MEXIKO: Jetzt nur nichts wie weg, bevor die Mauer kommt

US-Präsident Donald Trump meint es ernst. Er will die Mauer bauen. Unter den Flüchtlingen in Mexiko macht sich Panik breit. Sie haben es jetzt noch eiliger. Die Reportage vom Grenzgebiet.

Cederic Rehman/Mexiko
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Beschwerliche Reise: Migranten klettern im Norden Mexikos auf einen Güterzug. (Bild: Keystone (Arriaga, 16. Juli 2014))

Beschwerliche Reise: Migranten klettern im Norden Mexikos auf einen Güterzug. (Bild: Keystone (Arriaga, 16. Juli 2014))

Cederic Rehman/Mexiko

Heute ist ein schlechter Tag für die Kojoten. Auf den Wagen des Güterzuges, der in Arizpe, einem kleinen Ort im Norden Mexikos ankommt, kauern nur ein paar Gestalten. Es ist für die Menschenschmuggler offensichtlich, dass sie kein Geld für den weiteren Transit in die USA haben. Die ersten Kojoten drücken ihre Zigaretten aus und steigen wieder in ihre Autos. Die Flüchtlinge dagegen wollen möglichst schnell nach Saltillo, der nächst grösseren Stadt in 20 Kilometern Entfernung. Hier gelang es der Armee vor vier Jahren, die Kämpfer der Los Zetas, des grausamsten Kartells Mexikos, zu vertreiben.

In Saltillo betreibt Padre Pedro Pantoja eine Flüchtlingsunterkunft. Er atmet auf, als er hört, dass an diesem Tag weniger Flüchtlinge angekommen sind. Seine «Casa de Migrantes» platzt ohnehin schon aus allen Nähten. «Alle wollen noch rüber über die Grenze, bevor Trump seine Mauer baut», sagt er. Nuevo Laredo, der nächstgelegene Grenzort, bedeute jedoch bereits heute das Ende aller Fluchtversuche. Auf der amerikanischen Seite würden Drohnen über der Wüste fliegen und es gebe Sensoren im Boden, die Wärme registrieren.

Trumps Drohungen zeigen Wirkung

Auf die Frage, wie es in den kommenden Wochen und Monaten weitergeht an der Grenze zu den USA, weicht der Padre zuerst aus: «Ich bin ein religiöser Mann. Ich trage meine Sorgen zu Gott.» Dann spricht er von einem Krieg, den der neue US-Präsident Mexiko erklärt habe. Trump wolle zunächst 10 000 kriminelle Mexikaner ausweisen. Dann wolle er mit Massendeportationen der Illegalen beginnen. «Wenn er ernst macht, landen bei uns demnächst Millionen Menschen. Wie sollen wir die versorgen?», fragt er.

Auch wirtschaftlich geht es bergab. Trumps Drohungen gegen Firmen, die in Mexiko investieren, zeigen Wirkung: Die mexikanische Wirtschaft ist seit dem Wahlsieg Trumps in die Knie gegangen. Zu allem Unglück trifft der niedrige Ölpreis den staatlichen Mineralölkonzern Pemex.

Israel Martinéz (Name geändert) streckt den Arm, als Pantoja seine Schützlinge vor dem Mittagessen bittet, einer möge seine Geschichte erzählen. Damit der Fremde verstehe, dass es sich bei den «Migranten» aus Zentralamerika um Flüchtlinge handelt, die um ihre vom Völkerrecht verbrieften Rechte betrogen werden. Der 21-Jährige erzählt vom Krieg in Mittelamerika, der allein in Mexiko seit 2006 laut Schätzungen bereits 185 000 Tote gefordert hat. Noch mehr sind es in den Nachbarländern wie Honduras, von wo Martinéz stammt. «Die Maras haben mich vertrieben», sagt er und meint damit die Mitglieder einer kriminellen Jugendbande, die in Mittelamerika ihr Unwesen treibt.

Martinéz war bei der Arbeit, als seine Mutter anrief und ihm mitteilte, dass die Maras seinen Bruder erschossen haben. «Und jetzt wollen sie dich!», schreit sie ins Telefon. Israel Martinéz nimmt noch am gleichen Tag den Bus nach Guatemala. Warum die Maras seinen Bruder getötet haben und nun auch ihn ermorden wollen? Die Frage habe er sich gar nicht erst gestellt, sagt er. Die Banden würden wahllos Familien auslöschen. Die Polizei hat in vielen Regionen von Honduras, Guatemala oder El Salvador entweder kapituliert oder ist zum Handlanger der Banden geworden. Jetzt ist Israel Martinéz in Mexiko angekommen. «Ich bin hierher gekommen, um zu überleben», sagt er. Dass er es bis Saltillo geschafft hat, gleicht einem Wunder. Der 21-Jährige hat gesehen, wie Flüchtlinge unter die Räder der Züge gekommen sind. Und irgendwann kamen dann auch noch die Zetas, um ihren Tribut zu verlangen. Den Zetas ist es in Kämpfen mit anderen Kartellen gelungen, die Flüchtlingsroute zu dominieren. Wer nicht zahlt, der stirbt und wird in einem Massengrab verscharrt.

