autoritären Führungsfigur

Woher aber dieser Hass? Nicht nur in Torgau, auch in anderen Gemeinden, vor allem in den neuen Bundesländern im Osten, entlädt sich bei Wahlkampfauftritten geballte Wut gegen die Kanzlerin. Oliver Decker, Leiter des Demokratieforschungszentrums an der Universität Leipzig, macht gerade bei vielen Menschen in Ostdeutschland eine Sehnsucht nach einer autoritären Führungsfigur aus. Alleine aufgrund nach wie vor vorhandener Stereotype Frauen gegenüber werde Merkel als schwache Person wahrgenommen, analysiert Decker. Zudem sei der Anteil jener, die einer offenen Gesellschaft kritisch gegenüberstehen, im Osten höher als in den alten Bundesländern. In den letzten Jahren von Merkels Kanzlerschaft habe eine Liberalisierung eingesetzt – etwa die Öffnung für die Homo-Ehe, die Stärkung der Rechte der Frauen –, welche viele, dem rechtsautoritären Milieu zugewandte Menschen nicht mitgetragen hätten. «Die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin wirkte dann wie ein Katalysator, wo diese Vorbehalte gegen die liberale Gesellschaft eruptiert sind», so Decker. Der Reformationsprozess in der postkommunistischen Gesellschaft Ostdeutschlands sei noch im Gange. «Es gibt keinen Wunsch, das System der DDR zurückzubekommen, aber es gibt den Wunsch, ein autoritäres System zurückzubekommen, das die Möglichkeit bietet, sich als Teil von etwas Grossem verstehen zu können», sagt Decker. Merkel wird von dieser Klientel als Verräterin betrachtet.

«Sie spüren es ja hier auf diesem Platz»

Etwa 30 Minuten redet die Kanzlerin, durch die schrillen Klänge der Trillerpfeifen sind die Worte der Kanzlerin kaum zu verstehen. «Volksbetrüger und Nato-Kriegstreiber abwählen!», steht auf einem der Plakate, «Merkel entsorgen!» auf einem anderen. Merkel ruft die Torgauer dazu auf, sich vom satten Vorsprung der Union auf die SPD nicht blenden zu lassen und die CDU wählen zu gehen. «Sie spüren ja hier auf diesem Platz: Es wird am 24. September darauf ankommen.» Rentner Horst Eigner, 75, spendet der Kanzlerin warmen Applaus. «Was die alles für unser Land getan hat, das ist doch wahnsinnig toll», schwärmt er. Die Störer der Kundgebung, sagt der Rentner, für die schäme er sich. «Ich könnte verrückt werden ob diesen Spinnern.»

Für die Wahl am 24. September wird es, so wie es aussieht, trotz der Widerstände reichen. Es müssen ja nicht 100 Prozent der Stimmen sein, wie die Coverband zu Beginn der Veranstaltung geträllert hat. Merkel würde sich auch mit ein paar weniger Stimmen zufriedengeben.

Christoph Reichmuth, Torgau