Irak
Militärexperte Stahel über Zivilisten in Mossul: «Warum sind sie nicht vorher gegangen?»

Für Albert A. Stahel sind Mossuls beschossene Zivilisten Gefolgsleute des «Islamischen Staats». Im Gespräch mit der «Nordwestschweiz» erklärt der Militärexperte, wie er zu dieser Einschätzung kommt.

Daniel Fuchs
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Alles IS-Gefolgsleute? Nach einem Luftangriff von letzter Woche bringen Bewohner aus Westmossul getötete Zivilisten aus einem Quartier.Felipe Dana/AP/Keystone

Alles IS-Gefolgsleute? Nach einem Luftangriff von letzter Woche bringen Bewohner aus Westmossul getötete Zivilisten aus einem Quartier.Felipe Dana/AP/Keystone

AP

Herr Stahel, im Interview mit dieser Zeitung vor mehr als einem Jahr nannten Sie Zivilisten in der IS-Hochburg Mossul Gefolgsleute der Terrormiliz. Nun sterben Zivilisten zu Hunderten, wie internationale Organisationen berichten. Halten Sie an Ihrer Haltung fest?

Albert A. Stahel: Ja, denn diejenigen, die noch im IS-Gebiet leben, haben sich mit dem IS arrangiert. Aus meiner Sicht gilt das Prinzip: mitgefangen, mitgehangen.

Ihr Mitleid mit der zivilen Bevölkerung hält sich also in engen Grenzen?

Nein, die Bilder und Berichte sind schlimm. Für manch einen Bewohner kam eine Flucht auch gar nicht infrage, zum Beispiel wenn ihm die Aufgabe seines Geschäfts schwerfiel. Auch widerspricht das, was nun in Mossul passiert, klar dem Kriegsvölkerrecht. Die Kriegsführung wäre ans Kriegsvölkerrecht gebunden, sie müsste sogenannte Kombattanten zwingend von Nichtkombattanten unterscheiden. Doch die Kriegsrealität ist leider eine andere. Und gerade in Mossul fragt es sich: Wer ist oder war Zivilist, wer ist Kämpfer?

Bilder der Zerstörung aus der vom Krieg gezeichneten Stadt Mossul:

20 Bilder

AP/EPA

Diese Frage stellt sich doch immer in besiedelten Gebieten.

Sehen Sie, der IS hat in Mossul ein Gesundheitswesen sowie ein Schulwesen betrieben und Ordnungshüter bezahlt. Wichtige IS-Leute sind also nicht zwingend Teil des militärischen Apparats. Wenn aus der noch ansässigen Bevölkerung Klagen zu vernehmen sind wie «Der IS hat uns drangsaliert», dann frage ich: Warum seid ihr nicht vorher gegangen? Auch die Zahlen sprechen dafür, dass Teile der Bevölkerung nicht opponierten. 2000 IS-Kämpfer standen in Mossul zuletzt einer Bevölkerung von 400'000 gegenüber. Wie sollen 2000 Kämpfer 400'000 Menschen kontrollieren?

Mittels Einschüchterung und Terror zum Beispiel. War denn eine Flucht aus dem Gebiet des «Islamischen Staats» überhaupt uneingeschränkt möglich?

Eine Flucht aus Mossul war und ist bis heute möglich. Doch um zu verstehen, warum gerade in Mossul die Unterstützung für den IS gross war, muss man in der Geschichte etwas zurückgehen: 2003 ist die US-Regierung unter George Bush im Irak einmarschiert und hat die Sunniten entmachtet. Die Schiiten hatten fortan mit Unterstützung der Amerikaner das Sagen. Die Bevölkerung Mossuls war mehrheitlich sunnitisch, genauso wie die ehemaligen Militärkader unter Saddam Hussein, die im Gefängnis mit den islamistischen Extremisten zusammenkamen. Aus ihren Reihen entstand später die al-Kaida in der Levante und aus dieser schliesslich die Terrormiliz IS.

Die Schlacht um Mossul fordert jedenfalls viel Leid. Wird sie denn wenigstens Erfolg haben und den IS von der Landkarte tilgen?

Die Offensive ist falsch konzipiert: Die von den Amerikanern angeführte Allianz nutzt für ihre Luftschläge neben den Kampfflugzeugen A-10A vor allem mit Maschinenkanonen und Lenkwaffen ausgerüstete Apache-Kampfhelikopter. Damit kann man in einem dicht besiedelten Gebiet wie Mossul einen in den Häusern verschanzten Gegner nicht zielgenau bekämpfen. Vielmehr führt es zu eben zu den vielen Toten unter der Bevölkerung. Doch auch am Boden läuft vieles falsch. Die Bodenoffensive läuft so, wie sie immer abläuft, wenn man Einheimische in den Kampf vorschickt. Diese sind im vorliegenden Fall nicht nur mangelhaft ausgebildet, sondern teilweise auch mangelhaft bewaffnet. Einen Gegner wie den IS auszuhebeln, benötigt viel Zeit und führt unter den irakischen Truppen zu hohen Verlusten.

Zur Person Albert A. Stahel ist Politik- und Wirtschaftswissenschafter. An der Universität Zürich doziert er Strategische Studien.

Zur Person Albert A. Stahel ist Politik- und Wirtschaftswissenschafter. An der Universität Zürich doziert er Strategische Studien.

Keystone

Was würden – wie von Ihnen gefordert – westliche Bodentruppen daran ändern, allen voran amerikanische?

Die Amerikaner hätten eine Bodenoffensive mit mindestens 100'000 Mann und Kampfpanzern führen müssen. Sie müssten die IS-Kämpfer, die in den Häusern verschanzt sind, mit den Irakern und aus der Luft bekämpfen. Klassischer Häuserkampf. Die irakische Armee ist dafür zu wenig ausgebildet und ausgerüstet. Die Führung des IS ist dagegen kampferprobt. Die über 4000 Amerikaner vor Ort sind Berater der Irakis. Offenbar werden einzelne Elitesoldaten als Scharfschützen eingesetzt.

Wer trägt die Verantwortung?

Neben dem IS und seinem selbst ernannten Kalifen al-Baghdadi und der irakischen Regierung vor allem der frühere Präsident der USA: Obama hat 2014 zwar entschieden, den IS zu vernichten, wollte aber keine amerikanischen Bodentruppen im Irak, sondern den Luftkrieg mit den Irakis am Boden.

Mossul: Hunderte Zivilisten getötet

Im Kampf um die nordirakische Hochburg des «Islamischen Staats» (IS) Mossul sind nach einer Untersuchung der Menschenrechtsorganisation Amnesty International Hunderte Zivilisten bei Luftangriffen getötet worden. Die irakische Regierung habe sie zuvor aufgefordert, an Ort und Stelle zu bleiben und nicht aus Häusern oder vermeintlich sicheren Orten zu fliehen, wie Überlebende und Augenzeugen der Organisation berichteten. In zahlreichen Fällen erzählten Überlebende und Nachbarn, dass sich IS-Kämpfer in oder in der Nähe der zerstörten Häuser befanden oder sich in benachbarten Gebäuden verschanzt hatten, die nicht Ziel der Angriffe waren. Die UNO nannte gestern die Zahl von mindestens 307 Zivilisten, die seit Beginn der Offensive auf Westmossul im Februar getötet worden seien. Die Terrormiliz IS hätte sie als menschliche Schutzschilde missbraucht. (sda)