Myanmar
Militär holte ihre Verwandten – heute lebt die Neurochirurgin in Solothurn und kämpft für ihr Volk

Anita Schug flüchtete aus Myanmar. Heute lebt die Neurochirurgin in Solothurn und vertritt ihr Volk vor dem UNO-Menschenrechtsrat.

Leo Eiholzer
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Anita Schug kämpft für die Rohingya, die brutal verfolgt werden.Severin Bigler

Anita Schug kämpft für die Rohingya, die brutal verfolgt werden.Severin Bigler

SEVERIN BIGLER

Wenn Anita Schug in ihrem neuen Zuhause, einem kleinen Dorf im Kanton Solothurn, erzählt, wie ihre Verwandten vom Militär abgeholt werden und dann für immer verschwunden bleiben, traut man seinen Ohren nicht. Hat sie das gerade wirklich gesagt? Schug erzählt von der brutalen Verfolgung ihres eigenen Volkes: den Rohingya. Die muslimische Minderheit in Myanmar ist seit mehr als fünfzig Jahren permanent staatlicher Hatz ausgesetzt. Die UNO spricht von einem «Musterbeispiel für ethnische Säuberung».

Fast 90 Prozent der Rohinyga sind Analphabeten. Sie dürfen nicht einmal eine Grundschule besuchen. Schug ist alles andere als eine Analphabetin. Die 37-Jährige ist Neurochirurgin und spricht acht Sprachen, von Burmesisch über Arabisch und Ukrainisch bis Deutsch.

Flucht um Mitternacht

Schugs Weg, der sie dreissig Jahre später in die Schweiz führen sollte, begann eines Nachts in ihrem Heimatdorf an der myanmarischen Grenze zu Bangladesch. Sie war da gerade fünf Jahre alt, erinnert sie sich. Um Mitternacht brechen sie auf. Die kleine Anita, ihre zwei Schwestern und die Mutter. Niemand in ihrem Heimatdorf weiss vom Plan. Nur ein kurzer Fussmarsch trennt sie vom gigantischen Grenzfluss. Die Familie steigt in ein kleines Fischerboot. Unterwegs muss der Schlepper mehrmals die Grenzpolizei bestechen. Damals und heute üblich: Soldaten der Grenzwacht heben kleine Flüchtlingskinder an den Beinen aus den Booten und schlagen sie mit dem Kopf so lange mit voller Wucht gegen einen Baum, bis sie tot sind. Anita hat Glück. Sie bleibt unbehelligt. Aber kurz vor der Grenze, da sinkt das Boot. Anita kann noch nicht schwimmen, jemand nimmt sie auf die Schulter, die ganze Familie überlebt.

Schon immer wussten Schugs Eltern, dass es irgendwann eng werden würde. Deshalb tauften sie sie überhaupt auf den Namen Anita. Das ist kein muslimischer Vorname. Schug lernte auch von klein auf Burmesisch, die Mehrheitssprache in Myanmar. Wenn nötig, würde das eine gewisse Anpassung erlauben. Mit ein Grund, warum Schug ihren Vater heute einen «Visionär» nennt. Er konnte als fast einziger Rohingya studieren, weil er Beziehungen hatte. Die Militärdiktatur fürchtete gut ausgebildete Rohingya. Deshalb musste er schnell fliehen. Der Chemieingenieur fand eine Stelle in Saudi-Arabien. Als Schugs Familie kein Geld mehr hatte, um die Polizei zu bestechen, damit sie nicht die gesamte Familie in Sippenhaft nahm, floh auch sie.

Bangladesch liessen sie schnell hinter sich. In Pakistan ging Schug in den Kindergarten und lernte die Landessprache Urdu. Es folgte eine Golfstaaten-Odyssee, immer wo der Vater gut bezahlte Arbeit fand, ging Schug in teure Privatschulen. Von Kuwait über Dubai, nach Oman und in andere Emirate. Mit 15 machte sie die saudi-arabische Matur.

In den Jahren auf der Flucht wurde sie erzogen, um für ihr verfolgtes Volk einzustehen. Je gebildeter man ist, desto grössere Wucht hat man, sagte sich ihr Vater. «Er gab mir nur Geld für die Ausbildung, wenn ich Ärztin werden würde. Dabei wollte ich das gar nicht.» Irgendwann gab sie nach. Weil ihr Vater ein überzeugter Kommunist ist, schickte er sie für das Medizinstudium in die Ukraine. Sie praktizierte in Saudi-Arabien, dann in England. Dort lernte sie ihren deutschen Mann kennen, von dem sie den Namen Schug hat.

«Ich wollte nie Politik machen»

Wenn man sie darauf anspricht, dass sie extrem nüchtern über das schreckliche Schicksal ihres Volkes spricht, sagt sie: «Ich habe gelernt, dass Tränen keinen interessieren. Tränen wirken schwach.» Schug setzt sich seit Jahren als Sprecherin des European Rohingya Council für internationale Sanktionen gegen Myanmar ein. In dieser Funktion spricht sie immer wieder vor dem UNO-Menschenrechtsrat. Dort bringt Weinen eben nichts. «Ich habe es mir nicht ausgesucht. Ich wollte nie Politik machen. Aber ich muss meinem Volk ohne Stimme eine Stimme geben.» Als sie das sagt, beginnt sie über die vielen kleinen Kinder zu sprechen, die in Myanmar an einfachem Fieber sterben, weil ihnen ein Paracetamol verweigert wird. Da bricht sie doch plötzlich in Tränen aus. «Als Mutter denkt man da an seine eigenen Kinder, das ist so unfassbar traurig», sagt sie weinend.

Noch immer hat sie in Myanmar lebende Verwandtschaft. Auch das Dorf ihrer Cousinen wurde kürzlich angegriffen, sie müssen in Angst leben, wollen aber nicht flüchten. «Sie sagen: ‹lieber mit Ehre im eigenen Land sterben, als auf der Flucht getötet werden›.»

Schug will selbst dereinst in Myanmar begraben werden. Sie ist ihrem Land, das sie gar nicht haben will, extrem verbunden. Als sie über ihre Heimat spricht, bricht sie zum zweiten Mal in Tränen aus. «Mein allergrösster Wunsch ist es, zurück nach Myanmar zu gehen und dort als Ärztin Menschen zu behandeln. Doch ich glaube nicht, dass das in den nächsten hundert Jahren realistisch ist. Wenn ich zurück könnte, ich würde sofort alles stehen und liegen lassen. Die Menschen in Myanmar brauchen mich mehr als hier.»