Analyse
Merkel-Nachfolge: Erneuerung oder weiter so? Die deutsche CDU hat die Wahl

Am Samstag entscheidet die Merkel-Partei, wer ihr neuer Chef wird. Norbert Röttgen hat nur Aussenseiterchancen - im Fokus steht das Duell Merz gegen Laschet. Wer ist der bessere Kandidat?

Fabian Hock und Christoph Reichmuth aus Berlin
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Einer von ihnen soll der neue Vorsitzende der CDU und somit auch möglicher Kanzlerkandidat werden: Armin Laschet, Mitte, und Friedrich Merz, rechts. Ebenfalls auf dem Bild: Norbert Röttgen, links, der als Aussenseiter in der Wahl gilt.

Einer von ihnen soll der neue Vorsitzende der CDU und somit auch möglicher Kanzlerkandidat werden: Armin Laschet, Mitte, und Friedrich Merz, rechts. Ebenfalls auf dem Bild: Norbert Röttgen, links, der als Aussenseiter in der Wahl gilt.

Keystone

Was für Friedrich Merz spricht: Nach 16 Jahren Langeweile endlich Aufbruch

Auslandredaktor Fabian Hock: «Merz steht für Aufbruch.»

Auslandredaktor Fabian Hock: «Merz steht für Aufbruch.»

CH Media

Man muss Friedrich Merz nicht mögen. Er ist keiner, dem die Herzen der Menschen zufliegen, wenn er spricht. Dennoch steht der 1,98-Meter-Schlaks für etwas, was sein schärfster Konkurrent um die CDU-Spitze, Armin Laschet, nicht hinbringt: Merz schafft Aufbruchstimmung. Nach 16 Jahren Angela Merkel ist das in Deutschland bitter nötig.

Merz ist innerhalb der CDU der grösstmögliche Gegensatz zur Kanzlerin. Während sie die Christdemokraten entwurzelte und immer weiter nach links trieb, steht Merz für das Versprechen, aus der konservativen Partei wieder eine zu machen, die dieses Prädikat tatsächlich verdient. Viele Deutsche wünschen sich das.

Deshalb würde Merz auch einen Erdrutschsieg einfahren, dürfte am Samstag die Parteibasis abstimmen. Dass Laschet überhaupt noch im Rennen ist, liegt daran, dass er innerhalb der Führungsriege der CDU beliebter ist als Merz. Ein Sieg Laschets würde den Grossteil der Parteielite zufriedenstellen. Für die Wahl im September verhiesse das jedoch nichts Gutes: Noch mehr enttäuschte Konservative würden sich von der CDU abwenden.

Das birgt eine reale Gefahr für die Partei – aber auch für das Land: Kann die CDU nicht ausreichend Wähler mobilisieren, könnte es im Herbst zu einem linken Bündnis kommen. Mit der weltfremden Linkspartei in der Regierung. Das könnte sich für Deutschlands Wirtschaft im Nachgang der Pandemie als katastrophal erweisen.

Merz ist die sicherste Wette, das zu verhindern. Ihm ist zuzutrauen, dank der Aussicht auf eine vernünftigere Migrationspolitik einst abgewanderte Wähler von der AfD zurückzuholen. Die Sozialdemokraten hätten endlich wieder einen Gegner, an dem sie sich abarbeiten können. Deutschland hätte wieder unterscheidbare Parteien. Das wäre ein grosser Gewinn fürs ganze Land.

Was für Armin Laschet spricht: Deutschland braucht den Versöhner Laschet

Deutschland-Korrespondent Christoph Reichmuth: «Laschet steht für Kontinuität.»

Deutschland-Korrespondent Christoph Reichmuth: «Laschet steht für Kontinuität.»

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Über Armin Laschet heisst es, dass er gerne auf Resultate der Bundesliga-Spiele wette – dabei suche er sich Begegnungen mit ausgeglichenen Mannschaften aus und setze dann auf Unentschieden. Geringes Risiko, kleine Gewinne – aber kontinuierliche Erfolge verspreche sich der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen davon.

Das Vorgehen beim Tipp-Spiel könnte Laschets politisches Agieren symbolisieren. Keine Hauruck-Politik, eher sachlich-unaufgeregt. Laschet ist ein uneitler Politiker, der für manche vielleicht unspektakulär, gar langweilig herüberkommt. Aber der den Kompromiss und den Ausgleich sucht. In seinem Bundesland tut das der 59-Jährige mit Erfolg. Geräuschlos führt er eine Koalition aus CDU und FDP, die gerade mal über eine Mehrheit von einer Stimme verfügt.

Der Katholik Laschet, ehemaliger Redaktor einer Kirchenzeitung, gilt als Mannschaftsspieler, der Menschen zugewandt ist, ein Versöhner, zu politischen Kompromissen bereit und mit viel Charme ausgestattet. Und er kann gewinnen: Nordrhein-Westfalen galt als «Herzkammer der Sozialdemokratie», bis Laschets CDU 2017 die Genossen vom Sockel stiess.

Es wäre zu wünschen, würde Laschet neuer Chef der Christdemokratenund gleich auch Kanzlerkandidat der Union. Nach 16 Jahren Merkel steht die CDU für eine liberale, offene Gesellschaft, sie ist eine Partei der breiten Mitte. Laschet ist jener Kandidat, der für eine Fortführung dieser Politik steht.

Die deutsche Gesellschaft ist gespalten, die Folgen von Corona sind noch nicht abschätzbar. Das Land braucht einen Versöhner wie Laschet. Friedrich Merz würde die Polarisierung eher verstärken. Merz könnte unter Laschet ja immer noch Finanzminister werden.