MEXIKO: «Eher ein Todesurteil als ein Beruf»

Zwei Morde an Journalisten an einem einzigen Tag und sieben Tötungen seit dem Beginn des Jahres. Mexiko verwandelt sich in einen Journalistenfriedhof – und die Aufklärungsrate tendiert gegen null.

Sandra Weiss, Puebla
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Demonstranten tragen Porträts des ermordeten Journalisten Javier Valdez. (Bild:)

Demonstranten tragen Porträts des ermordeten Journalisten Javier Valdez. (Bild:)

Sandra Weiss, Puebla

Es war 19 Uhr, als die Mörder das Feuer auf das Auto eröffneten, in dem Jonathan Rodríguez und seine Mutter Sonia Córdova am Montag unterwegs waren. Der 26-jährige Reporter aus dem zentralmexikanischen Bundesstaat Jalisco starb sofort, seine Mutter, Vizedirektorin der Zeitung «El Costeño de Autlán», wurde schwerverletzt in ein Spital eingeliefert. Mehrfach hatte Rodríguez Morddrohungen erhalten, zweimal war er schon entführt worden. Sieben Stunden zuvor starb Javier Valdez im nordmexikanischen Culiacán. Schlag Mittag, vor dem Redaktionsgebäude der Zeitschrift «Riodoce», wo der 50-Jährige arbeitete. Der auf Drogenkriminalität spezialisierte Autor war gerade aus dem Parkplatz der Zeitung gefahren, als er von Kugeln durchsiebt wurde.

Zwei Journalistenmorde an einem Tag, sieben seit Anfang des Jahres, achtzehn in den vergangenen zwei Jahren. Mexiko hat sich in ein heisses Pflaster für Medienschaffende verwandelt. Nur in Kriegsgebieten wie Afghanistan und Syrien werden mehr Journalisten ermordet als in dem OECD-Mitgliedsland, so die Organisation Reporter ohne Grenzen. «Journalist in Mexiko ist eher ein Todesurteil als ein Beruf», bedauerte die Vertreterin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International in Mexiko, Tania Reneaum.

Besonders der Tod von Valdez, der auch für die französische Nachrichtenagentur AFP arbeitete, zahlreiche Preise gewonnen und Bücher verfasst hatte, löste einen Aufschrei der Empörung aus. Von der Nationalen Menschenrechtskommission, der Europäischen Union und Journalistenorganisationen wie Artikel 19 kamen einhellige Verurteilung und die Aufforderung an die Behörden, den Fall zügig aufzuklären. Der internationale Druck ­nötigte sogar Präsident Enrique Peña, der das Thema sonst gerne unter den Teppich kehrt, gleich drei Twitter-Antworten ab, in denen er die Tat verurteilte, die auf Journalistenmorde spezialisierte Staatsanwaltschaft (Feadle) zum Eingreifen aufforderte und sich zur Pressefreiheit bekannte.

Morde werden oft als zufällige Verbrechen taxiert

Der örtliche Staatsanwalt Juan José Ríos sagte in einem TV-Interview, er verfolge zwei Hypothesen, eine, dass der Mord mit ­Valdez’ journalistischer Arbeit in ­Zusammenhang stehe, und eine zweite, wonach man ihm sein Auto stehlen wollte. Für die Kollegen von «Riodoce» ist diese Version Hohn: «Sie taten so, als wollten sie Valdez’ Auto stehlen, aber zwölf zielgerichtete Schüsse aus zwei Waffen lassen keinen Zweifel, dass er das Ziel war. Es ist ein schwerer Schlag für uns, für seine Familie und für den Journalismus» schrieb das Blatt im Aufmacherkommentar diese Woche.

Strassenkriminalität ist bei den Ermittlungsbehörden ein gerne herangezogenes Erklärungsmuster. Schon bei der Ermordung der Journalistin Regina Martínez 2012 in Veracruz hatten die Ermittler verbreitet, sie habe sich mit drogenabhängigen Pennern eingelassen und sei im Streit ermordet worden. Ganz ähnlich lautete die Hypothese bei der Ermordung des Fotojournalisten Rubén Espinosa 2015. Er wurde zusammen mit vier Bekannten in deren Wohnung ermordet – angeblich, weil eine der Anwesenden dem Kartell Geld schuldete. Espinosa war zuvor nach Morddrohungen aus Veracruz geflohen.

«In Culiacán Journalismus zu machen, ist ein Balanceakt auf einer dünnen, unsichtbaren Linie, die von denjenigen definiert wird, die im Drogengeschäft sind oder die Kartelle politisch schützen», sagte Valdez, als er 2011 den Preis der Pressefreiheit des Komitees zum Schutz der Journalisten (CPJ) erhielt. «Als Journalist steht man auf einer schwarzen Liste. Und wenn sie den Daumen senken, bringen sie dich um, selbst wenn du ein gepanzertes Auto und Bodyguards hast», fügte er hinzu. Die Zeitschrift «Riodoce», deren Mitbegründer er war, gilt als eine der mutigsten in Nordmexiko, wo Kartelle in vielen Regionen ein Gesetz des Schweigens verhängt haben und sogar Blogger und Twitter-Aktivisten ermorden, die sich darüber hinwegsetzen.

Hälfte der Aggressionen stammt von Funktionären

Praktisch keiner der Journalistenmorde werde aufgeklärt und geahndet, bedauert CPJ in einem kürzlich veröffentlichten Bericht. «Journalisten sind gefangen im Spinnennetz aus Korruption und Straffreiheit, aus korrupten Regierungsfunktionären und ihren Alliierten im organisierten Verbrechen, denn beide haben kein Interesse an der Wahrheit», schreibt die Direktorin des Magazins «Zeta» aus Tijuana, Adela Navarro, im Vorwort zu dem Bericht.

Hinzu kommt die prekäre ­Bezahlung der mexikanischen Journalisten, vor allem in den Provinzen. Viele Medien dort sind ausserdem abhängig von Regierungsanzeigen. «Viele Politiker glauben, Journalisten hätten ihnen zu dienen», so Javier Garza, der Vizedirektor der Zeitung «El Siglo de Torreón». Mindestens die Hälfte aller Aggressionen gegen Journalisten geht nach Einschätzung der Organisation Artikel 19 auf das Konto von Regierungsfunktionären. Auf internationalen Druck hin hat die Regierung zwar einen Mechanismus zum Schutz bedrohter Journalisten eingerichtet, doch der ist Betroffenen zufolge ineffizient, langsam und bürokratisch.

Für die Täter geht die Rechnung oft auf. Einige Tage nachdem im März die Journalistin Miroslava Breach erschossen wurde – weil sie «zu geschwätzig» war, wie es in einem Bekennerbrief am Tatort hiess –, machte die Zeitung «El Norte», für die sie gearbeitet hatte, dicht . Es gäbe keine Garantien für unabhängigen Journalismus mehr, hiess es im Abschiedsbrief an die Leser. Auf der Website zählen die Kollegen nun die Tage, die seit dem ungeahndeten Mord verstrichen sind.