Mietbare Strandplätze und Cheeseburger im Gourmet-Restaurant: So versucht Europa, den Sommer zu retten

Nach und nach fallen die Coronaregeln. Strandurlaub am Atlantik, Badeferien am Mittelmeer oder ein Städtetrip nach Skandinavien. Mit den Sommerferien im Ausland kann es vielleicht doch noch etwas werden. Die CH-Media-Korrespondenten haben an beliebten Touristenorten nachgesehen, wie weit diese mit den Vorbereitungen schon sind.

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In diese Länder dürfen Schweizer im Sommer wieder reisen

Frankreich organisiert das Strandleben neu – Stefan Brändle berichtet aus Deauville

Deauvilles Kapital ist der Sand. Bei Ebbe ist der Strand des normannischen Küstenstädtchens so weit und breit, dass man das Wellenbrechen von der Promenade aus nicht einmal hört. Jetzt ist das Bade- und Flanier-Paradies aber zu. «Schade», meint Julie, eine junge Frau aus der Nachbarschaft. «Bei diesem sommerlichen Wetter würde man gerne barfuss durch den warmen Sand laufen. Wie früher.»

Der Strand ist noch geschlossen. Einige Besucher gibt es auf dem Steg in Deauville trotzdem.

Der Strand ist noch geschlossen. Einige Besucher gibt es auf dem Steg in Deauville trotzdem.

Bild: Stefan Brändle

Bloss ist nichts mehr wie früher. Sogar auf dem Holzsteg entlang der weiten Sandfläche ist das Flanieren reglementiert. Rotweisse aus dem Strassenverkehr gelten hier für die Menschen: Spaziert wird dem Strand entlang einzig in Ostwestrichtung, die Rückkehr geht über den Parkplatz.

An einem Wochenende sind die berühmten Holzplanken von Deauville eigentlich voll. Genau wie die Umkleidekabinen, die Namen von Hollywoodstars tragen. Im Frühherbst, während des «Festivals des amerikanischen Films», tummeln sich hier Kinostars, 2019 waren Kristen Stewart, Pierce Brosnan und Johnny Depp hier.

Die nächste Ausgabe des Festivals im September bleibt programmiert. «Ich glaube aber nicht, dass uns viele Amerikaner die Aufwartung machen werden», seufzt Philippe Augier, der Vorsteher des Normandie-Bades. «Auch Besucher aus Japan und dem Mittleren Osten haben ihre Reservation schon annulliert. Es ist ein Desaster.»

Stefan Brändle.

Stefan Brändle.

Bild: pd

Wenn der seit bald zwanzig Jahren amtierende Stadtpräsident in den letzten Wochen durch seine menschenleere, totenstille Stadt wanderte, fühlte er sich seinen eigenen Worten zufolge in einem schlechten Science-Fiction-Film. Jetzt gibt der Ort langsam wieder Lebenszeichen von sich. Die Läden sind kürzlich wieder aufgegangen; kleinere Hotels beherbergen wieder ein paar Gäste – unter Einhaltung strengster Hygienevorschriften.

Ein Mann sonnt sich in Deauville.

Ein Mann sonnt sich in Deauville.

Bild: Keystone

Die Restaurants sollen auch bald wieder aufgehen. Einzelne Wirte, wie Yann France vom eleganten Lokal «La Flambée», liefern derzeit Fertiggerichte in die Ferienwohnungen, «um wenigstens das Gefühl von Arbeit zu behalten», wie er sagt. «Das hebt ein wenig die Moral.» Die Hauslieferung kommt allerdings bloss auf fünf Prozent des früheren Umsatzes, schätzt France, zugleich Vorsteher der regionalen Hotel- und Restaurantvereinigung UMIH. «Dreissig Prozent der Betriebe werden nicht mehr öffnen können», schätzt er. «Sie sind in den letzten zwei Monaten schlicht pleite gegangen. Das ist eine Katastrophe für unsere Branche.»

Bürgermeister Augier mobilisiert derzeit seine 3600 Einwohner, die zu 85 Prozent vom Tourismus leben. Deauville soll umsatteln: Da Massenveranstaltungen wie Kongresse, Festivals oder das im Pferdesport bekannte Jährling-Treffen von Deauville noch längere Zeit unmöglich sein werden, will der exklusive Küstenort nun schlichtere Familien- und Badeferien promovieren. «Wir wollen auf das Wohlbefinden der Gäste setzen. Und auf ihre Sicherheit in jeder Beziehung.»

