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«Mesut, wir sind stolz auf dich»

In der Türkei wird der Rücktritt von Mesut Özil aus der deutschen Fussball-Nationalmannschaft und die Diskussion um den 29-Jährigen als Rückschlag für die Integration von Türken in der Bundesrepublik Deutschland gesehen.
Susanne Güsten, Istanbul
Das Bild, das alles ins Rollen brachte: Mesut Özil trifft den türkischen Autokraten Erdogan in London. (Bild: AP; 13. Mai 2018)

Das Bild, das alles ins Rollen brachte: Mesut Özil trifft den türkischen Autokraten Erdogan in London. (Bild: AP; 13. Mai 2018)

Mesut Özil habe mit seiner Kritik an der Haltung deutscher Politiker und Verbandsfunktionäre «meiner und seiner Generation aus der Seele gesprochen», sagte der in Deutschland aufgewachsene türkische Parlamentsabgeordnete Mustafa Yeneroglu gestern gegenüber unserer Zeitung in Istanbul. «Trotz 92 Länderspielen immer noch Bürger auf Bewährung? Das geht natürlich nicht», sagte er. Auch der ehemalige SPD-Europaabgeordnete Ozan Ceyhun kritisierte die Attacken auf Özil in der Bundesrepublik: «Die Integration hat verloren.» Vertreter der türkischen Regierung lobten Özil für seinen Rücktritt aus dem deutschen Team.

Dabei war Özil in der Vergangenheit in der Türkei wegen seiner Entscheidung für die deutsche Nationalmannschaft angefeindet worden. Bei deutschen Länderspielen gegen die Türkei wurde er von türkischen Fans mitunter ausgepfiffen.

«Es geht nicht um Erdogan»

Zuletzt aber hätten viele Türken bei der WM in Russland wegen Özil den Deutschen die Daumen gedrückt, so Ceyhun. «Özil war ein tolles Vorbild» für Türken in Deutschland, sagte er. «Er war der Beweis, dass man etwas werden kann und anerkannt wird – doch man sieht, es ist nicht so einfach», fügte Ceyhun hinzu. «Jetzt haben wir dieses Vorbild verloren.» Yeneroglu, Parlamentsabgeordneter für Erdogans Partei AKP, warf deutschen Politikern vor, ihre Reaktionen auf den türkischen Staatspräsidenten zu verkürzen. «Bei der Diskussion geht es aber nicht um Erdogan», betonte Yeneroglu. «Es geht um Bevormundung, es geht darum, dass man den Migranten das einseitige deutsche Bild von Erdogan aufzwingen will und solchen, die nicht spuren, den Weg zum Ausgang weist.»

Nach dem Rücktritt komme es nun sehr auf die Haltung des Deutschen Fussballbundes (DFB) an, fügte Yeneroglu hinzu. Özil hatte DFB-Präsident Reinhard Grindel vorgeworfen, ihn zum «Sündenbock» gemacht zu haben. Grindel und seine Unterstützer würden ihn nur dann als Deutschen anerkennen, wenn er Erfolg habe: «Aber ich bin ein Einwanderer, wenn wir verlieren», kritisierte Özil. «Sollte der Verband auf die Vorhaltungen nicht eingehen und sich stur zeigen, wozu Präsident Grindels politische Laufbahn gut passen würde, bedeutete dies eine klare Ausgrenzung von Menschen, die ihre pluralistische Identität auch leben», sagte Yeneroglu dazu. «So werden sich gerade türkische Jugendliche in Deutschland in Zukunft gut überlegen, ob sie das Trikot mit Schwarz-Rot-Gold überstreifen oder Halbmond tragen.» In der Türkei seien Spieler wie Özil «ohne Wenn und Aber willkommen». Respekt gehöre in der Türkei zur guten Erziehung, «vor welchem Staatsoberhaupt auch immer».

Unterstützung von Regierung und Medien

Medien und Regierungsvertreter signalisierten Unterstützung für den Arsenal-Profi. «Mesut, wir sind stolz auf dich» titelte die Zeitung «Türkiye» in deutscher Sprache. Der türkische Sportminister Mehmet Kasapoglu schrieb auf Twitter, er unterstütze Özils «ehrenhafte Haltung» von ganzem Herzen; Kasapoglu nannte Özil einen «Bruder». Justizminister Abdulhamit Gül beschrieb den Rücktritt des Nationalspielers als «schönstes Tor gegen den Virus des Faschismus». Erdogans Sprecher Ibrahim Kalin twitterte, Özil habe eine «völlig vernünftige ­Erklärung» für sein Treffen mit dem türkischen Staatschef geliefert.

Besonders Özils Aussage, dass er nach wie vor zu dem umstrittenen Erdogan-Foto steht, wurde ihm von türkischen Medien hoch angerechnet. Damit treffen sich gewissermassen rechtspopulistische Kritiker Özils in Deutschland mit türkischen Rechtspopulisten – beide Seiten sind überzeugt: einmal Türke, immer Türke. Özil stehe zwischen den Nationalisten beider Länder, kommentierte die linke Tageszeitung «Evrensel».

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