Dänemark
Messerstecher, Boxer, aktenkundig: Das ist der Attentäter von Kopenhagen

Der Täter der Anschläge in Kopenhagen war schon länger von Hass auf Juden getrieben, wurde aber erst vor kurzem im Gefängnis zum radikalen Islamisten. Er war den Behörden bekannt und operierte wohl nicht alleine. Warum wurde er nicht früher gestoppt?

Niels Anner, Kopenhagen
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Die dänische Polizei veröffentlichte ein Bild des mutmasslichen Attentäters.

Die dänische Polizei veröffentlichte ein Bild des mutmasslichen Attentäters.

Keystone

„Wir beurteilen ihn als gefährlich“. Dies teilte die dänische Polizei im November 2013 mit, als sie nach Omar Abdel Hamid El-Hussein suchte, dem mutmasslichen Attentäter, der am Wochenende in Kopenhagen ein Kulturzentrum und eine Synagoge angriff und dabei zwei Personen tötete sowie fünf Polizisten verletzte, ehe er selber in einem Feuergefecht mit der Polizei umkam. Die Terrorangriffe waren die Kulmination einer Gewaltkarriere, im Verlauf derer der in Kopenhagen geborene Sohn von Palästinensern von einem guten Schüler zu einem Mann wurde, der im Bandenmilieu verkehrte, dort mit Drogen und Waffen in Kontakt kam und schliesslich zum radikalisierten Islamist wurde.

Er gilt unterdessen nicht mehr als Einzeltäter: Zwei am Sonntag verhaftete Männer im Alter von 19 und 22 Jahren werden verdächtigt, dem Attentäter Waffen und ein Versteck besorgt zu haben. An eine grössere Terrorgruppe glauben die Behörden aber nicht. Die Polizei suchte am Montag weiterhin Zeugen, um den Weg des Täters zu eruieren. Klar ist, dass er sich kurz in dem Internetcafé aufhielt, das schwer bewaffnete Einheiten am Sonntag durchsuchten. Auf seinem Facebook-Profil veröffentlichte er laut dänischen Medien am Samstag ein Dschihad-Video, das mit der Terrormiliz IS sympathisiert - 45 Minuten vor dem Angriff auf die Veranstaltung mit dem Mohammed-Karikaturist Lars Vilks.

Im November 2013 stach El-Hussein scheinbar unmotiviert auf einen Fahrgast in der S-Bahn ein; erst zwei Monate später konnte er verhaftet werden. Der 22-Jährige wurde im Dezember 2014 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, allerdings nicht wegen Mordversuchs, sondern nur wegen Anwendung grober Gewalt. Zu seiner Verteidigung gab er an, er habe nach dem Konsum von Hasch unter Angstzuständen gelitten. Er kam – weil er schon länger in Untersuchungshaft gesessen hatte – vor wenigen Wochen frei.

Strenge Sicherheitskontrollen in Kopenhagen
15 Bilder
Passanten legen Blumen vor der Synagoge nieder
Ministerpräsidentin Thorning-Schmidt an einer Medienkonferenz
Drei Verletzte bei Schiesserei an Konferenz zu Meinungsfreiheit in Kopenhagen
Forensiker am Tatort
Die dänische Polizei hat den mutmasslichen Attentäter erschossen
Der oberste Rabbi Dänemarks und der Präsident der jüdischen Gemeinschaft an einer Medienkonferenz am Sonntag
Die dänische Polizei sichert das Gelände
Deutsche Polizisten kontrollieren ein Fahrzeug an der deutsch-dänischen Grenze
Drei Polizisten wurden bei der Schiesserei verletzt.
Die Schüsse fielen bei einer Veranstaltung über Kunst, Gotteslästerung und Meinungsfreiheit.
Nach den mutmasslich zwei Tätern wird auf Hochtouren gefahndet.
Auch der schwedische Mohammed-Karikaturist Lars Vilks nahm an der Konferenz teil.
Ob die Tat einen religiös motivierten Hintergrund hat, kann noch nicht gesagt werden.
Die Täter schossen von aussen auf das Gebäude.