Deshalb plant Augier in Absprache mit allen Beteiligten, das Strandleben neu aufzuziehen. Deauville soll ähnlich vorgehen wie die südlichen Grossbadeorte Cannes oder La Grande-Motte: Die Strände werden in Abschnitte unterteilt. Wer ein Sonnenbad nehmen will, wird in Zukunft online einen zeitlich befristeten und abgeschotteten Platz reservieren. Für ein Paar gibt es neun Quadratmeter, für vier Personen 16 Quadratmeter. Andere Abschnitte sind für Familien mit Kindern reserviert, zum Spazieren oder für den Sport (Surf, Paddeln, Fischen). Überall soll das Einbahn-Prinzip gelten: Ankommende gelangen auf einer Strandschneise zu ihrem «Viereck», Weggehende verlassen es auf einer anderen.

Und das Freiheitsgefühl am weiten Strand? Augier meint, solche Trennregeln gebe es seit langem, und nicht nur an Privatstränden. Nicht in Deauville, wo die immense Sandfläche auch in der Hochsaison nie überfüllt wirkte. Dort ziehen nun neue Sitten ein. Und vielleicht bald auch an allen Badeorten der über 5000 Kilometer langen Mittelmeer-, Atlantik- und Kanalküsten Frankreichs.

«Alles wird gut» in Griechenland – Gerd Höhler berichtet aus Athen

Auch an den Mittelmeerküsten ist nichts mehr, wie es war. Das spürt Stelios in diesen Tagen deutlich. «Am Montag muss alles fertig sein», sagt er. Nur kurz ruht der Tavernenwirt aus, im Schatten einer der knorrigen Olivenbäume, die sein Lokal säumen. «Aperanto Galazio», «Grenzenloses Blau», heisst die Taverne am Strand des Saronischen Golfs, eine halbe Autostunde von Athen entfernt.

Gerd Höhler.

Gerd Höhler.

Bild: pd

Passender könnte der Name nicht sein: Die Tische stehen im Sand, am Horizont fliessen das Blau des Meeres und des Himmels ineinander. Blau sind auch die Stühle, die Stelios jetzt frisch streicht. «Wir müssen versuchen, aus der halb verlorenen Saison das Beste zu machen», sagt er. Am Montag öffnen nach mehr als zehnwöchiger Zwangspause wieder die Gaststätten in Griechenland. Am 15. Juni werden internationale Flüge nach Athen, ab 1. Juli auch zu den anderen griechischen Flughäfen wieder aufgenommen. Gäste aus Staaten mit hohem Coronarisiko dürfen allerdings vorerst nicht einreisen. Welche Länder das sind und ob auch die Schweiz dazugehört, ist noch unklar.

Ein Restaurant mit Blick auf die Akropolis in Athen.

Ein Restaurant mit Blick auf die Akropolis in Athen.

Bild: Keystone

Griechenland selbst kann mit den niedrigsten Coronazahlen aller europäischen Mittelmeerländer punkten. Für kein anderes europäisches Land, Zypern ausgenommen, spielt der Tourismus wirtschaftlich eine so grosse Rolle. Er steuert 21 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei, jeder fünfte Job hängt am Fremdenverkehr. Der Staat stützt die angeschlagene Branche mit Steuererleichterungen und Lohnsubventionen. Zwei von drei Hoteliers, so eine Umfrage, fürchten dennoch, dass Corona sie in die Pleite treibt.

Tavernenwirt Stelios ist dennoch zuversichtlich: «Wo gibt es das sonst», sagt er und zeigt auf das glitzernde Meer vor seinem Lokal. «Diese Saison ist zwar anders», meint er. «Aber alles wird gut!»

Entspannen im Schichtbetrieb in Spanien – Ralph Schulze berichtet aus Madrid

Online-Buchung für den Strandabschnitt – das gibt es nun auch auf Mallorca. Das Ferienparadies, wo es nur noch sehr wenige neue Coronafälle gibt, will Spaniens Versuchslabor für den Neustart des Tourismus sein. An den Stränden der Baleareninsel laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. In den Urlaubshochburgen Playa de Palma, Calviá und Alcúdia säubern Arbeiter den Sand. Sie stellen Sonnenschirme und Liegen auf – mit grösserem Abstand als üblich.

Abstand halten! An den Stränden Europas wie hier in der Nähe der spanischen Stadt Valencia, gelten in diesem Sommer besondere Regeln.

Abstand halten! An den Stränden Europas wie hier in der Nähe der spanischen Stadt Valencia, gelten in diesem Sommer besondere Regeln.

Bild: epa/Juan Carlos Cardenas

Am Montag läuft der Badebetrieb wieder an. Zunächst profitieren davon nur die Insulaner. Aber schon in der zweiten Junihälfte könnten Touristen vom spanischen Festland kommen, hofft Francina Armengol, Regierungschefin der Balearenregion. Und vielleicht auch die ersten ausländischen Gäste – soweit bis dahin die Grenzen geöffnet sind und die bisherige Quarantänepflicht für Einreisende beendet ist.