Es ist nachts, als die Zetas anrücken. Die Kämpfer feuern auf Flüchtlinge, die sich auf den Dächern der Eisenbahnwagen befinden. Unzählige stürzen auf den Boden, wo die Soldaten des Kartells mit Messern auf sie einstechen. Martinéz fällt zwischen zwei Wagen und stellt sich tot. Als der Zug verschwindet, bemerkt er, dass er sich beim Sturz verletzt hat. Er schleppt sich zur nächsten Kirche. Kaum ist seine Wunde geheilt, steigt Martinéz auf den nächsten Zug. Er weiss, dass er sich in einer Sackgasse befindet. Geld, um die Zetas zu bezahlen, damit er nach Amerika flüchten kann, hat er nicht. Auch sein Bruder nicht, der in New York lebt.

Es droht eine Gewaltspirale

Alberto Najjar ist Reporter bei der britischen BBC. Sein Büro ist in Mexiko-Stadt. Aber oft ist er im Norden des Landes unterwegs, der heissen Zone, in der der Krieg der Kartelle auf die Tragödie der Flüchtlinge trifft. Auf seinem Tisch liegt die Zeitschrift «Proceso». Auf dem Titelblatt steht unter dem Konterfei von Donald Trump: «Der Krieg, der kommt». Najjar stimmt dem zu. Er meint damit nicht, dass amerikanische Truppen in Mexiko-Stadt landen werden. Er fürchtet aber, dass Donald Trump Mexiko und seine Nachbarländer in eine Spirale der Gewalt stürzen wird. Neben den Deportationen sieht Najjar ausbleibende Zahlungen von abgeschobenen Migranten an ihre Familien in den Heimatländern als Gefahr. «Mexiko kann das noch verkraften. Unseren Nachbarn im Süden brechen die USA damit das Genick», sagt er.

«Nutzniesser von Trumps Politik werden die Kartelle sein, die am Menschenschmuggel immer mehr verdienen», sagt Najjar. «Die Flüchtlinge werden zu einer alternativen Einnahmequelle, jetzt, wo in Teilen der USA weiche Drogen legalisiert worden sind», sagt er. Diana Irtíz ist eine von Unzähligen, die unter den Folgen leiden. Vor sieben Jahren verschwand ihr Sohn. Die Mutter hat sich mit anderen zusammengetan, denen das gleich Schicksal widerfahren ist. Sie sind Teil eines Netzwerks, das sich zum Ziel gesetzt hat, Verschwundene aufzuspüren. Vor fünf Jahren war eine Delegation von Frauen aus Guatemala nach Saltillo gereist, um den Behörden persönliche Gegenstände zu übergeben, auf denen sich DNA-Spuren befinden könnten. Die Polizei interessierte sich nicht dafür. «Das Schlimmste ist, dass unser Land für die Menschen aus unseren Nachbarländern zu einem Grab geworden ist. Aber es gibt nicht einmal Grabsteine», sagt Irtíz.

Vielleicht endet die Reise in Patrocinio, rund 260 Kilometer von Saltillo entfernt. Hier befindet sich ein Massengrab. Sylvia Elida Ortíz kniet auf dem Boden und gräbt Knochensplitter aus. Die oberste Erdkrume ist vor Trockenheit gerissen. Wenige Zentimeter darunter ist der Wüstensand feucht und fühlt sich seifig an vom menschlichen Fett. «Sie haben die Menschen erst mit Macheten zerhackt. Dann haben sie sie in Fässer gesteckt und Diesel reingeschüttet. Wenn das brennt, wird es so heiss, dass die Knochen nach ein paar Stunden zerplatzen. Dann haben sie das Ganze ausgekippt und mit neuen Leichen weitergemacht. Wir nennen das Leichenkochen», erklärt sie. Die Mexikanerin schildert sachlich, was vielleicht ihrer eigenen Tochter zugestossen ist. Sie verschwand zu Beginn des Drogenkriegs. Der Blick schweift in die Ferne. Jenseits der staubigen Ebene soll also ein Grenzwall entstehen. Manche würden sagen, dass es eine Mauer für den Friedhof Mexiko ist.