Strenge Sicherheitskontrollen in Kopenhagen

Keystone

Im Gefängnis macht El-Hussein eine starke Radikalisierung durch, wie der Sicherheitschef des Justizvollzugs am Montag der Zeitung „Berlingske“ sagte. Er habe offen darüber gesprochen, dass er sich in Syrien dem IS anschliessen wolle. Die Vollzugsbehörden erstellten eine Akte über ihn, die sie dem Inlandgeheimdienst PET weiterleitete. Dieser überwachte unter anderem radikalisierte Personen und nach Syrien reisende Kämpfer, von denen es in Dänemark gemessen am Anteil der Muslime in der Bevölkerung überproportional viele gibt. Weshalb im Fall von El-Hussein die Überwachung des PET aber offenbar nicht wirksam war, bleibt eine offene Frage. PET-Chef Jens Madsen sagte zwar am Sonntag, dass man den Attentäter „auf dem Radar“ gehabt habe; am Montag gab der unter Druck geratende Geheimdienst aber keinen weiteren Kommentar ab.

Laut dänischen Medien, die mit ehemaligen Klassenkameraden und anderen Bezugspersonen von Omar El-Hussein gesprochen haben, war er zumindest zu Beginn der Berufsmittelschule in einem Vorort von Kopenhagen ein „talentierter Schüler“, allerdings auch oft ein launischer Hitzkopf, der nie einen Hehl aus seiner Haltung für die Palästinenser machte und sich gerne auf Diskussionen über den Nahen Osten einliess. „Er sagte offen, dass er Juden hasse“, erzählte ein ehemaliger Mitschüler der Zeitung „Ekstrabladet“. El-Hussein war meist nur mit anderen muslimischen Jugendlichen zusammen und mied Klassenfeste. In seiner Freizeit war er ein begeisterter und guter Thaiboxer, verkehrte aber auch in anderen Kreisen: Ehemalige Bekannte berichten von hohem Haschkonsum und Kontakten zu kriminellen Banden, die seit Jahren durch Drogenhandel und Gewalt die von vielen Ausländern bewohnten, ärmeren Quartiere im Westen Kopenhagens belasten. El-Hussein wurde mehrfach wegen Waffen- und Drogenbesitz sowie Gewaltanwendung festgenommen.

Der Attentäter war ein talentierter Boxer.

Der Attentäter war ein talentierter Boxer.

youtube.com

Der Terrorismus-Experte Markus Ranstorp erklärte, dass die Terrorattacken vom Wochenende von einer ähnlichen Kaltblütigkeit wie jene in Paris im Januar zeugten: „Der Täter war geübt mit Waffen und liess sich auch von schiessenden Polizisten nicht stoppen.“ Dies könne auf Training hindeuten. Wenn Bandenkriminalität und radikalislamistische Ideologie zusammenkämen, enstehe ein sehr gefährlicher Mix, sagte Ranstorp.

Die dänische Regierungschefin Helle Thoring-Schmidt lobte am Montag erneut die Arbeit von Polizei und Geheimdienst. Diese hätten ein weit schlimmeres Blutbad verhindert. Sie sprach von einem Terrorangriff auf die dänische Nation und die jüdische Minderheit im Land. Gleichzeitig warnte sie vor Stimmungsmache gegen Muslime: „Dies ist kein Konflikt zwischen dem Islam und dem Westen“, sagt Thoring, „es ist ein Konflikt zwischen den Grundwerten unserer Gesellschaft und Extremismus.“

Blumen für den Terroristen?

Vor dem Hausaufgang, wo am Sonntag um 5 Uhr Polizisten den mutmasslichen Terroristen und Doppelmörder von Kopenhagen erschossen, wurden am Montag Blumen niedergelegt. Nicht einzelne, sondern viele kleine Sträussen. Einer Reporterin des Senders TV2 erklärte eine Frau, sie habe den Getöteten aus dem Quartier gekannt: „Es ist nicht sicher, dass er der Täter war“, sagte sie. Und wenn, dann sei der 22-Jährige „manipuliert worden“, diese Tat habe nichts mit Islam zu tun. Verschiedene Politiker äusserten sich entsetzt über die Blumen: „Respektlos und unmenschlich“, sagt der Chef der Konservativen. Am Abend tauchte laut TV2 plötzlich eine Gruppe Jugendlicher in Kapuzenpullis auf und entfernte die Blumen. Sie nannten sich „Brüder“ des Getöteten und erklärten, Blumen zu legen sei keine muslimische Tradition. Stattdessen legten sie einen Zettel hin mit dem Text: „Allah möge dir gnädig sein. Ruhe in Frieden“. Sie riefen „Gott ist gross“ und verschwanden ohne weitere Kommentare. Die zahlreich anwesenden Polizisten liessen die jungen Männer gewähren. (nan., Kopenhagen)