Zunächst ist an einen Probelauf mit begrenzter Touristenzahl gedacht, um zu testen, ob die Coronamassnahmen funktionieren: Auf den Airports wird es Fieberkontrollen und in den Hotels strenge Hygieneregeln geben. Wenn alles gut gehe, sagt Armengol, könne man den internationalen Tourismus ab Juli schrittweise hochfahren.

Ralph Schulze.

Ralph Schulze.

Bild: pd

In den Rathäusern wird derweil an Strategien gearbeitet, um auch am Strand die Sicherheit zu garantieren. Die maximale Personenzahl soll auf 30-50 Prozent des Üblichen begrenzt werden – mit Online-Reservierungen und mit einem Schichtbetrieb, in dem die Badegäste zwischen Vormittag oder Nachmittag wählen können. Auch wird die Distanz zwischen Liegebereich und Wasserkante vergrössert, um Kollisionen zwischen Spaziergängern und Badegästen zu vermeiden. Eines ist also sicher: Überfüllte Strände wird es diesem Sommer auf Mallorca nicht geben.

Gourmettempel grillieren jetzt Cheeseburger in Skandinavien –Niels Anner berichtet aus Kopenhagen

Beliebte Alternative zu Ferien am Strand ist ein Trip in den Norden. In der dänischen Metropole Kopenhagen bemüht sich die Gastronomie mit Sonderangeboten um Touristen. Das weltberühmte Noma verkauft neu an einer Bar Cheeseburger für 18 Franken, dazu Weine aus dem edlen Weinkeller. Normalerweise ist hier eine Reservation Monate im Voraus nötig, jetzt geht es ganz ohne. Ähnliches bietet das Spitzenrestaurant Amass mit gegrillten Geflügel-Häppchen. Auch das Michelin-Restaurant AOC hat die Preise reduziert.

Generell haben Restaurants draussen mehr Platz, sie dürfen Trottoirs und Parkplätze mit Tischen besetzen. Die Stadt will zudem im historischen Hafen weitere Badezonen einrichten. Museen und Zoos können bereits öffnen, Vergnügungsparks folgen demnächst. Der bekannte Tivoli bereitet ein Online-Buchungssystem vor, Take-away-Essen und Coronaschutz wie Plexiglas – Mundschutz wie etwa im deutschen Europapark ist aber in Dänemark kein Thema.

Eine Brücke im alten Hafen von Kopenhagen.

Eine Brücke im alten Hafen von Kopenhagen.

Bild: Keystone

Wie in der dänischen locken auch in der schwedischen Hauptstadt viele Hotels mit vergünstigten Preisen. In Stockholm sind die meisten Museen mit Einlassrestriktionen offen. Die Stadt propagiert ihre Naherholungsgebiete auf den 30000 Schäreninseln, Bootsfahrten gibt es ab 5. Juni, Kanutouren bereits jetzt. Zudem sind in Schweden Bäder und Wellness-Angebote offen.

Niels Anner.

Niels Anner.

Bild: pd

Die Einreise nach Schweden ist bereits möglich, wobei die Regierung aber von nicht notwendigen Reisen bis 15. Juli dringend abrät. Die deutsch-dänische Grenze soll spätestens am 15. Juni aufgehen; noch ist unklar, ob für alle Reisenden und ob weiterhin mit der Aufforderung zu Quarantäne. Norwegen dagegen sagt im Moment noch, die Grenzen blieben bis August zu.

In Dänemark wird diskutiert, ob Touristen mit einem Mietvertrag für eines der zehntausenden Ferienhäuser Priorität geniessen könnten. Die meisten Ferienhäuser liegen in Küstennähe; für die langen Naturstrände gibt es – ausser Regeln bezüglich Abstand und Versammlungen – keine Einschränkungen. Plexiglaswände wird es dort also keine geben.

Baden ist auch in Island angesagt. Die öffentlichen Thermalbäder sind wieder offen, da die Insel trotz hoher Testaktivität keine Covid-19-Fälle mehr findet. Die berühmte «Blaue Lagune» soll am 15. Juni öffnen, dem Datum der Grenzöffnung. Wer einreisen will, muss einen Coronatest vorweisen, sich am Flughafen testen lassen oder zwei Wochen in Quarantäne gehen.

Island dürstet förmlich nach Touristen; entsprechend dürften einige Sonderangebote winken. Das kulturelle und gastronomische Leben sollte in den nächsten Tagen stark normalisiert werden. So sollen bald Versammlungen bis 200 Personen erlaubt werden – allerdings natürlich mit Abstand.

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