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#MeToo erreicht China

Junge chinesische Frauen kämpfen in China gegen sexuelle Belästigung. Erst hat die Regierung den Protest unterstützt. Nun versuchen Zensoren, die Bewegung zu stoppen.
Felix Lee, Peking
Ein Klassenzimmer an der Beihang-Universität in Peking. Studentinnen werfen einem Hochschullehrer dieser Schule sexuelle Belästigung vor. Bild: Wang Zhao/AFP (17. Januar 2018)

Ein Klassenzimmer an der Beihang-Universität in Peking. Studentinnen werfen einem Hochschullehrer dieser Schule sexuelle Belästigung vor. Bild: Wang Zhao/AFP (17. Januar 2018)

Die meisten Chinesen dachten, in ihrem Land seien sexuelle Übergriffe ein sehr viel geringeres Problem. Schliesslich gehe es in China weniger sexualisiert zu als etwa in vielen westlichen Ländern. Und eine Macho-Kultur habe die Volksrepublik schliesslich auch nicht. Umso überraschter sind viele Chinesen, dass nun #MeToo auch in ihrem Land hohe Wellen schlägt.

Das chinesische Pendant #WoYeShi hatte in den sozialen Netzwerken zwischenzeitlich mehrere hundert Millionen Anhängerinnen. Nun haben sich innerhalb weniger Tage gleich mehrere Dutzend Frauen mit Belästigungs- oder sogar Vergewaltigungsvorwürfen gegen Chefs, Kollegen oder auch Prominente an die Öffentlichkeit gewandt.

Für am meisten Aufsehen sorgt derzeit der Fall des berühmten Pekinger Geistlichen Xuecheng. Ehemalige Mönche beschuldigen den Abt des berühmten Pekinger Longquan-Klosters und Vorsitzenden der Buddhistischen Vereinigungen Chinas, obszöne Nachrichten an mindestens sechs Nonnen geschickt zu haben, in denen er sie unter anderem dazu drängte, Geschlechtsverkehr mit ihm zu haben. Er soll behauptet haben, der Sex sei Teil ihrer buddhistischen Lehre. Vier der Frauen hätten sich darauf eingelassen.

Ebenfalls für grosse Empörung sorgt zudem der Fall des prominenten Journalisten Zhang Wen. Eine Kollegin wirft ihm vor, sie sexuell belästigt zu haben. Zhang Wen hingegen rechtfertigt sich, alles sei im gegenseitigen Einverständnis geschehen. «Sich zu küssen und zu umarmen», sei doch ganz normal in der Branche. Sechs weitere Frauen haben jedoch ähnliche Vorwürfe erhoben.

Wochenlange Proteste an Unis

Den Anfang der chinesischen #MeToo-Bewegung machte der Fall des Pekinger Hochschullehrers Chen Xiaowu. Er war in akademischen Kreisen ein angesehener Hochschullehrer an der renommierten Pekinger Beihang Universität. Sechs ehemalige Studentinnen warfen ihm vor, sie über mehrere Jahre hinweg regelmässig sexuell belästigt zu haben. Eine seiner ehemaligen Doktorandinnen veröffentlichte ihre Anschuldigung auf dem chinesischen Kurznachrichtendienst Weibo und versah die Nachricht mit #MeToo. Ihr Eintrag ging in China viral.

Nach wochenlangen Protesten an landesweit mehr als 40 Universitäten entliess die Unileitung ihn und entzog ihm auch die Lehrerlaubnis. Das Bildungsministerium kündigte an, Mechanismen gegen sexuelle Belästigung auf Universitätsgeländen einzuführen. Man habe «null Toleranz» gegenüber sexuellem Fehlverhalten, hiess es. Die Massnahmen sollten sich vor allem gegen Professoren und andere höhergestellte Bedienstete an den Hochschulen richten. Doch wirklich viel ist seitdem nicht passiert.

Im Gegenteil: Der ehemalige Hochschullehrer gab sich zunächst selbstbewusst. Ihm müsse erst einmal Fehlverhalten nachgewiesen werden. Chen setzte offenbar darauf, dass die Frauen nicht bereit sein würden, Details preiszugeben.

Es kommt nur selten zu Anzeigen

Eine bei sexuellen Vorfällen in China häufig anzutreffende Reaktion ist, dass die Opfer eigentlich selbst schuld seien. Noch immer ist diese Vorstellung weit verbreitet: Wer sexuell belästigt wird, muss dies entsprechend auch provoziert haben. Daher kommt es in China auch nur selten zu Anzeigen wegen sexueller Gewalt, geschweige denn zu Verurteilungen. «Die meisten Opfer trauen sich nicht», beklagt Wang Ming, eine der Mitiniatorinnen der Protestaufrufe.

Anders als in den USA haben sich allzu viele Prominente in China denn auch noch nicht geoutet. Und was ebenfalls auffällt: Frauen ab 30 beteiligen sich bisher kaum an dem Protest. Dass die ehemalige Doktorandin sich traute, sei ihren eigenen Aussagen zufolge dem geschuldet, dass sie schon seit einigen Jahren in den USA lebt. In ihrem Umfeld betrachte sie das Thema weniger als Tabu. Getragen wird die Bewegung von vor allem jungen Frauen, welche um die 20 Jahre alt sind. Sie posten in den sozialen Netzwerken zu Millionen #WoYeShi und haben das Logo an ihren Profilfotos hängen. Sie sind es auch, die in den Einträgen eifrig über sexuelle Belästigung im Alltag diskutieren.

Hat die chinesische Führung diesen Protest anfangs gewähren lassen, scheint er ihr jedoch jetzt zu gross zu werden. Die Petition der Studenten von Anfang des Jahres war nach nur wenigen Wochen im chinesischen Internet nicht mehr zu finden. Neue #MeToo-Einträge in den sozialen Netzwerken sind oft nach nur wenigen Minuten bereits zensiert und gelöscht.

Die Aktivistinnen lassen sich nicht beirren. Ihr neues Hashtag, das inzwischen ebenfalls mehr als eine Million Mal weitergeleitet wurde, trägt die Schriftzeichen für Reis und Hase. Auf Chinesisch ausgesprochen ergibt das: MiTu.

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